01.05.2010 Erste Schritte in Richtung Kosten-Nutzen-Analyse von Präventionsmassnahmen

Evaluation. Sind Massnahmen zu Prävention und Gesundheitsförderung nötig und ihr Geld wert? Drei vom Bundesamt für Gesundheit initiierte Pionierstudien liefern erstmals konkrete Zahlen zum Kosten-Nutzen-Verhältnis von staatlicher Prävention in den Bereichen Verkehrsunfälle, Tabak und Alkohol. Die Ergebnisse sind erfreulich, aber vorerst mit Vorsicht zu geniessen.

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will sich in allen seinen Aktivitäten auf wissenschaftliche Grundlagen abstützen. Dazu zieht es Informationen bei, die bereits publiziert wurden. Fehlen diese, gibt das BAG in ausgewählten Bereichen Aufträge, die Grundlagen zu erarbeiten. Im Bereich der Prävention liegen international und national verschiedenste Publikationen vor. Sie zeigen auf, dass kluge Präventionsmassnahmen sehr gut wirken. Nur wenige Untersuchungen beschäftigen sich aber mit der Frage, ob diese Massnahmen auch unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten sinnvoll sind. Lohnen sich die Investitionen für Prävention, wenn man diese als Teil einer umfassenden Kosten-Nutzen-Rechnung betrachtet? Um diese Fragen zu klären, hat das BAG im Jahr 2007 drei Pionierstudien in den Bereichen Alkohol-, Tabak- und Verkehrsunfallprävention in Auftrag gegeben. Durchgeführt wurden sie vom Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie und vom Institut für Wirtschaftsforschung der Universität Neuchâtel.

Gemäss den Studien zahlt sich Prävention um ein Vielfaches aus
Die Studien wurden auf einer gesamtgesellschaftlichen Basis durchgeführt. Das heisst, es wurden einerseits alle relevanten Kosten der Präventionsmassnahmen und andererseits der gesamte Nutzen der Massnahmen für die Gesellschaft berücksichtigt. Dieser Nutzen ergibt sich aus der Summe der Kosten, die dank der Massnahme verhindert werden konnten. Im Einzelnen sind dies direkte Kosten (medizinische Kosten), Produktionsverluste aufgrund von Krankheit oder Unfall (z. B. Lohnausfälle) und immaterielle (unantastbare) Kosten, die durch den Verlust von Lebensqualität aufgrund von Krankheit, Behinderung oder frühzeitigem Tod entstehen. Der monetäre Wert des Verlusts dieser Lebensqualität wird mit einem von der WHO entwickelten Berechnungsschlüssel kalkuliert (DALYs – Disability Adjusted Life Years).
Die nun veröffentlichten Ergebnisse zeigen folgendes Bild: Die Massnahmen in allen drei Bereichen haben die Morbidität, die Anzahl frühzeitiger Todesfälle und das daraus resultierende Leiden beträchtlich gesenkt. Der «Return on Investment» (ROI – Berechnungsbeispiel siehe Box) ist durchgehend positiv. In anderen Worten: Der Nutzen der Prävention ist gemäss den Studien um ein Vielfaches höher als ihre Kosten.
Im Bereich der Verkehrsunfälle (ROI: 9) zeigt die Studie folgendes Bild: Zwischen 1975 und 2007 wurden die staatlichen Ausgaben für die Verhinderung von Unfällen im Strassenverkehr um 50% erhöht. Diese Erhöhung ging einher mit einem beträchtlichen Rückgang an Unfällen. Gemäss der Studie konnten dank diesen Präventionsmassnahmen 13 500 Unfalltote, 17 300 lebenslang Be­hinderte, 98 000 Schwerverletzte, 82 800 Mittelschwerverletzte und 710 000 Leichtverletzte verhindert werden. Total konnten damit 72,8 Milliarden Franken gespart werden. Die Studie hat weiter gezeigt, dass Massnahmen, die auf ein sichereres Fahrverhalten abzielen, ein besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis aufweisen als infrastrukturelle Massnahmen (Strassen, Sicherheitsvorrichtungen). Letztere machen den weitaus grösseren Teil der Ausgaben aus.
Noch eindeutiger fallen die Zahlen bei der Tabakprävention (ROI: 41) aus. Der Kampf gegen den blauen Dunst ist in den letzten Jahren massiv verschärft worden: In nur zehn Jahren, zwischen 1997 und 2007, haben sich die Ausgaben für Tabakkampagnen und andere Massnahmen vervierfacht – mit Erfolg. Denn diesen Mehrausgaben steht ein Rückgang der Rauchenden in der Schweizer Bevölkerung um 5,3% gegenüber (von 33,2% auf 27,9%). Dies entspricht 343 000 weniger Raucherinnen und Raucher. Der Grossteil dieses Erfolgs ist zwar auf Steuererhöhungen bei Tabakwaren zurückzuführen, aber rund ein Drittel davon (143 000) gehen nach Schätzungen der Experten auf das Konto von Präventionsmassnahmen durch Information und Bildung. Rauchen verursacht in der Schweiz 11,2% aller durch Krankheit oder frühzeitigen Tod verlorener Lebensjahre bei normaler Gesundheit. Entsprechend hoch ist der ökonomische Nutzen von Tabakprävention von schätzungsweise 540 bis 900 Millionen Franken pro Jahr. Jeder Tabakpräventionsfranken zahlt sich damit für die Gesellschaft um das 41-Fache aus.
Die Alkoholprävention (ROI: 23) liegt zwar hinter der Tabakprävention, sie verzeichnet aber trotzdem eindrückliche Erfolge. Insbesondere wenn man bedenkt, dass Alkohol heute günstiger und wesentlich einfacher erhältlich ist als früher. Zwischen 1997 und 2007 haben sich die Präventionsausgaben in diesem Bereich verdoppelt. Der Anteil der Personen mit missbräuchlichem Alkoholkonsum ist in dieser Zeit von 6% auf 5,1% gefallen, dies entspricht 55 000 Personen. Gemäss der Studie ist knapp die Hälfte dieses Rückgangs auf die Prävention zurückzuführen. Mit andern Worten: Hätte es keine Präventionsmassnahmen gegeben, gäbe es heute 25 000 alkoholkranke Menschen mehr in der Schweiz.

BAG will keine voreiligen Schlüsse ziehen
Obschon die Ergebnisse erfreulich sind – der Nutzen überwiegt die Kosten der Präventionsmassnahmen – und auch durch andere Untersuchungen bestätigt werden, betrachtet das BAG diese Zahlen mit Vorsicht. Die wissenschaftliche Gemeinschaft ist sich der Komplexität von Kosten-Nutzen-Analysen zu präventiven und gesundheitsförderlichen Massnahmen bewusst. Der Zusammenhang zwischen einer Präventionsmassnahme und ihrer direkten gesundheitlichen Wirkung ist methodisch schwierig zu belegen. Die Wirkung von Präven­tionsmassnahmen auf die Gesundheit ist nicht direkt beobachtbar und zeigt sich oftmals erst Jahre später. Zusätzlich muss der Einfluss anderer Faktoren wie Inflationen, technischer Innovationen, Anpassungen in der Rechtsgebung, Änderungen in Geschmack, Einstellungen und Modetrends wie auch der Einfluss ebensolcher weltweiter Veränderungen beziffert werden. Ebenfalls eine Herausforderung stellt die Kalkulation des Returns on Investment dar, da Investition und Wirkung von präventiven Massnahmen monetär schwer zu beziffern sind. In diesem Sinne sind diese Pionierstudien als erste Schritte in Richtung Kosten-Nutzen-Analysen von Präventionsmassnahmen zu betrachten. Ihnen müssen weitere Arbeiten folgen, bevor man sich für eine weitere Optimierung der Präventionspolitik zu stark darauf bezieht. Damit dies möglich wird, müssen die methodischen Herausforderungen angegangen sowie die Verfügbarkeit und die Qualität der Daten verbessert werden. Dafür wird sich das BAG einsetzen

Return on Investment (ROI) – ein vereinfachtes Berechnungsbeispiel

Eine Präventionskampagne (Kosten: CHF 100 000.–) überzeugt 1000 Radfahrer, einen Helm zu tragen. Einer davon, ein 55-Jähriger, verursacht einen Fahrradunfall, bei dem er sich schwere Kopfverletzungen zugezogen hätte, wenn er keinen Helm getragen hätte. Diese verhinderte Verletzung ist die Folge des Präventionsprogramms. Sie hat folgenden monetären Wert:

1. Verhinderte medizinische Kosten: CHF 100 000.–

2. Verhinderter Einkommensausfall: CHF 500 000.– (der Radfahrer hätte mit 55 statt mit 65 aufgehört zu arbeiten)

3. Verhinderter Verlust an Lebensqualität durch die verhinderte Behinderung: CHF 500 000.–

Nutzen der Prävention (= Total verhinderte Kosten): CHF 1 100 000.–

ROI = Nutzen der Prävention – Kosten der Prävention / Kosten der Prävention

In diesem Beispiel also: ROI = CHF 1100 000.– – CHF 100 000.– / CHF 100 000.– = 10

Ein ROI von 10 bedeutet, dass jeder in dieses Präventionsprogramm investierte Franken der Gesellschaft einen Nutzen von 10 Franken bringt.

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Kontakt

Herbert Brunold, Leiter Forschung und Evaluation, herbert.brunold@bag.admin.ch

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