02.05.2016 Gesprächsrunden als Gesundheitsförderung auf Augenhöhe

Femmes-Tische. Die Migrations-bevölkerung ist gesundheitlich stärker belastet als Schweizerinnen und Schweizer – nicht nur bezüglich der physischen, sondern auch bezüglich der psychischen Gesundheit. Frauen mit einer Zuwanderungsgeschichte sind besonders stark betroffen. Sie sind mit herkömmlichen Präventionsmassnahmen aber schlecht erreichbar. Das Programm «Femmes-Tische» schliesst diese Lücke: Mit seinem Peer-Education-Ansatz eröffnet es vielen Migrantinnen den Zugang zu den Angeboten der Prävention und Gesundheitsförderung, seit 2014 auch im Bereich der psychischen Gesundheit.

Bildstrecke Gesprächsrunden als Gesundheitsförderung auf Augenhöhe

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So funktioniert das Präventions- und Gesundheitsförderungsprogramm Femmes-Tische, das sich hauptsächlich an Frauen mit Migrationshintergrund richtet: Migrantinnen aus verschiedensten Herkunftsländern werden von regionalen Standortleiterinnen zu Mediatorinnen ausgebildet, um in ihren Communitys Gesprächsrunden zu den Themen Gesundheit, Erziehung und Prävention zu organisieren und zu leiten. Die Treffen finden mehrheitlich in einem privaten oder institutionellen, aber immer sehr vertrauensvollen Rahmen statt. Sie werden in der Muttersprache der Teilnehmerinnen oder bei gemischten Gruppen auf Deutsch, Englisch oder Französisch geführt. Der grosse Vorteil dieses Prinzips: Verständigungsschwierigkeiten oder andere Zugangsbarrieren, wie sie bei herkömmlichen Präventionsmassnahmen bestehen, können so weitgehend überwunden werden.  

Gute Resonanz

Seit 2014 bietet Femmes-Tische mit Unterstützung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) auch Gesprächsrunden zum Thema «Förderung der psychischen Gesundheit» an. Dieses Thema stiess bei den Moderatorinnen auf grosses Interesse und die Bilanz der ersten zwei Jahre ist erfreulich: In 121 Gesprächsrunden in 13 verschiedenen Sprachen wurden 780 Migrantinnen für die psychische Gesundheit sensibilisiert. Dabei konnten sie sich über die Möglichkeiten zu deren Stärkung austauschen sowie Beratungsstellen in ihrer Region kennenlernen.  

Befreiender Tabubruch

Der zentrale Erfolg der Gesprächsrunden zur psychischen Gesundheit ist der Bruch mit einem tief verwurzelten Tabu. «Es ist schwer, Frauen für diese Gesprächsrunden zu finden und sie dazu zu bewegen, über dieses Thema zu sprechen», sagt Mybera Berisha, die seit 2009 in Basel als Moderatorin Femmes-Tische-Gesprächsrunden mit Kosovo-Albanerinnen durchführt. «Beim Begriff psychische Gesundheit denken die meisten eben gerade nicht an Gesundheit, sondern an Krankheit. Und psychische Krankheit ist für viele Frauen gleichbedeutend mit verrückt sein», erklärt sie. An einigen regionalen Standorten war denn auch von vornherein klar, dass mit dem Angebotstitel «Förderung der psychischen Gesundheit» keine Teilnehmerinnen zu gewinnen sind. Stattdessen wurden für das Modul Namen wie «Wie kann ich Krisen meistern?» oder «Le bienêtre» verwendet. Wenn die Frauen den Schritt in eine Gesprächsrunde gewagt haben, gilt es, sie zum Sprechen zu motivieren. Mybera Berisha gelingt dies, indem sie den ersten Schritt macht und mit Ich-Botschaften und persönlichen positiven Erfahrungen die Frauen ermutigt, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Wie bei Mybera Berisha haben so schon viele Migrantinnen bei einer Femmes-Tische-Runde zum ersten Mal ausserhalb der Familie über psychisches Wohlbefinden gesprochen – für die meisten eine sehr befreiende Erfahrung.  

Lösungen finden statt Probleme wälzen

Die erfreuliche Offenheit der Teilnehmerinnen hat zuweilen aber auch ihre Kehrseite: Oftmals entsteht bei den Frauen ein grosser Bedarf, ihre persönliche Situation darzulegen, sodass die Gesprächsrunden zu reinen «Problemwälzrunden» auszuarten drohen. «In diesem Fall sage ich zu meinen Frauen: ‹Gut, das sind die Probleme. Wie können wir sie lösen?›», sagt Mybera Berisha, die das Gespräch so immer wieder auf die förderlichen, positiven Faktoren für das psychische Wohlbefinden lenkt. Dabei helfen ihr die Materialien der Kampagne «10 Schritte zur Erhaltung der psychischen Gesundheit» oder die in 15 Sprachen erhältliche Broschüre «Gesund sein – gesund bleiben», die an den Gesprächsrunden als methodische und inhaltliche Leitfäden zum Einsatz kommen.  

Unterstützung von Fachexpertin

Die ersten zwei Jahre haben gezeigt, dass es wichtig ist, die Moderatorinnen beim Thema psychische Gesundheit intensiver vorzubereiten und zu begleiten als bei anderen Themen. Insbesondere müssen sie lernen, in welchen Situationen sie sich abgrenzen und die Teilnehmerinnen an eine Fachperson weiterverweisen sollen. In der Stadt Basel hat sich in puncto Unterstützung und Entlastung für die Moderatorinnen bereits eine Zusammenarbeit mit dem kantonalen Gesundheitsdepartement ergeben: Die Fachexpertin im Bereich Migration und Gesundheit kann auf Wunsch zu einer Moderatorin in einer ersten Gesprächsrunde dazukommen und die inhaltliche Leitung der Runde übernehmen, falls sich das Gespräch in eine belastende Richtung entwickelt. Auch können die Moderatorinnen in Basel ihre Teilnehmerinnen auf die Expertin verweisen und einen weiteren Gesprächstermin mit ihr vereinbaren. «Das Wichtigste ist, dass die Frauen wissen, dass und wo sie Hilfe bekommen, und diese auch beanspruchen», sagt Mybera Berisha.  

Modul wird ausgebaut und vertieft

Nach dem positiven Start des Moduls «Psychische Gesundheit» wird es nun ausgebaut und vertieft – weiterhin mit finanzieller Unterstützung des BAG. Gerade bei stark tabuisierten Themen ist es wichtig, diese immer wieder anzubieten, um auch jene Frauen zu erreichen, die sich nicht auf Anhieb zu einer Teilnahme durchringen können. Zudem sind in den bisherigen Gesprächsrunden immer wieder Themen aufgetaucht, die einer Vertiefung oder erneuten Gesprächsrunde bedürften. Dazu gehören zum Beispiel Erschöpfungsdepressionen, postnatale Depressionen oder der Umgang mit Psychopharmaka.  

Preisgekröntes Programm

Femmes-Tische ist ein lizenziertes, mehrfach preisgekröntes Präventions- und Gesundheitsförderungsprogramm. Es wird seit 1996 in vielen Regionen der Schweiz sowie in anderen Ländern erfolgreich umgesetzt. Jährlich nehmen in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein mehr als 10 000 Frauen, hauptsächlich Migrantinnen, an Femmes-Tische-Gesprächsrunden teil.   Mehr Informationen zum Angebot und zu praxiserprobten Moderationsmaterialien finden Sie unter: www.femmestische.ch

Weitere Hilfsmittel und Kompetenzzentren

Interkulturelles Dolmetschen vor Ort für planbare Gespräche über komplexe Inhalte in rund 70 Sprachen vermittelt der Verband «Interpret»: www.inter-pret.ch

Nationaler Telefondolmetschdienst für Notfälle oder für ungeplante, kurze Gespräche. Rund um die Uhr, in über 50 Sprachen: 0842-442-442.ch

Lernplattform für interkulturelles Dolmetschen mit Filmen, Kommentaren und Merkblättern für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit interkulturell Dolmetschenden: trialog.inter-pret.ch

Die Traumabroschüre «Wenn das Vergessen nicht gelingt» informiert über Entstehung, Folgen und Bewältigung der Posttraumatischen Belastungsstörung. Sie ist in 10 Sprachen erhältlich und richtet sich an Menschen, die Traumatisches erlebt haben, und an deren Angehörige. www.migesplus.ch

Fünf Ambulatorien für Folter- und Kriegsopfer bieten unter dem Verbundnamen «Support for Torture Victims» Beratung und Therapien für traumatisierte Opfer von Folter und Krieg: www.torturevictims.ch   

Kontakt

Sabina Hösli, Nationales Programm Migration und Gesundheit,

 

 

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