21.01.2020 Frische Luft für wache Köpfe

Empfehlung. In rund zwei Dritteln der Schulen ist die Luftqualität ungenügend, wie eine Untersuchung des Bundesamts für Gesundheit BAG gezeigt hat. Dabei ist gute Raumluft wichtig für das intellektuelle Leistungsvermögen und die Gesundheit von Schülerinnen und Schülern. Nun können Schulen und Lehrpersonen auf Empfehlungen für gutes Lüften und weitere Hilfsmittel wie etwa den Lüftungssimulator Simaria zurückgreifen.

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Mit systematischem und effizientem Lüften kann die Luft im Schulzimmer sofort deutlich verbessert werden.

Schulzimmer werden intensiv genutzt, meistens halten sich viele Personen gleichzeitig darin auf. Deshalb muss das Schulzimmer regelmässig gelüftet werden. Die Zufuhr von Frischluft verhindert, dass sich die Luftqualität verschlechtert. Doch beim Lüften besteht Handlungsbedarf in Schweizer Schulzimmern, wie eine repräsentative Untersuchung gezeigt hat: Das BAG hat in Zusammenarbeit mit Gemeinden der Kantone Bern, Graubünden und Waadt in 100 Schulzimmern vier Tage lang kontinuierlich die Kohlendioxid-Konzentrationen gemessen: Die Luftqualität nimmt bei steigendem Kohlendioxid­-Pegel spürbar ab. Das liegt daran, dass Personen aufgrund ihres Stoffwechsels beim Ausatmen nicht nur Kohlendioxid absondern, sondern eine Vielzahl von weiteren Substanzen, welche die Raumluft im Laufe der Zeit verunreinigen. Viele dieser Verunreinigungen sind (im Gegensatz zum Kohlendioxid) geruchlich wahrnehmbar: Es riecht stickig, abgestanden, muffig. Zudem beeinträchtigen die Ausdünstungen die intellektuelle Leistung und Konzentrationsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrpersonen.

Belastung nimmt im Laufe des Tages zu
Beim Lüften geht es – entgegen der weit verbreiteten Meinung – nicht darum, Sauerstoff ins Schulzimmer einzulassen: Da Luft zu mehr als einem Fünftel aus Sauerstoff besteht, mangelt es so gut wie nie an Sauerstoff. Das Ziel des Lüftens besteht vielmehr darin, die verunreinigte Luft abzuführen und durch Frischluft zu ersetzen. Denn abgestandene Luft führt dazu, dass sich die Schülerinnen und Schüler müde fühlen oder sogar Kopfschmerzen kriegen. Bei ungenügender Luftqualität lässt die Leistungsfähigkeit nach. Umgekehrt wirkt sich eine gute Raumluft positiv auf die Gehirnleistung und die Konzentrationsfähigkeit aus. Gute Raumluft ist zudem auch für die Gesundheit wichtig, es kommt seltener zu asthmatischen Symptomen oder Schleimhautreizungen. Von einer guten Luftqualität profitieren deshalb besonders auch Allergiker und Asthmatiker.

In der Studie zeigten zwar die meisten Schulen ein aktives Lüftungsverhalten, allerdings wurde oft nach Gefühl, zu kurz und ohne System gelüftet. Nach dem Lüften am Morgen ist die Raumluftqualität meist gut bis sehr gut. Wenn die Fenster geschlossen sind, verschlechtert sich die Luft allerdings rasch im Laufe einer Lektion. Wenn in den Pausen nicht ausreichend gelüftet wird, kann sich die Raumluft nicht genügend erneuern – und die Belastung nimmt immer mehr zu. Weil der (in der Baunorm SIA 180 definierte und vom BAG für Schulen mit Fensterlüftung empfohlene) hygienische Grenzwert von 2000 ppm Kohlendioxid während mehr als 10 Prozent der Unterrichtszeit überschritten wurde, war die Raumluftqualität in mehr als zwei Dritteln aller Schulzimmer ungenügend. In knapp einem Drittel der Schulzimmer lag der Kohlendioxid­-Pegel sogar während mindestens 30 Prozent der gesamten Unterrichtszeit im inakzeptablen Bereich.

Wie jedoch die zweite Phase der Untersuchung des BAG gezeigt hat, kann die Luft im Schulzimmer mit systematischem und effizientem Fensterlüften sofort deutlich verbessert werden. Eine Versuchsgruppe von 23 Pilotschulklassen hat mithilfe des Onlinelüftungssimulators Simaria (www.simaria.ch) auf spielerische Weise berechnet, wie lange ihr Zimmer in den Pausen gelüftet werden muss, damit genügend Frischluft eintreten kann. Der Simulator macht deutlich, dass sowohl die Klassengrösse (also die Anzahl Personen im Zimmer) wie auch das Raumvolumen einen grossen Einfluss auf die Entwicklung der Luftqualität haben. Ebenso zeigt der Simulator auf, dass eine gezielte Verbesserung der Luftqualität nur durch ausgiebiges Lüften vor der ersten Morgen- und Nachmittagslektion zu erreichen ist.

Erfolg von Sofortmassnahmen
Die Pilotschulklassen haben mit Simaria Lüftungspläne erstellt, die auf ihr individuelles Klassenzimmer angepasst waren. Zudem haben sie auch allgemeine Empfehlungen für effizientes Lüften thematisiert und befolgt, etwa, dass alle Fenster beim Lüften weit offen, die Schulzimmertür aber grundsätzlich geschlossen sein sollte – damit Frischluft von aussen, und nicht etwa verbrauchte Luft vom Schulkorridor ins Zimmer einströmt.

Mit einer erneuten kontinuierlichen Messung des Kohlendioxid-Pegels liess sich der Erfolg dieser Massnahmen nachweisen: Der Anteil der Unterrichtszeit mit inakzeptablen Luftqualitätswerten verkleinerte sich von 31 auf nur noch 9 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil der Unterrichtszeit mit hervorragenden (<1000 ppm) und guten Luftwerten (1000–1400 ppm) von 40 auf 70 Prozent. Die Rückmeldungen der Pilotschulklassen bestätigten einerseits, dass die Schülerinnen und Schüler die frische Luft schätzten und sich im Schnitt wacher und leistungsfähiger fühlten. Doch andererseits machte einigen auch die kalte Zugluft zu schaffen. Deshalb sollten die Schülerinnen und Schüler an besonders kalten Tagen im Winter während des Lüftens das Zimmer verlassen können. Das bedingt allerdings, dass die Lehrpersonen an einem Strick ziehen und gemeinsame Lösungen erarbeiten. So ist etwa der Korridor nur dann als Aufenthaltsort geeignet, wenn wie zu alten Zeiten alle Schulklassen gleichzeitig Pause machen.

Aus einer längerfristigen Perspektive wünschenswert wäre eine gute Raumluftqualität über die gesamte Unterrichtszeit hinweg (<1400 ppm Kohlendioxid). Mit einer manuellen Fensterlüftung lassen sich solche Zielwerte allerdings fast nicht erreichen. Bei Neubauten oder Sanierungen sollten Behörden, Gebäudeeigentümer und Nutzer der Gebäude zu einer gemeinsamen Haltung finden – und auch mechanische Lüftungsanlagen ins Auge fassen, die unbedingt fachgerecht geplant, ausgeführt, abgenommen und einreguliert werden müssen, damit sie einwandfrei funktionieren. Nichtsdestotrotz beweisen die Resultate der Studie, dass die Schulen es mit ihrem Lüftungsverhalten selbst in der Hand haben, bis zurnächsten Sanierung für eine gute Luftqualität in den Unterrichtszimmern zu sorgen. Wenn die Lehrpersonen ihre Schülerinnen und Schüler gut informieren, können sich auch die Lernenden am Lüften beteiligen – und das Lüftungsverhalten in der Klasse engagiert mitgestalten.

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Claudia Vassella
Fachstelle Wohngifte

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