01.05.2014 Die SuchtAkademie 2013 erarbeitet Denkanstösse für eine zeitgemässe Suchtpolitik

SuchtAkademie 2013. Bereits zum vierten Mal trafen sich im August 2013 auf dem legendären Monte Verità oberhalb Ascona Fachleute aus Gesundheits- und Sozialwesen, Forschung und Politik zu einem intensiven Austausch – diesmal zum Thema Konsumkompetenz zwischen individueller und kollektiver Verantwortung.

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Hoch über dem Lago Maggiore, wo schon vor hundert Jahren mit psychoaktiven Substanzen und alternativen Lebens- und Ernährungsformen experimentiert wurde, diskutierten die Teilnehmenden der SuchtAkademie 2013 auf Einladung der Expertengruppe Weiterbildung Sucht Konsumfreiheit und soziale Verantwortung, Möglichkeiten und Grenzen von kompetentem Konsumverhalten und suchten nach Lösungsansätzen. Als möglichen Verständigungsansatz zwischen marktwirtschaftlichen und gesundheitspolitischen Interessen hat die SuchtAkademie 2013 den Begriff der Konsumkompetenz zur Diskussion gestellt. 80 Sucht- und Präventionsfachleute aus Praxis, Wissenschaft und Verwaltung haben gemeinsam mit weiteren Schlüsselpersonen aus Politik, Justiz/Polizei, Medien, Konsumentenschutz und Genusskultur Wege aufgezeigt, wie individuelle Ressourcen gezielt gestärkt und gesellschaftliche Rahmenbedingungen gefördert werden können, die einem kompetenten Konsumverhalten zuträglich sind. Die Expertengruppe Weiterbildung Sucht hat die Tagungsbeiträge gesammelt und aufgearbeitet. Die Ergebnisse legen für die individuelle und die kollektive Ebene je vier Handlungsfelder nahe. Diese liefern Denkanstösse für künftiges Handeln in den Institutionen der Suchtprävention und Suchthilfe, in der Verwaltung, in politischen Gremien und in zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Handlungsfelder auf individueller Ebene
Auf individueller Ebene gilt es, persönliche Kompetenzen und Ressourcen zu fördern und die verschiedenen Sozialisierungsinstanzen zu stärken, die für den Aufbau von Konsumkompetenz wichtig sind.
> Widerstandsfähigkeit im Alltag erhöhen – Lebenskompetenzen fördern Programme zur Förderung von Lebenskompetenzen haben sich vorwiegend im schulischen Kontext und bei Kindern und jüngeren Jugendlichen bewährt. Sie gehören zu den wirksamsten Ansätzen der verhaltensorientierten Suchtprävention, indem sie den Einstieg verzögern und teilweise den Substanzgebrauch verringern. Sie sind umso wirksamer, je aktiver die Zielgruppe in die Massnahmen eingebunden wird und je mehr die Teilnehmenden dabei unterstützt werden, die erworbenen Fertigkeiten einzuüben und im Alltag zu erproben.
> Erwachsene Bezugspersonen in Familie, Schule und Freizeit stärken
Das Erziehungs- und Betreuungsumfeld von Kindern und Jugendlichen ist massgeblich an der Entwicklung von Schutz- und Risikofaktoren für Sucht und problematischen Konsum beteiligt. In ihrer erzieherischen Verantwortung und der Vermittlung von Lebenskompetenz sind erwachsene Bezugspersonen gezielt zu stärken. Im Vordergrund steht dabei die Unterstützung bei der Kommunikation und Kontrolle altersgerechter Regeln, sei dies zur Nutzung elektronischer Medien, zum Kaufverhalten oder zum Konsum von Tabak, Alkohol und anderen psychoaktiven Substanzen. Neben der reinen Wissensvermittlung benötigen die Bezugspersonen auch konkrete Entscheidungshilfen, beispielsweise in Form von Empfehlungen zu altersentsprechenden Konsummengen oder Argumentarien.
> Bewährung vor Bewahrung – Risikokompetenzen fördern
Prävention auf der Basis von Risikokompetenzen setzt das Risiko an sich als wesentliche Entwicklungssehnsucht des Menschen und als wichtigen Lernraum voraus. Die Risikopädagogik, beispielsweise das Handlungsmodell «Risflecting», will im Gegensatz zur Risikovermeidung Gefährdungen in Risikosituationen reduzieren, indem sie Strategien zum Umgang mit Rausch und Risiko vermittelt. Dabei orientiert sie sich an Kontexten und Zielgruppen, in denen Risikohandeln ein Bestandteil der alltäglichen Konsumpraktiken ist. Um Risiken richtig einschätzen zu können, ist zum einen die Kenntnis der Gefahren und möglichen Folgeschäden notwendig. Zum anderen setzt der Ansatz der Risikopädagogik auf die Vermittlung von gefährdungsmindernden Handlungsroutinen.
> Konsumlernen in der Peer-Group unterstützen
Die Peer-Group-Education bietet für die Suchtprävention ein Potenzial, den Aufbau von Konsum- und Risikokompetenzen unter Gleichaltrigen zu unterstützen. Wenn Mitglieder einer Peer-Group als positive Rollenmodelle und Wissensvermittler wirken, kann dies die informellen Lernprozesse unter Gleichaltrigen im Sinne der Gesundheitsförderung stärken und einer Aneignung problematischer Konsummuster entgegenwirken. Entscheidend für das Gelingen von Peer-Group-Education-Massnahmen ist, dass die Jugendlichen nicht die Normen der Erwachsenenwelt übernehmen müssen, sondern jene Werte vermitteln können, die sie für ihr eigenes Leben als interessant empfinden.

Handlungsfelder auf kollektiver Ebene
Die Gesellschaft als Ganzes ist gefordert, den Trend zur Individualisierung zu begrenzen und die kollektive Solidarität in einem gesunden Gleichgewicht zu halten. Zentral ist eine gemeinsame Arbeit an den Rahmenbedingungen, in denen Konsumentscheide gefällt werden.
> Kohärenten Regulierungsrahmen schaffen
Ausgehend von einem liberalen Grundgedanken, muss die Politik einen kohärenten, alle Substanzen umfassenden gesetzlichen Rahmen schaffen. Dabei soll das Schadenspotenzial der einzelnen Substanzen neu beurteilt werden, auch jenes der nicht substanzgebundenen schädlichen Verhaltensweisen. Eine neue Suchtpolitik soll sich an der Problemlast und den gesellschaftlichen Realitäten orientieren und eine offene, flexible Ausgestaltung mit revidierbaren Lösungen aufweisen. Da der Staat mit den erhobenen Konsumsteuern auch Nutzniesser ist (Tabak, Alkohol, Geldspiel usw.), ist seine Rolle stets eine ambivalente.
> Neue Regulierungsmodelle erproben –
Laboratorien und Pilotprojekte einsetzen
Um die künftige Marktregulierung zu verbessern, könnten in örtlich und zeitlich begrenzten Pilotprojekten im Kleinen neue Ansätze erprobt werden, um so funktionierende Lösungen bereit zu haben, die in die übergeordnete Regulierung einfliessen können. Die föderale Struktur der Schweiz bietet an sich ideale Voraussetzungen, um in Laboratorien auf Kantons-, Stadt- oder Gemeindeebene verschiedene Modelle in ver­schiedenen Rahmenbedingungen aus­zuprobieren. Ein nationaler Austausch und Wissenstransfer könnte wichtige Beiträge für die Ausgestaltung einer einheitlichen Bundespolitik liefern. Die umfassende Evaluation dieser Pilotversuche sowie ein nationaler Austausch und Wissenstransfer würden es ermöglichen, die verschiedenen Modelle zu optimieren und deren Praxisnutzen zu bewerten. Im Bereich Cannabis zeichnen sich (etwa in Genf, Zürich, Basel und Bern) interessante Entwicklungen ab.
> Markttransformation mit Hilfe von Öffentlichkeit und Konsumenten
Um die gesündere Wahl zur attraktiveren, billigeren, kurz: zur naheliegenden Option werden zu lassen, müssen gesunde Lebensumwelten gefördert werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei das wirtschaftliche Umfeld, der Markt. Für die angestrebte Markttransformation kann der Druck von unten, also die Macht des Kollektivs und der Öffentlichkeit, wirksam eingesetzt werden – in Zusammenarbeit mit oder in Opposition zu marktwirtschaftlichen Akteuren. Der WWF hat beispielsweise langjährige Erfahrung mit entsprechenden Strategien: öffentlichkeitswirksame Massnahmen und Kampagnen schaffen Aufmerksamkeit, steigern die Betroffenheit und beeinflussen das Kaufverhalten. So können alternative Produkte oder Vertriebslösungen lanciert werden, um langfristig eine Verbesserung der Angebotsstrukturen herbeizuführen (s. dazu auch das Interview auf den Seiten 6 und 7).
> Interessen wirksamer vertreten – Allianzen bilden
Ein wichtiges Element für die angestrebte Markttransformation ist die Zusammenarbeit der Sucht- und Präventionsfachwelt mit Wirtschaft und Handel sowie mit Non-Profit-Organisationen aus den Bereichen Konsum, Umwelt, Soziales und Menschenrechte. Voraussetzung für solche Allianzen ist, dass in jedem Bereich vorgängig Kriterien für die jeweiligen Partnerschaften definiert werden, die mit den etablierten gesundheitspolitischen Zielen übereinstimmen. Gute Ansätze sind etwa im Bereich Ernährung (actionsanté, Allianzen des WWF) oder elektronische Medien (Jugend und Medien/BSV) zu nennen. Wo eine direkte Zusammenarbeit mit Produzenten und Anbietern auf absehbare Zeit nicht oder nur sehr limitiert möglich und erwünscht ist, stehen Allianzen mit den zivilgesellschaftlichen Interessenorganisationen im Vordergrund.

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Kontakt

Lukas Vögeli Expertengruppe Weiterbildung Sucht, lukas.voegeli@weiterbildungsucht.ch

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