21.01.2020 ADHS an der Schule: mit herausfordernden Kindern lernen

Fokus-Ansatz. In fast jeder Klasse gibt es impulsive und unaufmerksame Kinder. Das BAG finanziert Weiterbildungen, in denen Lehrpersonen lernen, wie sie Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten besser im Unterricht fördern und in die Klasse integrieren können. Zu Beginn dieses Jahrtausends sind sowohl die Anzahl Diagnosen für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) wie auch der Ritalinkonsum stark gestiegen. Doch die Lage hat sich stabilisiert, wie die Ritalinverkäufe der letzten 10 Jahre zeigen.

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Etwa fünf Prozent aller Schülerinnen und Schüler sind von ADHS-Störungen betroffen. Viele Lehrpersonen sind unsicher, wie sie diese Kinder fördern können.

Heute sind etwa fünf Prozent aller Schülerinnen und Schüler in der Schweiz von Störungen aus dem ADHS-Spektrum betroffen (siehe Kasten). Die Krankheit beeinträchtigt nicht nur das Lernen und die Schulkarriere der Kinder, mit ADHS in der Kindheit geht auch später im Leben ein erhöhtes Risiko für Suchtmittelkonsum und Gewalt einher.

Lösungsansätze

Das Verhalten dieser Kinder kann zudem für die Lehrperson belastend sein. Viele Lehrpersonen sind unsicher, wie sie diese Kinder im Rahmen des Regelunterrichts fördern können. Um die Lehrpersonen zu befähigen, sich der Herausforderung ADHS im Schulalltag zu stellen und damit einen wichtigen Beitrag zur Prävention von schulischen und gesellschaftlichen Fehlanpassungen zu leisten, hat das Zentrum Lernen und Sozialisation der Pädagogischen Hochschule FHNW gemeinsam mit Lehrpersonen aus dem Kanton Solothurn geeignete Strategien und Lösungsansätze für ADHS im Schulkontext entwickelt. Und mit der vom BAG finanzierten «Interventionsstudie zur Förderung von Kindern mit Unaufmerksamkeit und Verhaltensauffälligkeiten in der Schule» (Fokus) ein entsprechendes Weiterbildungsangebot für Lehrpersonen der Primarschule konzipiert – und wissenschaftlich überprüft.

Sinnvolle Strukturierung des Unterrichts
Zu den Massnahmen des Fokus-Ansatzes gehören Elemente der Klassenführung, etwa das Farbenrad oder verschiedene Lernecken. Mit dem Farbenrad können die Lehrpersonen dem Unterricht bewusst einen Rhythmus verleihen – und ihren Schülerinnen und Schülern klar signalisieren, ob sie aktuell in einer Phase der Stillarbeit oder in einer Phase des freien Spiels oder ähnlicher Aktivitäten stecken. Mit der Einrichtung von verschiedenen Lernecken (also etwa klar getrennten Bewegungs-, Ruhe-, Dokumentations- oder Spiel-
ecken) oder auch Einzelarbeitsplätzen haben die Lehrpersonen die Möglichkeit, den Unterrichtsraum sinnvoll aufzuteilen. Das Ziel dieser und weiterer Massnahmen ist eine Strukturierung des Unterrichts, die verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern eine klare Orientierung und möglichst wenig Ablenkung bietet.

Grösserer Zusammenhalt in der Klasse
Der Fokus-Ansatz beinhaltet auch Elemente, die direkt auf das verhaltensauffällige Kind abzielen. Dazu gehören etwa akustische Konzentrationsübungen oder der Einbau von kurzen Bewegungssequenzen in den Unterricht. Die Ergebnisse der Studie belegen eine positive Wirkung der Massnahmen auf die Unaufmerksamkeit und ansatzweise auf die Hyperaktivität und Impulsivität der Kinder. Zudem begünstigt der Fokus-Ansatz die soziale Integration der von ADHS betroffenen Kinder, was sich wiederum positiv auf deren Verhalten auswirkt: Der grössere Zusammenhalt in der Klasse stabilisiert und beruhigt. Aus den Ergebnissen der Fokus-Studie lässt sich deshalb ableiten, dass Konzentration und Wertschätzung wirksamere Mittel für Hyperaktivität und Impulsivität im Unterricht sind als Bewegung und Sport.

Kinder mit ADHS sollten nicht nur psychologisch betreut und bei Bedarf medikamentös behandelt, sondern auch mit pädagogischen Massnahmen unterstützt und gefördert werden. Der erfolgreiche Fokus-Ansatz zeigt auf, wie Lehrpersonen mit Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität in der Unterstufe umgehen können. Der Kurs ist in mehreren Kantonen der Deutschschweiz ins Weiterbildungsangebot von Pädagogischen Hochschulen aufgenommen worden.

Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS)

ADHS ist die häufigste psychiatrische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen, sie wird bei Jungen merklich häufiger diagnostiziert als bei Mädchen. Die Störung äussert sich durch Probleme mit der Aufmerksamkeit, der Impulsivität und der Selbstregulation, oft kommt auch eine starke körperliche Unruhe oder Hyperaktivität hinzu. Diese Symptome haben jedoch noch keinen Krankheitswert: Erst wenn sie zu erkennbarem Leiden führen oder mehrere Lebensbereiche deutlich beeinträchtigen, ist eine ADHS-Diagnose gerechtfertigt.

Als neurobiologische Störung hat ADHS weitgehend genetische Ursachen. Früher galt die Störung als reines Verhaltensproblem, doch heute wird sie zunehmend als komplexe Entwicklungsverzögerung des Selbstmanagementsystems im Gehirn verstanden. Verlaufsstudien haben nachgewiesen, dass die Störung bei 40 bis 80 Prozent der diagnostizierten Kinder auch in der Adoleszenz und bei einem Drittel auch später im Erwachsenenalter fortbesteht.

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Kontakt

Anna Rickli
Direktionsbereich Öffentliche Gesundheit

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