07.03.2016 Erleichterter Zugang und Respektierung der Menschenrechte bei der Behandlung von Opiatabhängigen

Groupe Pompidou. In vielen Ländern ist die Verschreibung opioider Medikamente wie Methadon oder Buprenorphin strengen Restriktionen unterworfen. Die internationale Kooperationsgruppe für innovative Drogenpolitiken, die Groupe Pompidou, spricht sich nun für einen Paradigmenwechsel aus: Nicht der Repressionsansatz, sondern wissenschaftliche Erkenntnisse und die Einhaltung der Menschenrechte sollten die Entscheidungsgrundlage für oder gegen die Verschreibung opioider Medikamente bilden. Diese stellen für viele Abhängige die bestmögliche Therapie dar, weshalb der Zugang zu ihnen laut Menschenrechten niemandem erschwert oder verwehrt werden darf. Auf Initiative der Schweiz erarbeitet die Groupe Pompidou eine Leitlinie, um ihre Mitgliedstaaten bei der Überprüfung ihrer Reglementierung für diese Therapieform zu unterstützen. Die Schweiz leitet und finanziert dieses Projekt.

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Eine vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Auftrag gegebene Vergleichsstudie aus dem Jahr 2012 hat gezeigt, dass unter den europäischen Ländern grosse Unterschiede herrschen, was die rechtliche Lage für die Verschreibung von Medikamenten zur Behandlung von Opiatabhängigkeit betrifft. In vielen Ländern erschweren oder verhindern restriktive Regelungen den Einsatz sogenannter Agonisten (engl.: agonist medicine, AM) wie Methadon oder Bupren-orphin. Ein  wesentlicher Grund dafür dürfte das immer noch weit verbreitete Missverständnis sein, dass bei der medikamentösen Behandlung von Opiatabhängigkeit (engl.: opioid dependence treatment, ODT) lediglich eine illegale Droge durch eine legale ersetzt wird. Dies ist aber weder medizinisch noch wissenschaftlich korrekt: AM/ODT reduzieren oder eliminieren die hedonistischen Wirkungen illegaler Drogen, die massgeblich für die Entwicklung und Aufrechterhaltung einer Abhängigkeit verantwortlich sind. AM/ODT minimieren die Gefahr einer Überdosis und verringern die Sterblichkeit und Begleiterkrankungen wie HIV oder Hepatitis C erheblich. Damit legen sie die Basis für die Verbesserung der Lebensqualität und die soziale Wiedereingliederung und sind deshalb ein wesentliches Element einer umfassenden medizinischen und psychosozialen Behandlung von Opiatabhängigen.  

Richtlinie für Gesetzesrevisionen

Die Pompidou-Gruppe (siehe Kasten) ist sich einig: Aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der Menschenrechte sollten alle Opiatabhängigen mit der entsprechenden medizinischen Indikation Zugang zu AM/ODT erhalten. Deswegen hat die Gruppe beschlossen, eine Leitlinie für den Einsatz von AM/ODT auszuarbeiten. Diese soll die nationalen Behörden darin unterstützen, ihre gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Verschreibung von AM/ODT zu revidieren und damit ihren Verpflichtungen im Bereich Grundversorgung und der Vermeidung von Diskriminierung nachzukommen, um den Anforderungen der Menschenrechte Genüge zu tun.  

Zentrale Rolle der Schweiz

Die Schweiz spielt bei der Erarbeitung der Richtlinie eine zentrale Rolle: Auf den Vorschlag des BAG hin hat die Groupe Pompidou beschlossen, ein entsprechendes Projekt zu lancieren, welches von der Schweiz finanziert wird. Das Projekt steht unter der Leitung von Schweizer Suchtexperten und bezieht Fachleute aus 12 Ländern in Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten mit ein.

Die wichtigsten Punkte der Leitlinie  

· Korrekte Terminologie: Die im Zusammenhang mit AM/ODT verwendeten Begriffe sollten mit der medizinisch korrekten Terminologie übereinstimmen und den wissenschaftlichen Erkenntnissen Rechnung tragen. So sollte zum Beispiel das Wort «Substitution» in diesem Kontext vermieden werden. Es fördert ein falsches Verständnis von AM als «legale Drogen» und verschleiert die wahre medizinische Wirkung dieser Medikamente. Wie eine geeignete Terminologie lauten soll, ist noch nicht definiert. So sind auch «AM» und «ODT» lediglich vorläufige Arbeitsbegriffe.  

· Medizinische Handlung: Die Bestimmungen rund um AM/ODT sollten der Tatsache Rechnung tragen, dass deren Verschreibung eine ganz normale medizinische Handlung darstellt.  

· Schweigepflicht: Die Verschreibung von AM/ODT unterliegt der ärztlichen Schweigepflicht, besonders gegenüber Arbeitgebern und Familienmitgliedern. Ausnahmen bedürfen der Einwilligung des Patienten.  

· Recht auf medizinische Versorgung: Die Verschreibung von AM/ODT unterliegt speziellen Regelungen. Diese Regelungen dürfen aber nicht dazu führen, dass Opiatabhängigen der Zugang zu einer geeigneten Gesundheitsversorgung erschwert wird. 

· Versorgung nach neustem Stand der Erkenntnisse: Alle Opiatabhängigen sollten Zugang zu einer medizinischen Fachperson haben, die in der Lage ist, individuelle medizinische, pharmazeutische und psychosoziale Massnahmen einzuleiten, die dem neusten Wissensstand entsprechen.  

· Nicht-Diskriminierung: AM/ODT müssen allen Opiatabhängigen offen stehen, unabhängig von Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, ethnischer Herkunft, Aufenthalts- , Versicherungs- und Gesundheitsstatus und der konsumierten Substanz. Dies gilt insbesondere auch für urteilsfähige Minderjährige und für Gefängnisinsassen.  

· Unverzügliche Versorgung: Sobald die medizinische Indikation für AM/ODT von einer Ärztin/einem Arzt festgestellt worden ist, sollten diese sofort zur Verfügung gestellt werden können – ohne Zustimmung einer zweiten Fachperson, einer juristischen Behörde oder einer anderen staatlichen Stelle.  

· Erschwinglichkeit: Falls die Kosten für AM/ODT nicht von den Krankenkassen gedeckt werden, sollte dies über ein spezielles staatliches Programm geschehen. Dieses sollte auch die Versorgung von Patienten mit tiefem Einkommen sicherstellen.  

· Zugang zu Medikamenten: Der Staat sollte sicherstellen, dass die für die Behandlung von Opiatabhängigkeit nötigen und nützlichen Medikamente auf dem nationalen Markt erhältlich sind. Das bedarf mitunter Zulassungsbedingungen für Medikamente, die auf dem aktuellen medizinischen Wissensstand basieren, oder einer entsprechenden Importmöglichkeit.  

· Einnahme unter Aufsicht: Es liegt in der Verantwortung der behandelnden Fachperson, ob ein Patient AM unter visueller Aufsicht einnehmen soll. Dies kann vor allem am Anfang einer Behandlung angezeigt sein. Die Einnahme unter Aufsicht sollte vergütet werden.  

· Kein Behandlungsabbruch aus nicht-medizinischen Gründen: Eine Behandlung mit AM/ODT darf nur aus medizinischen Gründen verweigert oder abgebrochen werden. Unerwünschtes Verhalten des Patienten, etwa Gewalthandlungen, Drohungen, Drogenhandel oder die Einnahme weiterer Substanzen, dürfen allenfalls eine Verlegung in eine andere medizinische Einrichtung, aber keinen Behandlungsabbruch nach sich ziehen.  

· Integration in die Grundausbildung: AM/ODT sollten in die medizinische und pharmazeutische Grundausbildung integriert werden. Alle Ärztinnen und Ärzte sollten unabhängig von ihrer Spezialisierung in der Lage sein, ODT mit AM durchzuführen – wenn nötig mit der Hilfe eines Apothekers/einer Apothekerin.  

· Angemessene Vergütung: Die Leistungen im Zusammenhang mit AM/ODT sollten angemessen vergütet werden. So kann sichergestellt werden, dass für diese Behandlung genügend medizinisches Fachpersonal zur Verfügung steht.  

· Supervision der Gesundheitsfachleute: Für Gesundheitsfachleute, die AM/ODT verschreiben oder durchführen, müssen dieselben gesetzlichen Rahmenbedingungen gelten wie für alle anderen medizinischen Fachpersonen, unabhängig vom Fachgebiet.  

· Beratendes Organ: Jeder Staat sollte ein beratendes Organ bestehend aus medizinischen Fachleuten und Stellvertretern der relevanten Regierungsbereiche einsetzen. Ihre Hauptaufgabe ist es, anhand eines Monitorings zu überprüfen, wie die Leitlinien im Land Schritt für Schritt umgesetzt werden.    

· Verweis auf internationale Richtlinien: Die Mitgliedstaaten sollten bei der Handhabung von AM/ODT wenn immer möglich ausdrücklich auf die Richtlinien von internationalen Gesundheitsorganisationen verweisen – insbesondere auf die Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie sollten solche Richtlinien einhalten und sich für deren Entwicklung und Aktualisierung einsetzen.  

· Monitoring: Jeder Staat sollte sein Behandlungssystem bezüglich Indikatoren in den Kategorien Struktur (z.B. gesetzliche Rahmenbedingungen), Prozess (z.B. Versorgungsqualität) und Ergebnisse (z.B. Morbidität) beurteilen. Die Staaten sollten sich zwecks Vergleichbarkeit auf ein Minimum an gemeinsamen Indikatoren einigen.  

Derzeit liegt diese Leitlinie als Entwurf vor. Die Endfassung wird voraussichtlich Ende 2016 fertiggestellt sein und neben den oben genannten Punkten einen Bericht bestehend aus ausführlichen Argumenten enthalten.

Groupe Pompidou

Die Pompidou-Gruppe ist eine Kooperationsgruppe, die sich für eine multidisziplinäre, innovative, wirksame und evidenzbasierte Drogenpolitik in ihren Mitgliedsländern einsetzt. Das Gremium wurde 1971 auf Anregung des ehemaligen französischen Präsidenten Georges Pompidou gegründet und wurde 1980 in den Europarat integriert. Die Groupe Pompidou zählt aktuell 37 Mitgliedsstaaten.

Kontakt

Diane Steber Büchli, Abteilung Internationales, diane.steber@bag.admin.ch

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