21.03.2019 Ein Umfeld bauen, das Bewegung fördert

Interview. Wie können öffentliche Räume gestaltet werden, damit Menschen sich mehr bewegen? Diese Frage hat das BAG in einer Studie untersuchen lassen. Sozialforscher Hanspeter Stamm, einer der Autoren der Studie, erzählt von den Ergebnissen.

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TODO CHRISTIAN

Was haben Sie untersucht?

Wir haben über 100 Schweizer Projekte der vergangenen 20 Jahre gesichtet, die sich im weiteren Sinne mit dem Thema "bewegungsfreundliches Umfeld" beschäftigen. 14 Projekte haben wir ausgewählt und analysiert. Welches waren die Erfolgsfaktoren? Wie ist man vorgegangen? Diese Fragen haben uns beschäftigt.

Was ist für Sie die wichtigste Erkenntnis aus der Studie?  

Bewegungsfreundlichkeit ist momentan im Trend. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Bewegungsförderung hauptsächlich mit „Verhaltensprävention“ beschäftigt: Informationen, Aufrufe und konkrete Aktivitätsangebote haben die Bevölkerung zu mehr Bewegung animiert.

Nun setzt sich zunehmend die Einsicht durch, dass auch (infra)strukturelle Massnahmen wichtig sind: Es bringt wenig, das Velofahren zu propagieren, wenn es keine sicheren Radwege gibt. Und wenn Kinder erst drei verkehrsreiche Strassen überqueren müssen, bevor sie den Spielplatz erreichen, werden sich die Eltern gut überlegen, ob sie sie alleine losschicken wollen. Genau darum geht es aber beim "bewegungsfreundlichen Umfeld": Die Voraussetzungen für Bewegung im alltäglichen Umfeld schaffen.

Damit das gelingt – und das ist eine weitere wichtige Erkenntnis – müssen Akteure aus unterschiedlichen Bereichen zusammenarbeiten: Planerinnen und Planer, Verkehrsfachleute, Bauherren, Bewegungsspezialistinnen und -spezialisten sowie Präventionsfachleute sind hier beispielsweise ebenso gefragt wie politische Behörden und Quartiervereine.

Gibt es ein Projekt, das sie besonders beeindruckt hat?

Es ist nicht möglich, aus den vielen interessanten Projekten eines besonders hervorzuheben. Was uns allerdings imponiert hat, ist die Vielfalt an unterschiedlichen Ansätzen: Da gibt es zunächst sehr allgemein ausgerichtete Raumplanungsprojekte, die unter anderem die Bewegungsfreundlichkeit im regionalen Rahmen thematisieren. Dann gibt es lokale Projekte, die versuchen, die Langsamverkehrswege und Bewegungsmöglichkeiten besser zu koordinieren. Auf Quartierebene sind es vor allem konkrete Veränderungen bei den Fuss- und Fahrradwegen, den Grünflächen und der Zugänglichkeit von Gebäuden, die im Zentrum stehen. Und schliesslich setzen Massnahmen auf der Ebene einzelner Wohnüberbauungen und Gebäude an, Stichworte sind hier Veloabstellplätze und Spielplätze.

Für wen ist ein bewegungsfreundliches Umfeld besonders wichtig?

Kinder, ältere und sozial benachteiligte Menschen profitieren in besonderem Masse von einem bewegungsfreundlichen Umfeld, weil sich ein grosser Teil ihres Alltags im näheren Wohnumfeld abspielt. Diese Gruppen sind weniger mobil als andere. Wenn man nicht einfach in ein Naherholungsgebiet oder ein Sportzentrum fahren kann, um sich dort zu bewegen, gewinnen die Bewegungsmöglichkeiten im unmittelbaren Umfeld an Bedeutung. Gleichzeitig weisen Kinder und ältere Menschen spezifische Bewegungsbedürfnisse auf, die es bei der Planung zu beachten gilt. Für beide spielt die Sicherheit eine grosse Rolle.

Mit der Studie haben sie Erfolgsfaktoren für ein bewegungsfreundliches Umfeld gesucht. Was empfehlen Sie nun?

Unsere Studie richtet sich an alle Personen und Organisationen, die sich für das Thema interessieren. Je nach Art des Projekts gibt es unterschiedliche Ratschläge, wobei die folgenden vier aber wohl für die grosse Mehrheit gelten:

· Erstens: Investitionen in das bewegungsfreundliche Umfeld lohnen sich. Sie kommen auch jenen Gruppen zugute, die sonst von der Bewegungsförderung nur schlecht erreicht werden.

· Zweitens: Massnahmen für ein bewegungsfreundliches Umfeld tangieren in der Regel verschiedene Aufgabenbereiche. Es braucht zum Beispiel bauliche Veränderungen, eine Koordination der Fahrpläne des öffentlichen Verkehrs, eine Definition der Freihaltezonen, eine gesicherte Finanzierung. Daher ist es sinnvoll, sich zu vernetzen und die Zusammenarbeit mit allen betroffenen Gruppen und Organisationen zu suchen. Dazu gehört insbesondere auch der Einbezug der Bevölkerung: Projekte sind umso erfolgsversprechender, je besser sie in den Zielgruppen verankert sind und von diesen mitgetragen werden.

· Drittens: Projekte brauchen einen langen Atem. In der Regel genügt es nicht, eine bauliche Massnahme zu realisieren. Es muss auch an den Unterhalt gedacht werden, an mögliche Nutzungskonflikte, an sich ändernde Mobilitätstrends, an neue Rahmenbedingungen etc. Entsprechend ist es wichtig, dass Projekte auch längerfristig gut verankert sind, z.B. mit Hilfe von Legislaturzielen, durch die Anknüpfung an andere Programme oder die Einbindung und Vernetzung verschiedener Verwaltungsstellen.

· Viertens: Man muss das Rad nicht bei jedem Projekt neu erfinden. Unsere Übersicht zeigt interessante Beispiele aus verschiedenen Bereichen, die als Inspirationsquelle dienen können. Bei unserer Arbeit haben wir festgestellt, dass die Verantwortlichen dieser Projekte in der Regel nicht nur kompetent, sondern auch sehr hilfsbereit sind. Es lohnt sich also, diese Personen zu kontaktieren, wenn man ein eigenes Projekt in Angriff nimmt.

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Kontakt

Gisèle Jungo,
wissenschaftliche Mitarbeiterin Sektion Gesundheitsförderung und Prävention, 

Hanspeter Stamm,
Lamprecht und Stamm Sozialforschung und Beratung AG,
info@lssfb.ch

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