21.02.2019 Eine Ausbildung fördert die Gesundheit

Flüchtlingspolitik. Anerkannte Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen sollen in den Arbeitsmarkt integriert werden. Das neue Pilotprogramm Integrationsvorlehre (INVOL) des Staatssekretariats für Migration (SEM) und der teil­nehmenden Kantone ebnet diesen Personen den Weg zu einer Berufsausbildung. Und trägt so indirekt auch zur Gesundheit der Betroffenen bei.

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TODO CHRISTIAN

Menschen, die die Schweiz aufnimmt, sollen möglichst rasch auf eigenen Beinen stehen können. Dieses Ziel kann neu mithilfe der Integrationsvorlehre erreicht werden, eines Pilotprogramms, das die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gezielt auf eine Berufslehre mit Eidgenössischem Berufsattest (EBA) oder mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) vorbereitet. Eine solche Ausbildung ist die Grundlage für einen Einstieg ins Berufsleben.

Das Pilotprogramm, das noch bis ins Jahr 2021 läuft, verfolgt das Ziel, das Potenzial dieser Arbeitskräfte besser auszuschöpfen und dadurch deren Sozialhilfeabhängigkeit zu senken. Zudem soll die Integrationsvorlehre im Rahmen des Artikels 121a der Bundesverfassung (Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative) einen Beitrag zur Linderung des Fach- und Arbeitskräftemangels leisten.

Arbeitserfahrung sammeln
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer arbeiten in der Regel rund drei Tage pro Woche in einem Betrieb, um das gewählte Berufsfeld in der Praxis kennenzulernen und Arbeitserfahrung in der Schweiz zu sammeln. Neben diesem praktischen Teil eignen sich die Personen schulische, sprachliche und überfachliche Kompetenzen an, etwa Sozialkompetenzen oder Lerntechniken. Die Inhalte sind immer auf die Anforderungen des jeweiligen Berufsfeldes zugeschnitten. Darüber hinaus erlernen sie an den Berufsfachschulen und in den Betrieben Kompetenzen, die sich indirekt positiv auf die Gesundheit auswirken können, beispielsweise Arbeitssicherheit, ergänzenden Sportunterricht oder Vermittlung kultureller Kompetenzen.

Gesundheitlicher Nebeneffekt
Eine gute Integration führt nachweislich zu besseren Gesundheitswerten und reduziert die Gesundheitskosten der betroffenen Personen. Das Pilotprojekt generiert auf diese Weise indirekt auch einen gesundheitlichen Nutzen.

Obwohl das SEM nicht für Gesundheitsförderung im engeren Sinne zuständig ist, befindet man sich dennoch bei diesem Thema in regelmässigem Austausch mit dem BAG. Darüber hinaus unterstützen das SEM und das BAG gemeinsam einzelne integrationsfördernde Projekte, die direkt den Gesundheitsbereich betreffen. Beispiele hierfür sind die Qualitätsförderung im Bereich interkulturelles Dolmetschen (siehe spectra Nr. 122) oder die Prävention von Mädchenbeschneidungen.

18 Kantone machen mit
Die ersten Integrationsvorlehren haben im August 2018 gestartet und dauern ein Jahr. Das SEM finanziert aus einem Rahmenkredit von 46,8 Millionen Franken, verteilt über die vier Programmjahre, maximal 3600 Plätze. Die restlichen Kosten tragen die teilnehmenden Kantone.

Beteiligt sind insgesamt 18 Kantone: Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Bern, Freiburg, Genf, Glarus, Jura, Luzern, Neuenburg, Schaffhausen, Solothurn, St. Gallen, Tessin, Waadt, Wallis, Zug sowie Zürich. Umgesetzt werden die Integrationsvorlehren von den Kantonen, federführend ist hierbei die kantonale Berufsbildung. Die Kantone bestimmen zudem, auf welche Berufsfelder sie fokussieren wollen.

Möglich sind Integrationsvorlehren grundsätzlich in allen Branchen. In der Regel handelt es sich dabei aber um solche, in denen die Berufsverbände und Sozialpartner beziehungsweise die Ausbildungsbetriebe Bedarf haben, Personen auszubilden, um mittelfristig qualifizierte Mitarbeitende zur Verfügung zu haben.

Auswertung im Herbst 2019
Doch welche Menschen nehmen am Pilotprogramm teil? Noch fehlen konkrete Daten. Eine erste statistische Auswertung ist auf Herbst 2019 geplant. Aufgrund der inhaltlichen Ausrichtung der Integrationsvorlehre sowie der statistischen Verteilung der in den vergangenen Jahren in der Schweiz anerkannten Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen dürfte die Mehrheit der Teilnehmenden zwischen 20 und 25 Jahre alt sein. In diesem Alterssegment sind rund zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen.

Ausblick
Das Ziel besteht darin, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach der Integrationsvorlehre eine «normale» Lehrstelle finden oder andere Aus- und Weiterbildungen in der entsprechenden Branche machen können – und auf diese Weise die Integration in den Arbeitsmarkt schaffen.

Forum

Suizidprävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Den Zugang zu Suizidmöglichkeiten zu erschweren, kann viele Menschenleben retten und ist eine sehr erfolgreiche suizid­präventive Massnahme. Dies, weil die meisten Menschen keine andere Suizidart wählen, wenn die eine Vorgehensweise erschwert wird. Ein eindrückliches Beispiel ist die Reduzierung des Zugangs zu Schusswaffen. Andere Beispiele sind Geländer oder hohe Netze bei Brücken. Die Beispiele zeigen aber auch: Die Umsetzung solcher Interventionen liegt oft ausserhalb der Gesundheitspolitik.

Unsere Forschungsgruppe konnte den positiven Effekt der Armeereform XXI auf die Schusswaffensuizide in der Schweiz nachweisen. Durch die Armeereform im Jahre 2003 wurde die Armeestärke halbiert und die Schwelle erhöht, die Armeewaffe nach der Militärzeit zu behalten. Damit sank die Anzahl Armeewaffen bei Männern zwischen 19 und 43 Jahren (Zeit der Rekrutenschule und der Wiederholungskurse) deutlich. Und in der Folge sank auch die Anzahl Suizide mit einer Armeewaffe.

Unsere Forschung zeigt, dass die Abnahme der Schusswaffensuizide ausschliesslich auf die Abnahme der Suizide mit der (ehemaligen) Armeewaffe zurückzuführen ist. Die jungen Männer wählten nur zu einem kleinen Teil (22 Prozent) andere Suizidmethoden. Die Zahl der Schusswaffensuizide mit anderen Waffentypen veränderte sich nicht signifikant. Obwohl nie als solche geplant, war die Armeereform die erfolgreichste Suizidpräventionsmassnahme der Schweiz seit der Entgiftung das Haushaltsgases Ende der 1960er-Jahre.

Die meisten Suizidenten wollen nicht sterben. Ihr Leidensdruck ist aber so gross – und ihr Denken und Fühlen entsprechend eingeschränkt –, dass sie keinen anderen Ausweg sehen. Verhinderte Suizide führen in den meisten Fällen nicht zu einem späteren Suizid. In einer grossen US-Studie wurden 515 Menschen untersucht, die davon abgehalten worden waren, von einer Brücke zu springen. In den 26 Folgejahren waren nur 5 Prozent dieser Menschen an Suizid verstorben. Die meisten finden also wieder ins Leben zurück, wenn man ihren Suizid verhindert – zum Beispiel indem der Zugang zum Suizid erschwert wird.

Schusswaffensuizide sind in der Schweiz die zweithäufigste Suizidmethode. In kaum einem anderen europäischen Land ist es so einfach, sich eine Schusswaffe zu beschaffen, und in keinem europäischen Land gibt es in den privaten Haushalten so viele Schusswaffen. Die Schusswaffensuizidrate ist in der Schweiz etwa drei Mal so hoch wie der Durchschnitt aller anderen europäischen Länder. Der Suizid mit Schusswaffe wird besonders häufig ohne grosse Planung durchgeführt. Es ist deshalb wichtig, die Hürde zu erhöhen, an eine Waffe heranzukommen.


Prof. Dr. med. Thomas Reisch, Ärztlicher Direktor, Psychiatriezentrum Münsingen (PZM),

Links

Kontakt

Thomas Fuhrimann, Projektleiter Integrationsvorlehre, Staatssekretariat für Migration (SEM),
Michèle Baehler, Sektion Gesundheitliche Chancengleichheit,

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