01.01.2011 Gesamtstrategie für HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten

Nationales Programm HIV und STI 2011– 2017 (NPHS). Das neue NPHS schliesst an die bisherige Arbeit an und führt diese unter Berücksichtigung der neusten Erkenntnisse fort: Erstmals werden in einem nationalen Programm HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen (STI) gemeinsam bekämpft. Der Schwerpunkt der Strategie liegt auf besonders gefährdeten Gruppen und auf bereits Infizierten und ihren Partnern und Partnerinnen. Hauptziel ist, die Anzahl Neuinfektionen mit HIV und anderen STI deutlich zu senken und gesundheitsschädigende Spätfolgen zu vermeiden.

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Die Integration der STI in die HIV-Strategie geschieht aus mehreren Gründen. Zum einen haben in der Schweiz die Infektionen mit manchen Erregern zugenommen, die Verbreitung ist grösser als im westeuropäischen Durchschnitt. Zum andern besteht ein starker Zusammenhang zwischen HIV und anderen STI: Eine STI kann die Infektiosität von HIV-positiven Menschen erhöhen und die Wirksamkeit der HIV-Therapie beeinträchtigen. Weiter kann die STI-Prävention einfach in die bestehenden Strukturen der HIV-Prävention integriert werden, die Botschaften sind weitgehend dieselben.  

Die bekannten Safer-Sex-Regeln bleiben bestehen:
1. Beim eindringenden Verkehr immer Präservative (oder Femidom) verwenden.
2. Kein Sperma in den Mund, kein Sperma schlucken, kein Menstrua­tionsblut in den Mund, kein Men­s­truationsblut schlucken.
Aufgrund der Integration der STI kommt eine neue Regel dazu:
3. Bei Jucken, Ausfluss oder Schmerzen im Genitalbereich umgehend zum Arzt.

Mehr Präventionsgeld für Risikogruppen
Mit rund 9 Millionen Franken im Jahr kostet die Umsetzung der vorliegenden Strategie den Bund gleich viel wie das Vorgängerprogramm. Bei der Verteilung der Präventionsgelder gibt es jedoch eine Verschiebung zugunsten jener Zielgruppen, die von HIV und STI besonders betroffen sind. Das sind Männer, die mit Männern Sex haben (MSM), Migranten und Migrantinnen aus Hochprävalenzländern, drogeninjizierende Menschen (IDU), SexworkerInnen und Gefängnisinsassen. Für die Gesamtbevölkerung bleibt ein Grundangebot bestehen. Beispielsweise wird die «LOVE LIFE STOP AIDS»-Kampagne angepasst und weitergeführt. Mit der Verlagerung der Gelder wird der Empfehlung internationaler Experten Rechnung getragen, die Bemühungen dort zu verstärken, wo das HI-Virus und andere STI häufig vorkommen. Aber auch weitere Kriterien sollen berücksichtigt werden: So infizieren sich beispielsweise über 98% der MSM und über 80% der Heterosexuellen im städtischen Raum.

Partnerinformation soll selbstverständlich werden  
Eine andere wichtige Zielgruppe sind die von HIV oder einer anderen STI betroffenen Menschen und ihre Partner und Partnerinnen. Menschen mit HIV werden ab dem Zeitpunkt der Diagnose medizinisch begleitet, und der Verlauf der HIV-Infektion wird regelmässig beurteilt. Dank dieser Verlaufskontrollen erkennt der Arzt den richtigen Zeitpunkt für den Beginn der Behandlung. Die regelmässigen Kontakte mit dem medizinischen System sind aber auch wichtig für die Prävention: Die Betroffenen werden dafür sensibilisiert, das Virus nicht weiterzugeben. Sie werden, wenn immer möglich, gemeinsam mit ihren Partnerinnen und Partnern beraten. Ein grosses Ziel der nächsten Jahre ist denn auch, dass die freiwillige Partnerinformation selbstverständlich wird. Infizierte sollen ermutigt werden, ihre festen oder auch Gelegenheitspartnerinnen und -partner über ein positives Testresultat zu informieren. Die Partner haben so die Möglichkeit, sich rasch beraten, testen und gegebenenfalls therapieren zu lassen. Die freiwillige Partner­information ist ein wichtiges Element der Prävention, um die Ansteckungskette zu unterbrechen. Dabei sollen die Betroffenen nicht allein gelassen, sondern durch das Medizin- und Beratungssystem unterstützt werden. Dafür werden neue Methoden und Kommunikationsmittel erprobt und eingesetzt.

Umsetzung auf drei Interventionsachsen
Erstmals wird zur Strukturierung und Umsetzung von Zielen und Massnahmen ein Modell mit drei Interventionsachsen verwendet. Diesem Ansatz liegen Überlegungen zur Verbreitung der Infektionen und zur Gefährdung der Zielgruppen zugrunde. Als Fundament der Prävention dient die Interventionsachse 1 mit der Zielgruppe Gesamtbevölkerung. Die Interventionsachse 2 ist auf Menschen ausgerichtet, die sich in einem Umfeld mit hohen Infektionsraten risikoreich verhalten. Die Interventionsachse 3 richtet sich an Menschen mit einer HIV- oder STI-Infektion und an deren Partnerinnen und Partner.  

Lernstrategie hat weiterhin Gültigkeit
Das NPHS verfolgt wie die bisherigen Programme die Lernstrategie: Die HIV- und STI-Prävention basiert auf der Kooperation mit den Betroffenen. Prävention – insbesondere in einem so heiklen Bereich wie der Sexualität – kann nur erfolgreich sein, wenn ein Vertrauensverhältnis zwischen Staat, Leistungserbringern und Betroffenen bzw. gefährdeten Gruppen/Menschen besteht. Die Anwendung seuchenpolizeilicher Massnahmen würde dieses Vertrauen gefährden und könnte dazu führen, dass Betroffene ihre Infektion verschweigen oder die entsprechenden Tests zu umgehen versuchen.

Breit abgestützte Strategie
Gemäss dem Epidemiengesetz muss der Bund Vorschriften für die Bekämpfung von übertragbaren oder bösartigen Krankheiten erlassen. Hierzu liegt nun mit dem NPHS eine verbindliche Strategie vor. Bei deren Erarbeitung waren alle relevanten Akteure involviert: Bund, Kantone, Gemeinden, Nichtregierungs- und Betroffenenorganisationen. Die einzelnen Akteure entscheiden nun, wie die konkrete Umsetzung in ihrem Bereich erfolgt und wie die vorhandenen Mittel eingesetzt werden. Der Bund hat die Aufgabe, die Massnahmen zu koordinieren.

Kontakt

Roger Staub, Sektion Prävention und Promotion, roger.staub@bag.admin.ch

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