01.03.2011 Alkohol und Gewalt treten oft zusammen auf

KAP-Tagung. Der Konsum von Alkohol erhöht nachweislich das Risiko, als Opfer oder Täter mit Gewalt in Berührung zu kommen – im häuslichen wie im öffentlichen Raum. Die Tagung der KAP (Kantonale Aktionspläne Alkohol) zum Thema «Alkohol und Gewalt – élixir de violence?» hat sich dieses problematischen Zusammenhangs angenommen.

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TODO CHRISTIAN

Das Gemeinwesen sieht sich mit einer Vielzahl von Fragen und Problemen konfrontiert, die in der Schnittmenge von Alkohol und Gewalt entstehen. An der KAP-Tagung vom 18. November 2010 beleuchteten Fachleute aus dem In- und Ausland in 18 Referaten die Wechselwirkungen zwischen Alkoholmissbrauch und Gewalt und zeigten Lösungsansätze auf, wie diesem Problem besser begegnet werden kann. Besonderes Augenmerk galt der häuslichen Gewalt, einem Thema, das im Vergleich zu Alkohol und öffentlicher Gewalt verhältnismässig wenig Aufmerksamkeit erhält.

Brennpunkt häusliche Gewalt
Die Zahlen verschiedener Erhebungen sprechen eine deutliche Sprache über den Zusammenhang von Alkohol und häuslicher Gewalt. In einer umfangreichen Studie aus der Schweiz aus dem Jahre 2001* wurden Polizisten, Fachstellen aus der Alkoholberatung und Alkoholtherapie, Allgemein- und Frauenärztinnen sowie Betroffene aus dem Kanton Zürich und Expertinnen aus den sieben grössten anderen Kantonen befragt. Die Befragungen ergaben einen Anteil von 40 Prozent an Fällen von häuslicher Gewalt, bei denen Alkohol im Spiel war. Eine Befragung von Polizisten im Kanton Bern aus dem Jahre 2007** ergab einen Anteil von 57 Prozent an Gewalthandlungen mit Alkohol. Alkoholprobleme und Gewalt sind also fest ineinander verzahnt. Dementsprechend müssten Beratungs- und Behandlungsangebote im Bereich Alkohol auch das Thema Gewalt beinhalten und umgekehrt. Dem ist in der Schweiz aber (noch) nicht so.
Wie steht es also um die Vernetzung von Alkoholberatung und Bekämpfung der häuslichen Gewalt? Bereits im Vorfeld der KAP-Tagung 2010 wurde die Notwendigkeit einer Bestandesaufnahme von Modellen und Massnahmen an der Schnittstelle zwischen diesen zwei Bereichen identifiziert. Diese Bestandesaufnahme wurde vom Fachverband Sucht in Zusammenarbeit mit der Fachstelle gegen Gewalt des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann durchgeführt. Diese beiden Stellen haben den Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG), die Massnahmen zur Bekämpfung häuslicher Gewalt und die Alkoholberatung enger zu vernetzen.
Befragt wurden Beratungsstellen in den Bereichen Alkohol, Gewalt und Opferhilfe. Mit einer kleinen qualitativen Analyse und einer standardisierten Befragung wurden die Angebote, die Konzepte, die Vernetzung und der Handlungsbedarf an der Schnittstelle der drei Bereiche untersucht.

Wenige kombinierte Beratungsangebote
Richard Blättler vom Fachverband Sucht präsentierte an der KAP-Tagung die Resultate. Die Erhebung bei 59 Beratungsstellen und die Recherchen in drei ausgewählten Kantonen brachten grosses Optimierungspotenzial zutage. Weder im Alkohol- noch im Gewaltbereich werden die Klientinnen und Klienten systematisch zur kombinierten Problematik befragt. Am besten ist die Situation diesbezüglich in den städtischen Zentren, die ein relativ gutes Angebot im Bereich Gewaltberatung haben. Im Alkoholbereich ist jedoch eine grosse Zurückhaltung dem Thema Gewalt gegenüber spürbar. Abgesehen von TAVIM (Treatment of Alcoholic Violent Men, ein Programm, das in Deutschland im Einsatz ist) – das aber aktuell in der Schweiz noch von niemandem angewendet wird –, ist kein Konzept für die Beratung bei kombinierter Problematik genannt worden. Behandlung und Beratung werden entweder zu Alkohol oder zu Gewalt durchgeführt und es werden, wenn überhaupt, eine Überweisung und eine parallele Behandlung in die Wege geleitet.
Die gegenseitige strukturelle Verankerung ist auch noch zu schwach, um eine wirksame gemeinsame Antwort auf die Kombination von Sucht und Gewalt zu geben. Interviews mit Richterinnen und Richtern haben ergeben, dass die Möglichkeit, Beratung wegen Gewalt und wegen Alkoholproblemen anzuordnen, zu wenig genutzt werden. Oft werden Verfahren wegen häuslicher Gewalt gar eingestellt, weil der Täter unter Alkohol­einfluss stand. Trunkenheit wird nach wie vor häufig als mildernder Umstand geltend gemacht – mit Erfolg.

Die Erhebung hat zumindest einen Schritt in Richtung Sensibilisierung auslösen können. Zum Handlungs- und Weiterbildungsbedarf sind vielfältige Anregungen seitens der befragten Stellen eingegangen, die hauptsächlich Forschung, Finanzierung, Sensibilisierung und bessere Vernetzung betreffen.

KAP-Tagung

Um den Alkoholproblemen auf nationaler wie kantonaler Ebene wirksam und vernetzt entgegenzutreten, führt die Eidgenössische Kommission für Alkoholfragen (EKAL) in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) und der Eidgenössischen Alkoholverwaltung die jährliche KAP-Tagung durch (KAP: Kantonale Aktionspläne Alkohol). Zielgruppe der Tagung sind alle Fachleute, die sich in den verschiedenen kantonalen Direktionen mit alkoholpolitischen Fragestellungen beschäftigen.

Kontakt

Gabriela Scherer, Co-Leiterin Sektion Alkohol, gabriela.scherer@bag.admin.ch

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