01.07.2013 Gesundheit macht Schule – Schule macht Gesundheit

Leitartikel. Die Bildung ist gemäss dem nationalen Gesundheitsbericht 2008 eine der wichtigsten sozioökonomischen Determinanten für die Gesundheit. Menschen mit höherer Bildung zeigen insgesamt ein gesundheitsförderlicheres Verhalten, fühlen sich gesünder und haben eine höhere Lebenserwartung als bildungsferne Bevölkerungsgruppen. Umgekehrt ist auch nachgewiesen, dass gesunde Schülerinnen und Schüler eine bessere schulische Leistung erbringen. Bildung und Gesundheit stehen demnach in Wechselwirkung zueinander.

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TODO CHRISTIAN

Seit etwa 20 Jahren ist das Bundesamt für Gesundheit (BAG) im Bereich Schule und Gesundheit tätig. Zu Beginn ging es in erster Linie um die Stärkung der Gesundheitskompetenz der Schülerinnen und Schüler. Die Schule ist jedoch nicht nur der Ort, wo Gesundheitskompetenz vermittelt und erworben werden kann. Sie ist auch ein für die persönliche Entwicklung wichtiges Lernfeld, das die Gesundheit der Schülerinnen und Schüler und auch der Lehrpersonen unmittelbar beeinflusst.

Nicht nur «Gesundheit beibringen»
Die Lebenswelt Schule ist vielfältigen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Einflüssen ausgesetzt. Eine zeitgemässe schulische Gesundheitsförderung muss sich mit diesen Einflüssen auseinandersetzen. Es geht nicht nur darum, den Schülern «Gesundheit beizubringen». Es geht um die Infrastruktur des Schulhauses, um Pausenplatzgestaltung, das Ernährungsangebot, die Weiterbildung der Lehrpersonen, um Arbeitsbedingungen, Raum für soziale Kontakte und um Lösungsstrategien für soziale Probleme, die sich zwangsläufig ergeben, wenn Hunderte von Kindern einen Raum beanspruchen. All das sind Faktoren, die dazu beitragen können, dass eine Schule nicht nur ein Ort ist, wo Gesundheit erlernt werden kann, sondern dass aus einer Schule eine gesunde Schule wird.
Vor diesem Hintergrund hat das BAG den Fokus seines Engagements zusehends verlagert. Stand früher die auf die Schüler und Schülerinnen ausgerichtete Verhaltensprävention im Vordergrund, geht es heute vorrangig um die Koordination der zahlreichen fachlichen und behördlichen Akteure des Gesundheitssektors, die mit gesundheitlichen Anliegen an die Schulen herantreten. Oberstes Ziel ist dabei, das Potenzial der Schule als gesundheitsfördernde Lebenswelt zu erschliessen und zu nutzen, die Schule aber vor überzogenen Erwartungen hinsichtlich ihrer gesundheitsförderlichen und präventiven Wirkung zu schützen.
Mit diesem Ziel vor Augen setzt das BAG folgende Schwerpunkte für sein Engagement für eine gesunde Schule:
– Netzwerk bildung + gesundheit Schweiz (b + g)
– Schweizerisches Netzwerk gesundheitsfördernder Schulen (SNGS)
– éducation21, Fachagentur Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE)

Netzwerk bildung + gesundheit Schweiz
Dieses Netzwerk ist ein Zusammenschluss von Organisationen, die sich für die Gesundheitsförderung und Prävention von der Vorschule bis zur Sekundarstufe II einsetzen (s. Kasten). In diesem Kontext unterstützt das BAG die Entwicklung von Massnahmen und Projekten sowohl auf der didaktisch-pädagogischen Ebene (z.B. Bewertung von Lehrmitteln) als auch auf der systemischen Ebene (z.B. Erstellen von Instrumenten für die Schulentwicklung). In den Netzwerktreffen und thematischen Arbeitsgruppen wird versucht, die fachlichen Anliegen der Gesundheitsförderung mit den systemischen Charakteristika des Schulsystems sowie den laufenden Schulreformen in Einklang zu bringen. Ziel ist es, die Schule in der Erfüllung ihrer Aufgabe als gesundheitsfördernde Institution zu unterstützen, ohne sie dadurch zu sehr zu belasten. Zentral sind die Beratung, thematische Inputs (konkrete Projekte in der Schule) sowie das Bereitstellen von Informationen und Instrumenten. So hat b + g letztes Jahr die Broschüre «Gesundheitsförderung in Tagesstrukturen für 4- bis 12-jährige Kinder» produziert. Die Broschüre soll Schulen sensibilisieren, die sich bislang noch nicht mit dem Thema Gesundheitsförderung befasst haben, und ihnen aufzuzeigen, dass in Sachen Gesundheitsförderung mit wenig Aufwand viel erreicht werden kann. Eine andere Arbeitsgruppe von b + g wird noch dieses Jahr einen Bericht zur Gesundheit von Lehrpersonen publizieren, einem Thema mit wachsender Bedeutung (s. Artikel Seite 5).

Schweizerisches Netzwerk gesundheitsfördernder Schulen (SNGS)
Das SNGS besteht seit 2003 und wurde von Radix im Auftrag des BAG und von Gesundheitsförderung Schweiz aufgebaut. Ziel des Netzwerks ist es, die Gesundheitsförderung in den Schulen zu verankern (s. Infografik). Das SNGS umfasst zurzeit 17 Kantone und soll Schulen motivieren und unterstützen, sich als gesundheitsfördernde Institution zu verstehen und durch Erfahrungsaustausch voneinander zu lernen. Es hat sich über die Jahre gezeigt, dass sich mit diesem Ansatz Verhältnisprävention und Schulentwicklung optimal verknüpfen lassen.

Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE)
BNE ist eine weltweite Bildungsoffensive der Vereinten Nationen. Der Bundesrat hat diese in seine Strategie Nachhaltige Entwicklung aufgenommen, Bund und Kantone koordinieren die entsprechenden Aktivitäten in der Schweizerischen Konferenz Bildung für Nachhaltige Entwicklung (SK BNE). Ein Beispiel für solche Aktivitäten ist die Stiftung éducation21, die Fachagentur für Nachhaltige Entwicklung. Sie wurde in enger Zusammenarbeit von Bund (BAG, BAFU, DEZA) und Kantonen (EDK) aufgebaut und hat am 1. Januar 2013 ihre Arbeit aufgenommen. éducation21 ist als nationales Dienstleistungszentrum auf nationaler, sprachregionaler, kantonaler und schulischer Ebene aktiv. Lehrpersonen, Schulleitungen und weitere Akteure finden bei éducation21 pädagogisch geprüfte Unterrichtsmedien, Orientierung und Beratung sowie Finanzhilfen für Schul- und Klassenprojekte. Auf der Ebene der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen arbeitet éducation21 mit den pädagogischen Hochschulen und anderen Aus- und Weiterbildungsstätten für Lehrpersonen zusammen. Dabei hat sie den Auftrag, die Gesundheit zusammen mit anderen Themen wie politischer Bildung, Menschenrechten und Wirtschaft in ihre Aktivitäten zu integrieren.

Alle Akteure ins Boot holen
Diese Aktivitäten werden zweifellos zu einer gesundheitsfördernden Schule beitragen, doch es sind nur erste Schritte auf dem Weg zu einer gesunden Schule. Die Schule ist kein Monolith, sondern lebt von der Vielfalt der beteiligten Akteure, die zum Teil sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben: Kantone, Gemeinden, Schulen, Schulleitungen, Lehrpersonen und natürlich die Schülerinnen und Schüler. Um in diesem komplexen System Gesundheit nachhaltig verankern zu können, ist ein partizipatives, mitunter aufwendiges Vorgehen unabdingbar. Hinzu kommt, dass Bildung der kantonalen Hoheit unterstellt ist, das heisst, der Bund kann hier nur unterstützende Leistungen anbieten. Wenn es jedoch gelingt, die Schulen davon zu überzeugen, dass die Auseinandersetzung mit gesundheitlichen Fragen einen Mehrwert darstellt, kann der Bund dazu beitragen, dass nicht nur Gesundheit Schule macht, sondern dass Schule auch Gesundheit macht. So gesehen, ist der Titel dieser «spectra»-Ausgabe auch als Appell zu verstehen, denn damit Gesundheit Schule machen kann, braucht es noch viele und vor allem gemeinsame Anstrengungen.

bildung + gesundheit Netzwerk Schweiz

... ist ein Zusammenschluss von Organisationen, die den Wissensaustausch pflegen, von den Erfahrungen anderer lernen wollen und sich gemeinsam für die Weiterentwicklung der schulischen Gesundheitsförderung engagieren. Die Mitglieder von b + g orientieren sich in ihrer Arbeit an den Prinzipien der Ottawa Charta: Partizipation, Befähigung zum selbstbestimmten Handeln, Ressourcenorientiertheit, Langfristigkeit und Chancengleichheit bezüglich Geschlecht, sozialer, ethnischer und religiöser Herkunft.

Die aktuellen Mitglieder von b + g:
– BASPO: www.baspo.admin.ch
– Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu), www.bfu.ch
– Forum per la promozione della salute nella scuola, www.ti.ch/forumsalutescuola
– Interessengemeinschaft Hauswirtschaft an den Pädagogischen Hochschulen (IGHWPH), www.ighwph.ch
– Kompetenzzentrum Ressourcen plus an der FHNW, www.fhnw.ch/sozialearbeit/isage/ressourcenplus-r
– Sexualpädagogik, www.amorix.ch
– Kompetenzzentrum Schulklima an der PHZ, http://www.phlu.ch/weiterbildung/zentrum-gesundheitsfoerderung/kompetenzzentrum-schulklima/
– Radix, www.gesunde-schulen.ch
– Schweizerische Gesellschaft für Ernährung, www.sge-ssn.ch
– Sucht Schweiz, www.suchtschweiz.ch

Kontakt für alle Beiträge zu «Gesundheit macht Schule»: Dagmar Costantini,
dagmar.costantini@bag.admin.ch

Kontakt

Markus Jann, Sektionsleiter, markus.jann@bag.admin.ch

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