01.03.2014 Freier Wille und Verantwortung, Automatismus und Impulsivität

Hirnforschung. An der Suchtakademie von Ende August 2013 auf dem Monte Verità im Kanton Tessin stellte der Fachpsychologe FSP Jean-François Briefer vom Genfer Universitätsspital Studienresultate zum Konsum aus neurobiologischer und psychologischer Sicht vor. Die Neurowissenschaften erleuchten immer mehr die Mechanismen der Impulsivität und des Kontrollverlusts, und sie zeigen ausserdem, dass neue achtsamkeitsbasierte Therapien dabei helfen, süchtig machende Automatismen zu unterdrücken.

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Wenn es einen Bereich gibt, wo die Frage nach dem freien Willen zentral ist, dann zweifellos bei Abhängigkeit und Sucht. Sich wissentlich selbst zu schaden, erscheint vorerst völlig irrational, die Hirnforschung zeigt jedoch die biologische Logik eines solchen Verhaltens auf.

Aus neurobiologischer Sicht gibt es zwei Gehirnsysteme in ständiger Interaktion: das impulsive und das reflektierende (oder exekutive) System. Das limbische System ist vorwiegend im ventromedialen präfrontalen Cortex beheimatet, es setzt die Absichten und Entscheidungen in einen Bezug zu den langfristigen Auswirkungen und lässt uns dementsprechend ein bestimmtes Verhalten ausführen oder darauf verzichten. Es folgt ein Abwärtskurs (top-down), der gewöhnlich mit dem freien Willen gleichgesetzt wird, welcher die Unterdrückung der Impulse aus den subkortikalen Strukturen ermöglicht. Dadurch können die Folgen eines bestimmten Verhaltens für die Zukunft abgeschätzt werden. Durch das Erlernen sozialer Regeln übernimmt das limbische System allmählich die Kontrolle über das impulsive System, sodass die Bedürfnisbefriedigung aufgeschoben und an die Realität angepasst werden kann.

Nun beobachtet man aber bei Süchtigen gewisse Störungen in diesen zwei Systemen, namentlich durch eine schrittweise «Geiselnahme» des impulsiven Systems durch die Substanz, welche die Verbindungen im Gehirn ausnutzt. Die Substanz beeinflusst mehrere psychologische Funktionen, die von verschiedenen Bereichen des präfrontalen Cortex übernommen werden, namentlich die Selbstkontrolle, die emotionale Regulation,  die Motivation, das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl und die Entscheidungsfähigkeit. Dies führt zu höherer Impulsivität, Reaktivität auf akuten Stress und Verlust von Motivation für alles ausser der Droge, zur Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse und zu Entscheidungen, die nur auf die sofortige Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet sind.

Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapien
Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapien wurden in den Vereinigten Staaten in den 1980er-Jahren von Jon Kabat Zinn angewendet, der damit ein wissenschaftliches Programm für die Bewältigung von Stress und Schmerzen etablierte. Weitere Programme wurden später zur Behandlung von Depressionen und in jüngster Zeit für die Behandlung von Suchtkranken entwickelt.

Das Prinzip der aufmerksamkeitsbasierten Therapie ist einfach, es geht um die wohlwollende und nicht wertende Aufmerksamkeit auf die Erfahrung des Augenblicks. Dieses Bewusstsein der Gegenwart wird entwickelt durch verschiedene Techniken und Übungen, die sich auf die Aufmerksamkeit für die körperlichen Empfindungen stützen. Es ist ein mentales Training, das die kognitive und cerebrale Plastizität komplexer psychischer Funktionen aufnimmt und weiterentwickelt. Wir wissen heute, dass ein mentales Training wie die Meditation das Gehirn sowohl in struktureller wie auch in funktionaler Hinsicht ändert. Zahlreiche neurowissenschaftliche Studien belegen die positiven Auswirkungen dieses Ansatzes (Hölzel Et Al., 2011), namentlich hinsichtlich der Impulse, die bei der Sucht im Spiel sind. Durch ihre vier Teilprozesse (Regulierung der Aufmerksamkeit, Körperbewusstsein, emotionale Regulation, Änderung der Selbstwahrnehmung) wirkt die achtsamkeitsbasierte Therapie direkt auf die psychologischen Funktionen, die vom präfrontalen Cortex gesteuert werden, und stärkt damit die kognitiv-emotionalen Fähigkeiten für das psychische Wohlbefinden. Bei drogenabhängigen Menschen beobachtet man eine Abnahme sowohl der Häufigkeit wie auch der Dauer von Suchtschüben und bessere Toleranz gegenüber den Entzugserscheinungen.

Neue Impulse für die Forschung
Die letzten 15 bis 20 Jahre neurowissenschaftlicher Forschung haben die Bedeutung der alltäglich ablaufenden automatischen Informationsverarbeitung in unserem Gehirn aufgezeigt, von der komplexesten bis zu der unbedeutendsten Aktivität. Ein Grossteil unseres Denkens und Handelns wird in der Tat durch unbewusste Gehirnprozesse generiert, die sich der Selbstbeobachtung entziehen. Zu ihnen gehören auch die Automatismen der Sucht. Bei letzteren, so zeigen jüngste Studien (Goldstein, 2011), spielt der präfrontale Cortex eine bedeutende Rolle, während der Grossteil der Forschung sich bisher auf das System des Dopaminhaushalts konzentrierte.

Studien zum Thema

Bechara, A. (2005). Decision making, impulse control and loss of willpower to resist drugs: a neurocognitive perspec­tive. Nature neuroscience, 8(11), 1458–1463.

Bowen, S., Chawla, N., & Marlatt, G. A. (2010). Mindfulness-based relapse prevention for addictive behaviors: A clinician’s guide. Guilford Press.

Goldstein, R. Z., & Volkow, N. D. (2011). Dysfunction of the prefrontal cortex in addiction: neuroimaging findings and clinical implications. Nature Reviews Neuroscience, 12(11), 652–669.

Hölzel, B. K., Carmody, J., Vangel, M., Congleton, C., Yerramsetti, S. M., Gard, T., & Lazar, S. W. (2011). Mindfulness practice leads to increases in regional brain gray matter density. Psychiatry Research: Neuroimaging, 191(1), 36–43.

Kontakt

René Stamm, Sektion Drogen, rene.stamm@bag.admin.ch

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