21.02.2019 Ein gemeinsames Verständnis 
von Gesundheit entwickeln

Kontext. Es braucht mehr als Gesundheitspolitik, um die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern. Denn Gesundheit wird von vielen Faktoren beeinflusst, die ausserhalb des Gesundheitswesens liegen. Es braucht einen umfassenden Ansatz und die Zusammenarbeit des BAG mit anderen Bundesämtern und Bundesstellen. Wichtig ist, dass alle Akteure ein gemeinsames Verständnis von Gesundheit entwickeln.

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TODO CHRISTIAN

Das Gesundheitssystem ist nur eine von vielen Gesundheitsdeterminanten. Gesundheit entsteht zu einem grossen Teil ausserhalb des Gesundheitssystems. Die drei Ebenen «Biologische Faktoren», «Persönliches Umfeld und Verhalten» und «Soziale, wirtschaftliche, ökologische und kulturelle Rahmenbedingungen» stehen in einer ständigen Wechselwirkung zueinander. Das Individuum kann sein Umfeld nur bedingt selbst gestalten. Auf gewisse Faktoren, die seine Gesundheit beeinflussen, hat es wenig bis gar keinen Einfluss.

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An intact environment is conducive to good health. Conversely, the environment can also be detrimental to health. Noise and air pollution are examples of this – as are heatwaves, which can have severe consequences for the elderly in particular.

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Gesundheit entsteht vor allem in der alltäglichen Umgebung der Menschen: Dort, wo sie wohnen, lernen, essen, spielen, Velo fahren, arbeiten, lieben. Viele verschiedene Faktoren (Gesundheitsdeterminanten) haben einen Einfluss auf die Gesundheit der Menschen (siehe Infografik). Zunächst gehören dazu persönliche Determinanten wie die geerbte Veranlagung, das soziale Umfeld und das individuelle Gesundheitsverhalten. Aber auch die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Rahmenbedingungen haben direkt oder indirekt einen Einfluss auf die Gesundheit. Konkret geht es hier zum Beispiel um Determinanten wie Einkommen, Bildung oder Luftverschmutzung:

•  Personen mit tiefem Einkommen leiden fast doppelt so häufig an Diabetes wie Personen mit hohem Einkommen.
•  Gut ausgebildete Personen sind in der Regel gesünder als Personen mit einem obligatorischen Schulabschluss.
•  Aufgrund der Luftverschmutzung sterben in der Schweiz jährlich rund 3000 Personen vorzeitig.

Auch Strassenverkehrslärm, Hitze oder der Zugang zu Schusswaffen können die Gesundheit beeinflussen. Zu all diesen Themen finden Sie in dieser spectra-Ausgabe weitere Informationen. Die Beispiele zeigen einerseits, dass Gesundheit in der Schweiz ungleich verteilt ist, dass nicht alle in der Schweiz die gleiche Chance auf ein langes und gesundes Leben haben. Und sie zeigen andererseits, dass Gesundheit viele Politikbereiche betrifft, nicht nur die Gesundheitspolitik. Einkommen, Bildung, Luftqualität: Determinanten wie diese werden weitgehend durch Politiken ausserhalb der eigentlichen Gesundheitspolitik gesteuert, in Bereichen also, auf die das BAG relativ wenig Einfluss hat.

Der Bericht «Gesundheit2020», der die gesundheitspolitischen Prioritäten des Bundesrates definiert, hält fest: «Der Gesundheitszustand der Menschen in der Schweiz wird zu 60 Prozent von Faktoren aus­serhalb der Gesundheitspolitik bestimmt.» Gesundheitspolitische Massnahmen im engeren Sinne greifen deshalb oft zu kurz oder werden durch politische Massnahmen und Trends in anderen Politikfeldern überlagert. Gesundheitspolitik allein kann gesundheitliche Chancenungleichheit also nicht beheben. Es braucht einen breiteren Fokus, über die Gesundheitspolitik hinaus, und Massnahmen, die nicht nur innerhalb, sondern auch ausserhalb des Gesundheitsbereichs umgesetzt werden.

Eine wirkungsvolle Gesundheitspolitik muss auf einer breiten politischen Ebene quer durch alle Bundes­ämter und Bundesstellen ansetzen, indem sie darauf hinwirkt, dass Gesundheitsaspekte bei wichtigen Entscheiden mit­berücksichtigt werden, etwa bei Gesetzes- und Verordnungsänderungen. Das ist das Ziel der umfassenden Gesundheitspolitik (englisch «Health in All Policies»). Im Bericht «Gesundheit2020» steht dazu: «Diese gesellschaftlichen und umweltbedingten Determinanten sollen auf Bundesebene durch eine intensivierte Zusammenarbeit zwischen den betroffenen Departementen gezielt verbessert werden.»

Dabei gibt es Determinanten, auf die das Individuum Einfluss nehmen kann, wie Ernährung und Bewegung, und andere, bei denen der individuelle Einfluss begrenzt ist, etwa Arbeit oder Einkommen. Bei gewissen Determinanten ist kaum individuelle Einflussnahme möglich (globale Wirtschaftslage, Krieg oder Frieden). Die Verantwortung für die Gesundheit liegt also nicht alleine beim Individuum selbst, sondern auch bei den verschiedenen Politiksektoren, bei Wirtschaft und Gesellschaft.

Fokus auf sechs Themenfelder
Das BAG fokussiert bei der Umsetzung der umfassenden Gesundheitspolitik auf sechs Themenfelder, die gemeinsam mit dem Departement des Innern definiert wurden. In diesen, im Folgenden kurz skizzierten Themenfeldern soll die Zusammenarbeit zwischen den involvierten Bundesstellen intensiviert und systematischer angegangen werden.

1. Umwelt und Energie
Eine möglichst intakte Umwelt (Boden, Luft, Wasser, Erholungsräume) fördert die Gesundheit. Umgekehrt kann die Umwelt die Gesundheit beeinträchtigen. Beispiele sind Lärm, Luftverschmutzung, aber auch Hitzewellen, deren Auswirkungen vor allem ältere Menschen treffen. Auch Rückstände von Medikamenten (hormonaktive Stoffe) sowie antibiotikaresistente Bakterien sind proble­­ma­­tisch. Eine erhöhte Radonkonzentration in Innenräumen kann zu Lungenkrebs führen.

2. Wirtschaft
Wirtschaft und Gesundheit sind eng miteinander verknüpft. So können Wirtschaftskrisen und damit verbundene Entlassungen grossen Einfluss auf die Gesundheit der betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ihrer Angehörigen haben. Arbeit kann krank machen, Stichworte sind Stress oder Rückenprobleme. Ein gutes Arbeitsumfeld und ein gesunder Arbeitsplatz wiederum erhöhen die Gesundheit der Menschen, geben Selbstvertrauen und Stärke. Arbeit kann also auch für die Stärkung der psychischen Gesundheit eine wichtige Rolle spielen.

3. Ernährung und Nahrungs­mittelproduktion
Die Ernährung hängt eng mit der Gesundheit zusammen. In der Schweiz nehmen nichtübertrag­bare Krankheiten (NCD) zu. Drei Hauptfaktoren, die das Auftreten dieser Krankheiten begünstigen, haben mit der Ernährung zu tun: Bluthochdruck, zu hohe Cholesterinwerte und Übergewicht/Fettleibigkeit. Infizierte Lebensmittel können auch zur Verbreitung von gefährlichen Keimen beitragen (Gastroenteritiden, Listeriose).

4. Bildung
Wie Babys, Kinder und Jugendliche aufwachsen und geschult werden, hat einen wichtigen Einfluss auf ihren Lebensstil und auf ihre Gesundheit im Erwachsenenalter. Einerseits eignen sich Kinder in der Schule gesundheitsbezogene Kompetenzen an, andererseits beeinflussen Schulerfolg und Bildungsniveau die Berufswahl, den Lohn und den Wohnort, was sich wiederum positiv oder negativ auf die Gesundheit auswirkt.

5. Bewegung, Mobilität und natürliche Lebensräume
Bewegung spielt eine wichtige Rolle bei der Vermeidung und der Behandlung nichtübertragbarer Krankheiten (wie Diabetes, Krebs, Atemwegs-, Herz-Kreislauf- sowie muskuloskelettale Erkrankungen). Bewegung hilft auch bei der Bewältigung von psychischen Problemen wie Stress, Angst und Depressionen und fördert in allen Lebensphasen die körperliche und geistige Auto­nomie.

6. Sozialpolitik und Integration
Soziale Sicherheit und Integration sind entscheidende Gesundheitsdeterminanten. In der Schweiz bestehen deutliche Unterschiede zwischen sozialen Gruppen in Bezug auf Gesundheitsverhalten und Gesundheitszustand. Armut, Diskriminierung und soziale Ausgrenzung beeinträchtigen die Gesundheit 
direkt. Sozial schlechter gestellte Gruppen sind eher gesundheitsschädigenden Arbeits-, Wohn- und Umweltbedingungen ausgesetzt. Auch problematisches Suchtver­halten, insbesondere Alkoholabhängigkeit, kann zu sozialer Isola­tion, Arbeitsplatzverlust und Armut führen.

Rahmenbedingungen verbessern
In all diesen Themenfeldern versucht das BAG, gemeinsam mit anderen Ämtern, die Rahmenbedingungen für eine möglichst gute öffentliche Gesundheit zu verbessern. Es hat dabei nicht den Anspruch, in möglichst vielen dieser Politikbereiche den Lead zu übernehmen; es möchte stattdessen vor allem Themen und Anliegen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort einbringen und andere Bundesstellen bei Lösungen unterstützen, die sich positiv auf die Gesundheit der Bevölkerung auswirken. Konkret geschieht dies zum Beispiel in Form von Ämterkonsultationen oder von Einsitz in Arbeits- und Projektgruppen anderer Bundesstellen. Last, but not least geht es darum, dass alle Akteure ein gemeinsames Verständnis von Gesundheit entwickeln.

Mehr zum Thema Umfassende Gesundheitspolitik im spectra 123

Kontakt

Karin Gasser, Co-Leiterin Sektion Gesundheitliche Chancengleichheit,

Judith Wenger, Wiss. Mitarbeiterin Sektion Politische Grundlagen
und Vollzug,

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