01.11.2013 Aus erster Hand

Editorial Steven Derendinger. Erstmals widmete sich das Schweizer HIV&STI-Forum des Bundesamts für Gesundheit (BAG) der sexuellen Gesundheit von Transmenschen. Die Themenwahl des Forums spiegelt nicht nur das verstärk­te Bewusstsein der Fachleute für sexuelle Gesundheit wider, sondern stellt auch einen wichtigen Meilenstein dar.

Bildstrecke Aus erster Hand

TODO CHRISTIAN

Diese Wendung hat zuerst eine ideologische Bedeutung: Die Anerkennung der Existenz von Transmenschen und ihrer Bedürfnisse stellt unser herkömmliches Verständnis von Geschlecht, Gender und sexueller Orientierung in Frage. Dies erfordert kontinuierliche Sensibilisierung und Aufklärung der Öffentlichkeit und der Behörden im Hinblick auf mehr Menschlichkeit und Offenheit. Eine grosse Herausforderung für die täglich mit Stigmatisierung konfrontierte Transgendergemein­schaft stellt auch ein weiteres gesellschaftliches Stigma dar: HIV und Aids.
Die Wendung hat aber auch eine epidemiologische Dimension: Die Empfehlungen des vom BAG in Auftrag gegebenen Rapid Assessments zur Situation von Transmenschen bedeuten das Ende ihrer Unsichtbarkeit in der BerDa-Software und in den Meldeformularen betreffend sexuell übertragbare Infektionen (STI). So ist es auch das Ende ihrer Unsichtbarkeit in nationalen Statistiken und in der Überwachung von HIV und anderen STI. Würde die Variable «Transgender» in die nächste Ausgabe der Schweizerischen Gesundheitsbefragung des Bundesamtes für Statistik integriert, wäre es möglich, genauere Kenntnisse über die Gesundheit dieser Bevölkerungsgruppe zu gewinnen und ihre Bedürfnisse besser zu erfassen.
Schliesslich – und vor allem – handelt es sich um einen strategischen Punkt. Namentlich im Bereich der sexuellen Gesundheit gibt es noch sehr viel zu tun. Neue Forschungs- und Präventionsprogramme müssen in enger Zusammenarbeit mit der Transgendercommunity entwickelt und umgesetzt werden. Neben HIV/Aids sind der erschwerte Zugang zu medizinischer Versorgung, die soziale Diskriminierung und ihre Konsequenzen zentrale Themen (familiäre und soziale Ausgrenzung, Verlust des Arbeitsplatzes, Mangel an Selbstwertgefühl, Drogenkonsum, Marginalisierung und Gewalt). Zu den wichtigsten Anliegen gehören auch die rechtlichen Hindernisse, welche das Coming-out von Transgenderpersonen oft begleiten. Das sind soziale Hindernisse, die nur mit einer tiefgreifenden Entwicklung der Gesellschaft überwunden werden können. Dies kann nur geschehen, wenn sich Politikerinnen und Politiker und Fachleute gemeinsam engagieren.
Der erste Impuls ist erfolgt.


Steven Derendinger
Sektion Prävention und Promotion
Bundesamt für Gesundheit

Nach oben