01.09.2011 Ein gesunder Lebensstart für Kleinkinder mit Migrationshintergrund

Gesundheit und Migration. Miges Balù ist ein auf Ernährung und Bewegung ausgerichtetes, handlungsorientiertes Beratungsangebot von Elternberatungsstellen. Es richtet sich an Familien mit Migrationshintergrund. Ziel von Miges Balù ist es, Migrantenfamilien mit Kleinkindern für die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Bewegung und Körpergewicht zu sensibilisieren.

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Miges Balù wurde 2005 vom Ostschweizerischen Verein für das Kind (OVK) als Pilotprojekt lanciert. Der OVK hatte festgestellt, dass Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei und Sri Lanka gemessen an den Geburtenzahlen die Beratungsstellen verhältnismässig selten aufsuchen oder das Angebot gar nicht kennen. Dies, obwohl Migrantenfamilien Unterstützung in Gesundheitsfragen am nötigsten hätten. Statistiken zeigen zum Beispiel, dass Säuglinge von Migrationsfamilien ein niedrigeres Geburtsgewicht und eine höhere Sterblichkeitsrate haben als Schweizer Babys. Nach dem Säuglingsalter leiden diese Kinder zudem vermehrt an Übergewicht oder schlechten Zähnen.

Schwierige Umstellung auf Schweizer Lebensstil
Das heisst nicht, dass Menschen mit Migrationshintergrund von Haus aus einen ungesunden Lebensstil pflegen. Manche Mütter kommen aber erst kurz vor der Geburt des Kindes in die Schweiz. Dementsprechend verfügen sie über geringe Deutschkenntnisse und geringe Kentnisse des Lebens in der Schweiz, auch in den Bereichen Ernährung und Bewegung. Zudem können oder wollen Migrantenfamilien die gesunden Verhaltensweisen aus ihrer Heimat in der Schweiz nicht umsetzen. Die eigentlich gesunde Ernährung von daheim ersetzen sie in der Schweiz oft mit Fertigprodukten, die sie als fortschrittlicher empfinden. Spezielle Kindernahrungsmittel werden aufgrund der Werbung als besonders gesund und vitaminreich wahrgenommen, der hohe Zucker- und Fettgehalt wird dabei häufig übersehen. Auch sind sich junge Eltern mit Migra­tionshintergrund oft nicht gewohnt, Ausflüge in den Wald oder auf Spielplätze zu unternehmen, denn in ihrer Heimat mussten die Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten nicht speziell organisiert werden. Die Kinder halten sich dort ohnehin hauptsächlich draussen auf, überwacht von Geschwistern, älteren Kindern oder Jugendlichen. In der Schweiz wohnen Migrationsfamilien aber oft in verkehrsreichen, verbauten/stark besiedelten Gegenden mit wenig Spiel- und Bewegungsraum. Die Folge ist ein Bewegungsmangel, der in Unzufriedenheit, Langeweile und Aggressionen münden kann. Diese Symptome werden häufig mit Süssigkeiten, Süssgetränken oder Medienkonsum bekämpft.

Kulturelle und fachliche Schulungen
Doch wie gelangt das nötige Wissen für einen gesünderen Lebensstil zu den Migrantenfamilien? Oder anders gefragt: Wie erhalten Säuglinge und Kleinkinder aus Familien mit Migrationshintergrund eine intakte Chance, sich zu gesunden Kindern mit einem gesundheitsförderlichen Ernährungs- und Bewegungsverhalten zu entwickeln? Hier setzt Miges Balù an. Es besteht aus Massnahmen, die alle darauf ausgerichtet sind, sprachliche und kulturelle Schranken zwischen Beratungsstellen und MigrantInnen zu überwinden und diese für ein günstigeres Gesundheitsverhalten zu sensibilisieren:
– Schulung der ElternberaterInnen in transkultureller Kompetenz
– Schulung der ElternberaterInnen in den Themen Ernährung und Bewegung mit Fokus auf Säuglinge und Kleinkinder
– Einsatz von interkulturellen VermittlerInnen, um Sprachbarrieren und Schwellenängste zu vermindern
– Übersetzung von Broschüren zu den Themen Ernährung und Bewegung auf Albanisch, Serbisch/ Kroatisch/Bosnisch, Türkisch und Tamilisch
– Erarbeitung von textlosen, bebilderten Flyern zu den Themen Ernährung und Bewegung
– Arbeit mit Fokusgruppen und Partizipation von Schlüsselpersonen aus der Zielgruppe
– Durchführung von Gesprächsrunden
– Aufsuchende Kontakte und Öffentlichkeitsarbeit vor Ort (zum Beispiel an kulturellen Anlässen, Festen, in der Moschee usw.)

Das zentrale Element von Miges Balù  ist die Weiterbildung der BeraterInnen in transkulturellen Kompetenzen sowie der Einsatz von interkulturellen Vermittlern. Sie sind unerlässlich, um Missverständnisse zu vermeiden und das Vertrauen der Klientel zu gewinnen.

Ausweitung auf die ganze Schweiz
Das Pilotprojekt in der Ostschweiz hat eindrückliche Erfolge zu verzeichnen. Innert dreier Jahre konnte der Klientenanteil von Eltern aus der Türkei, Ex-Jugoslawien und Sri Lanka von 5 bis 15 Prozent auf 71 Prozent erhöht werden. Mit Unterstützung von Suisse Balance werden Miges Balù und die Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt über Caritas Schweiz und in Zusammenarbeit mit  kantonalen Aktionsprogrammen für ein gesundes Körpergewicht in weiteren Regionen in der Schweiz, so z.B. in den Kantonen St. Gallen, Luzern, Bern, Thurgau und Aargau multipliziert. Caritas-Mitarbeitende bieten dabei Mütter- und Väter-Beratungsstellen bedürfnisgerechte, fachliche Unterstützung bei der Entwicklung und Durchführung von Miges Balù an.

Interessierte Elternberatungsstellen finden den Umsetzungsleitfaden, Projektberichte, Materialien und weitere Informationen zu Miges Balù unter www.suissebalance.ch.

Kontakt

Valérie Bourdin, Sektion Ernährung und Bewegung, valerie.bourdin@bag.admin.ch

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