01.09.2014 Aus erster Hand

Editorial Andrea Arz de Falco. Der französische General und Staatsmann Charles de Gaulles hat mal gesagt: «La vieillesse est un naufrage.» Das illustriert treffend, wie das Alter lange empfunden wurde – als Schiffbruch. In der Vormoderne blieb das Leben oft Fragment. Die Menschen starben in der Regel jung. Wer dennoch altern durfte, empfand es häufig als Last, wenn die Sinnpfeiler Arbeit und Familie wegfielen und sich zunehmend körperliche Beschwerden und Einsamkeit einstellten.

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In den letzten zwei Jahrhunderten hat sich die Lebenserwartung der Menschen in Europa mehr als verdoppelt. Die Langlebigkeit schenkt uns ein neues, bislang unbekanntes Zeitfenster. Viele nutzen dieses aktiv, engagieren sich weiterhin beruflich oder nebenberuflich, entdecken neue Talente oder Fähigkeiten, unternehmen Reisen, treiben Sport und helfen, die Enkelkinder grosszuziehen. Dieser dritte, von vielen Alltagszwängen befreite Lebensabschnitt ermöglicht es uns zudem, die eigene Biografie zu erzählen und nicht zuletzt ein anderes Weltverständnis zu entwickeln. Das kollektive Gedächtnis, das Wissen um die eigene Herkunft, erhält eine neue Qualität, weil Kinder nicht mehr nur Eltern, sondern häufig zwei Grosselternpaare und gar Urgrosseltern erleben dürfen.

Die Alterung der Gesellschaft hat aber auch ihre Kehrseiten. Dazu gehören nicht zuletzt der akute Pflegenotstand, die steigenden Gesundheitskosten oder auch die Zunahme nichtübertragbarer Krankheiten wie Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Leiden der Atemwege oder muskuloskelettale Krankheiten. Für viele Menschen ist das Alter auch mit finanziellen Engpässen und mit Einsamkeit und Depression verbunden.    

In Sachen Langlebigkeit sind wir in den Industrieländern Weltspitze. Dieser Spitzenplatz verlangt aber auch, dass wir uns entscheiden, welchen Sinn wir dem immer länger dauernden Alter geben und in welcher Qualität wir den dritten Lebensabschnitt verbringen wollen. Ich bin überzeugt, dass wir ein Bewusstsein schaffen müssen, dass ein gesunder Lebensstil Lebensqualität und Genuss bedeutet und zudem massgebend dafür verantwortlich ist, wie körperlich, geistig und seelisch «fit und zwäg» wir unser Leben und insbesondere unser Alter verbringen. Wir alle können dazu beitragen, dass die «geschenkten Jahre» auch als Geschenk erlebt werden – und nicht als Schiffbruch.


Andrea Arz de Falco
Leiterin des Direktionsbereichs Öffentliche Gesundheit
Vizedirektorin Bundesamt für Gesundheit 

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