01.07.2014 Alkoholmissbrauch: Wirtschaft trägt grössten Schaden

Alkoholbedingte Kosten. Missbräuchlicher Alkoholkonsum belastet nicht nur Betroffene, sondern die ganze Gesellschaft mit über 4 Milliarden Franken pro Jahr. Zu diesem Schluss kommt eine vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Auftrag gegebene Studie. Den grössten Schaden trägt die Wirtschaft: Die jährlichen alkoholbedingten Produktivitätseinbussen belaufen sich auf 3,4 Milliarden Franken.

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Missbräuchlicher Alkoholkonsum ist ein Risikofaktor für 60 Krankheiten sowie für Unfälle oder Gewalttaten, und er führt zu Produktivitätsverlusten am Arbeitsplatz. Insgesamt kostete der Alkoholkonsum in der Schweiz im Referenzjahr 2010 4,2 Milliarden Franken. Dies entspricht 0,7% des BIP oder Pro-Kopf-Kosten von 630 Franken pro Jahr bei der über 15-jährigen Bevölkerung, wie die Studie «Alkoholbedingte Kosten in der Schweiz» aufzeigt.

Wirtschaft trägt 80% des Schadens
3,4 Milliarden Franken und somit 80% der Gesamtkosten werden durch Produktivitätsverluste in der Wirtschaft verursacht. Davon fallen 1,2 Milliarden Franken direkt bei den Unternehmen an, wenn Arbeitnehmende zum Beispiel aufgrund eines Katers kurzfristig ausfallen oder eine geringere Arbeitsleistung erbringen. 0,5 Milliarden Franken werden durch Mortalität und Morbidität verursacht. Mortalität bedeutet, dass der Volkswirtschaft durch frühzeitige Todesfälle Produktionsressourcen in Form von Arbeitskraft verloren gehen. Bei Morbidität fehlen diese wegen Krankheiten und frühzeitigen Pensionierungen. Die restlichen 1,7 Milliarden Franken entgehen der Volkswirtschaft als Ganzem durch reduzierten Wohlstand.

Gesundheitswesen: 613 Millionen Franken
Im Gesundheitswesen fallen weitere 613 Millionen Franken an direkten Kosten aufgrund von Alkoholmissbrauch an. Dazu gehören Ausgaben für die Behandlung von alkoholbedingten Krankheiten, Unfällen und Verletzungen. Die Kosten für stationäre Behandlungen sind dabei mit 405 Millionen Franken fast doppelt so hoch wie für ambulante Behandlungen (208 Millionen Franken).

Strafvollzug: 251 Millionen Franken
Alkoholmissbrauch begünstigt das Begehen von Straftaten wie Gewalthandlungen oder Trunkenheit am Steuer. Dies belastet die öffentliche Hand in den Bereichen Polizei, Justiz und im Strafvollzug mit 251 Millionen Franken. Fast die Hälfte dieser Kosten fällt bei der Polizei an (113 Millionen Franken). Die wegen alkoholbedingten Straftaten inhaftierten Gefängnisinsassen und -insassinnen belasteten die öffentliche Hand mit 75 Millionen Franken. Die Justiz trägt einen vergleichsweise kleinen Kostenanteil (64 Millionen Franken), weil hier nur die ungelösten Fälle Ausgaben verursachen. Die überführten Straftäter zahlen in der Regel die Verwaltungsaufwendungen selbst.

Wer bezahlt?
Nominell verzeichnen die Unternehmen mit schätzungsweise 1,7 Milliarden Franken die grössten direkten Aufwendungen. Dazu zählen die erwähnten Verluste aufgrund von Produktivitätseinbussen, Mortalität und Morbidität. Die übrigen 1,7 Milliarden Franken an wirtschaftlichen Kosten gehen zulasten des sozialen Wohlstands – also der gesamten Volkswirtschaft und letztlich der Gesellschaft. Die direkten Kosten des Gesundheitswesens und des Strafvollzugs tragen die Sozialversicherungen (298 Millionen) sowie der Staat (387 Millionen), sprich der Steuerzahler und die Steuerzahlerin. Die übrigen 179 Millionen Franken sind Ausgaben von Privathaushalten in Form von Krankenkassenfranchisen und Selbstbehalten, welche in der Studie wegen der
Datenverfügbarkeit nicht extrahiert werden konnten. Es sind dies die einzigen berücksichtigten privaten Kosten.

Von Prävention profitieren alle
Letztlich zahlen also alle Schweizer und Schweizerinnen für den Alkoholmissbrauch – die Gesellschaft trägt eine kollektive Verantwortung. Die Prävention von Alkoholmissbrauch hilft, die Kosten zu senken. Sie ist deshalb nicht nur im Interesse der Unternehmen und der Sozialversicherungen, sondern auch aller Bürgerinnen und Bürger. Im Bericht «Gesundheit 2020» zu den gesundheitspolitischen Prioritäten hält der Bundesrat fest, dass Gesundheitsförderung und Krankheitsvorbeugung intensiviert werden sollen. Damit können auch die volkswirtschaftlichen Kosten reduziert werden, die durch unausgewogene Ernährung und mangelnde Bewegung, übermässigen Alkoholkonsum oder Tabak verursacht werden. Das Nationale Programm Alkohol (NPA) sieht zudem konkret vor, die negativen Folgen des Alkoholkonsums im öffentlichen Leben und in der Volkswirtschaft zu verringern.

Diverse Präventionsprojekte
Im Gesundheitswesen laufen sowohl ein Projekt zur Stärkung der Selbsthilfe als auch ein Programm zur Förderung von Kurzintervention von Hausärzten, welche beide Kostensenkungen zum Ziel haben. Zudem wird ein Modellprojekt für Spitaleinweisungen bei Alkoholintoxikationen entwickelt. Damit soll die Zusammenarbeit zwischen Medizin, Prävention, Betroffenen und deren Eltern systematisiert werden. Heute wird der Prozess bis zur Entlassung von Spital zu Spital unterschiedlich gehandhabt. Das Modell soll die Effektivität der Behandlungen steigern und deren Kosten senken. Weiter wurden Grundlagen zum Thema Alkohol und Gewalt sowie Jugendschutzkonzepte für bewilligungspflichtige Anlässe erarbeitet. Dank der Ausweitung von Testkäufen und Schulungen des Verkaufspersonals soll der Vollzug des gesetzlichen Abgabealters verbessert werden. Zahlreiche Projekte widmen sich der Sensibilisierung der Bevölkerung für die Gefahren des problematischen Alkoholkonsums.

Plattform für Unternehmer

Im Rahmen des Nationalen Programms Alkohol unterstützt das BAG zusammen mit einer breit abgestützten Allianz zahlreiche Projekte. Eine Studie zeigt auf, dass gerade für Unternehmen sehr hohe Kosten durch missbräuchlichen Alkoholkonsum entstehen. Die Plattform www.alkoholamarbeitsplatz.ch bietet u.a. Informationen und Unterstützungsmassnahmen für Präventionsprogramme in Unternehmen.

Kontakt

Gabriela Scherer, Co-Leiterin Sektion Alkohol, gabriela.scherer@bag.admin.ch

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