01.11.2012 Das neue Phänomen der exzessiven Nutzung von elektronischen Medien

Hyperkonnektivität und «Onlinesucht». Im Jahr 2010 haben der Fachverband Sucht und die Groupement romand d’études des addictions (GREA) im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) eine Bestandsaufnahme über Einschätzungen der Prävention und Behandlung von übermässigem Konsum von Internet und anderen elektronischen Medien in der Schweiz erstellt. Ein Resultat dieser Arbeit sind Empfehlungen für den Umgang mit diesem neueren Phänomen nach dem Vier-Säulen-Prinzip.

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TODO CHRISTIAN

Die Angebote und Möglichkeiten der elektronischen Medien entwickeln sich rasch und laufend weiter. Während diese Realität grosse Chancen bietet, birgt sie auch Gefahren.

Prävention
In der Logik der Gesundheitsförderung muss die Prävention von problematischem Medienkonsum mit einer Stärkung der Medienkompetenz und der Entwicklung der Ressourcen des Individuums und seines Umfeldes (im Sinne der Früherkennung und Frühintervention) einhergehen. Die Omnipräsenz von elektronischen Medien stellt die Prävention vor eine neue Herausforderung. Wie in anderen Suchtbereichen muss eine wirksame Prävention aber auch hier Verhältnis- (Regulierung des Angebotes, Zugangsbeschränkungen, Besteuerung usw.) und Verhaltensprävention (Sensibilisierung der Bevölkerung,  Präventionsbotschaften für spezielle Zielgruppen) beinhalten.

Schadensminderung
Die Berufsverbände empfehlen gezielte Massnahmen zur Schadensminimierung bei gefährdeten Individuen. Hier könnten sich Instrumente zum kontrollierten Konsum – ähnlich wie bei der Alkoholabhängigkeit – als sinnvoll und wirksam erweisen. Solche Instrumente könnten entweder auf die Medien angewendet (zeitliche Begrenzung des Konsums, Selbstkontrolle, Monitoring) oder in der Sozialarbeit eingebracht werden (Spiel- und Jugendclubs, Mediatoren usw.).

Behandlung
In der ganzen Schweiz soll kostenlose und qualitativ hochstehende therapeutische Begleitung angeboten werden. Die Suchtfachleute haben in den letzten Jahren ihre Kompetenzen auf dem Gebiet der nicht substanzgebundenen Süchte erweitert. Es ist wichtig, beim ersten Kontakt mit Betroffenen eine therapeutische Begleitung anzubieten, diese aber nicht zu sehr zu pathologisieren, um so eine Stigmatisierung zu vermeiden. Exzessiver Medienkonsum bei Jugendlichen ist häufig Symptom einer problematischen Familiensituation. Aus diesem Grund erzielen systemische Ansätze (z.B. MDFT, Multidimensionale Familientherapie) sehr gute Ergebnisse.

Marktregulierung
Der Markt der elektronischen Medien (Geräte und Inhalte) unterliegt keinen spezifischen gesetzlichen Vorschriften ausserhalb der Handels- und Gewerbefreiheit. Es handelt sich jedoch um einen bedeutenden Markt unter hohem Konkurrenzdruck, dessen Marketing stark auf Jugendliche ausgerichtet ist – mit den entsprechenden Risiken einer übermässigen Nutzung. Eine Klärung der Rollen und Regeln zwischen Sensibilisierung für diese Risiken einerseits sowie Marketing und Werbung andererseits ist vonnöten. Die Fachverbände regen eine engere Zusammenarbeit von Anbietern und Nutzern an, um die Prävention besser einzubetten.

Exzessive Internetnutzung – Terminologie und Definitionen

Hyperkonnektivität: Dieser Begriff bezieht sich auf die umfangreiche Nutzung verschiedenster elektronischer Medien.

Elektronische Medien: Darunter versteht man sowohl Trägermedien (Fernsehen, Radio, Computer, Handy, Tablet-Computer und weitere Geräte mit einem Bildschirm) als auch Inhalte (Videospiele, soziale Netzwerke usw.).

Problematischer/übermässiger Medienkonsum: Von einem problematischen oder übermässigen Konsum elektronischer Medien spricht man dann, wenn daraus negative Folgen für die Gesundheit und das Sozialleben des Betroffenen erwachsen, beispielsweise weil kaum noch Zeit für anderes (z.B. Sport, Schlafen, Essen, Arbeit oder Schule) bleibt und sich der Lebensmittelpunkt zunehmend vom realen zum virtuellen Leben verschiebt.

«Onlinesucht»: Dieser Begriff sollte mit Vorsicht und nur von Fachleuten verwendet werden. Die Fachverbände empfehlen, bei Minderjährigen in keinem Fall von Onlinesucht, aber allenfalls von einem problematischen oder übermässigen Konsum zu sprechen.

Kontakt

Isabelle Widmer, Sektion Drogen, isabelle.widmer@bag.admin.ch

Frédéric Richter, Groupement romand d’études des addictions, f.richter@grea.ch

Richard Blättler, Fachverband Sucht, blaettler@fachverbandsucht.ch

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