01.07.2013 Die Schule braucht gesunde Lehrpersonen

Forum Beat W. Zemp. Es gibt sehr viele Untersuchungen über die sinkende Gesundheit von Schulkindern, über die Risikofaktoren von Adipositas im Schulalter oder über den Konsum von Alkohol und Drogen im Jugendalter. Und es gibt ebenso viele Präventionsprogramme und Projekte, um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu verbessern.

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Die «Alles-Heilanstalt» namens Schule soll dabei wieder einmal richten, was die Gesellschaft und die Erziehungsberechtigten versäumt haben. Die Liste ist lang, von A wie Antiraucherkampagne bis Z wie Zähneputzen, und sie fordert und überfordert immer mehr Lehrpersonen, sodass seit einigen Jahren auch die sinkende Gesundheit von Lehrpersonen, bis hin zum Burnout, ein Thema ist. Zwar gibt es auch in vielen anderen Berufen hohe Anforderungen, die ein grosses Mass an Flexibilität und persönlichem Engagement voraussetzen. Aber der Lehrberuf zeichnet sich zusätzlich durch eine ganze Reihe von Dilemmasituationen aus, die Lehrpersonen im besten Fall etwas entschärfen können, um sie dann besser auszuhalten. Die Schere zwischen Aufgabendelegation an die Schule und den konkreten Arbeits- und Unterrichtsbedingungen öffnet sich immer mehr. Lehrpersonen müssen die Balance in solchen beruflichen Dilemmas finden und halten, ein ganzes Berufsleben lang, um gesund und produktiv zu bleiben.
Als Lehrperson muss ich jeden einzelnen Lernenden wahrnehmen, bestmöglich fördern und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Klassenziele erreicht werden. Ich bin für die Lernenden Trainer, Prüfer und Schiedsrichter in Personalunion. Auf der Schulebene sorge ich dafür, dass die Grundwerte unserer Schule eingehalten werden, ohne aber deswegen die grundsätzliche Wertepluralität und meine eigenen Wertvorstellungen ausser Acht zu lassen. Als Teil des Kollegiums beteilige ich mich an den Entwicklungsarbeiten meiner Schule. Als Mitglied der Gesellschaft setze ich mich für die Schulen und das Bildungswesen ein, und bekomme als «Dank» die immer gleichen Vorurteile über meinen Beruf zu hören nach dem Motto: Lehrer haben am Morgen recht und am Nachmittag frei. Viele Bildungspolitiker beschwören zwar die Wichtigkeit unseres Berufes, einige scheuen sich aber nicht, die Arbeits- und Anstellungsbedingungen zu verschlechtern. Dazu kommen die arbeitsmedizinisch messbaren Belastungen am Arbeitsplatz in der Schule wie Lärm, Feinstaub, hohe Kohlendioxidkonzentration, fehlende Pausen und Rückzugsmöglichkeiten, andauerndes Multitasking und saisonale Spitzenbelastungen bei der Arbeitszeit.
In diesen Kontext muss sich die schulische Gesundheitsförderung einfügen, die immer wichtiger wird. Letztlich ist sowohl bei den Lehrenden als auch bei den Lernenden eine nachhaltige Verhaltensänderung auf verschiedenen Ebenen (Lebensstil, Bewegung, Einstellung, soziale Beziehungen, Ernährung) nötig. Dieser Lernprozess lässt sich mit Vorteil zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen und im Verbund mit anderen Schulen im schweizerischen Netzwerk Gesundheitsfördernder Schulen angehen. Das neue Kompetenzzentrum éducation21 (Bildung für nachhaltige Entwicklung) unterstützt in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Gesundheit die Schulen und Lehrpersonen bei diesem Prozess. Denn wer als Lehrperson selber eine gute Work-Life-Balance erreicht und sein Gesundheitsbewusstsein schärft, kann diese Grundhaltung auch besser an die Schülerinnen und Schüler weitergeben. Eine gesunde, leistungsfähige und optimistische Lehrerschaft ist und bleibt der wichtigste Erfolgsfaktor für eine gute Schule!


Beat W. Zemp
Gymnasiallehrer und Zentralpräsident des Dachverbands Schweizer
Lehrerinnen und Lehrer (LCH)

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