01.07.2010 Gesundheitsdeterminanten Bildung und Migration

Chancengleichheit. Studien zeigen: Junge Immigrantinnen und Immigranten haben im Schweizer Schulsystem nicht dieselben Möglich­keiten wie ihre Schweizer Alters­genossen. Der schlechtere Zugang zu Bildung kann sich letztlich auch negativ auf die Gesundheit auswirken.

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Die Migrationsbevölkerung weist einen schlechteren Gesundheitszustand auf als die einheimische Bevölkerung, wie der Nationale Gesundheitsbericht 2008 belegt. Ein niedriger sozioökonomischer Status und weitere Besonderheiten, die sich aus einem Migrationshintergrund ergeben, können die Gesundheit ungünstig beeinflussen. Auch Bildung ist eine Gesundheitsdeterminante. Sie wirkt zum einen als Gesundheitswissen und Gesundheitskompetenz auf unser Gesundheitshandeln. Zum andern beeinflusst die Bildung, vermittelt über spezifische Lebensstile – aber auch direkt –, unsere Gesundheit. Der Fokus richtet sich hier auf die soziale Lage junger Migrantinnen und Migranten im Schulsystem der Schweiz.
Der Zugang zu Bildung und Ausbildung hat einen entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit, darauf weist der Nationale Gesundheitsbericht hin. Für diejenigen jungen Menschen, welche schulische Schwierigkeiten haben, sind besondere Anstrengungen notwendig. Dies ist in Anbetracht der Tatsache zu sehen, dass ein längerer Verbleib im Bildungssystem nicht nur die beruflichen Perspektiven verbessert, sondern auch die Gesundheitskompetenz und einen gesundheitsbewussten Lebensstil fördert.

Viele Immigrantenkinder in Sonderklassen
Das Autorenteam Kronig, Haeberlin und Eckhart hat eine Studie zum Thema Immigrantenkinder und schulische Selektion veröffentlicht. In einer bildungsstatistischen Analyse zeigen sie für den Zeitraum von 1980 bis 1998 eine hochsignifikante Zunahme der Sonderklassenüberweisungen von Immigrantenkindern im Vergleich zu Schweizer Kindern. Die Autoren sprechen von einer «Unterschichtung» der Bildungspyramide durch die Immigrantenkinder auf Primarstufe. Nach einem weiteren Bericht von Christian Imdorf ist der gleiche Prozess auf der Sekundarstufe I zu beobachten. Die aktuellen Daten des Bundesamts für Statistik bestätigen diese Entwicklung bis ins Jahr 2005. Daten für die Jahre danach liegen noch nicht vor. Schulen mit besonderem Lehrplan sowie Schulen der Sekundarstufe I mit Grundansprüchen haben den grössten Anteil an fremdsprachigen Schülerinnen und Schülern. Dieser hat sich seit 1980 um mindestens 30 % erhöht, während der Anteil auf der Sekundarstufe I mit erweiterten Ansprüchen lange stabil blieb. Der Anteil ausländischer Kinder in den Sonderklassen ist seit 1980 von einem Viertel auf mehr als die Hälfte gestiegen. Laut dem Bundesamt für Statistik geht 2005 praktisch jedes zehnte Immigrantenkind in eine Sonderklasse. Bei den Schweizer Kindern ist es jedes vierzigste. Anzumerken ist dabei, dass dieser hohe Ausländeranteil nicht auf Förderprogramme zurückzuführen ist, die explizit für ausländische Kinder und Jugendliche eingeführt wurden. Das heisst, wenn die Kinder überwiegend und für kurze Zeit in eine Fremdsprachenklasse zum Erwerb der betreffenden Landessprache überwiesen worden wären, wäre dieser Sachverhalt nicht bedeutend.

Zusammenhang zwischen Schulsystem und Gesundheit klären
Der Nationale Gesundheitsbericht zeigt in der Schweiz einen Trend zu höheren Bildungsabschlüssen auf. Diese Entwicklung wird als Bildungsexpansion bezeichnet. Von dieser profitieren jedoch laut dem Bericht in erster Linie Personen, die in der Schweiz aufwachsen. Im Wissen um die grundlegenden Gesundheitsdeterminanten ist der Zusammenhang zwischen einem selektiven Schulsystem und der Gesundheit von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund zu klären. Die soziale Schicht ist als mitbestimmender Faktor einzubeziehen. Kinder und Jugendliche ausländischer Herkunft wachsen zwar in der Schweiz auf, scheinen jedoch nicht die gleichen Möglichkeiten im Bildungssystem zu haben wie Schweizer Kinder. Zu betonen ist auch in diesem Kontext die Komplexität der Zusammenhänge. Gründe für die Unterschichtung sind nicht nur im Schulsystem zu suchen, sondern in gesamtgesellschaftliche Prozesse einzuordnen.
Auch Zugangsbarrieren zu Angeboten der Gesundheitsförderung und Prävention bestimmen im Migrationskontext oft das Gesundheitsverhalten mit. Umgekehrt besteht teilweise ein erschwerter Zugang für die Fachpersonen zu den Migrantinnen und Migranten. Da Bildung eine relevante Gesundheitsressource ist, lohnt es sich, die Aufmerksamkeit auch auf das Schulsystem zu richten. Dieses erreicht fast alle Kinder und Jugendlichen, die in der Schweiz leben.

Wichtiges Setting Schule
Mit dem Programm bildung +  gesundheit Netzwerk Schweiz (b + g) anerkennt das Bundesamt für Gesundheit die Wichtigkeit des Settings Schule und unterstützt darin die Gesundheitsförderung und die Prävention sowie den Aufbau von Gesundheitskompetenz. Im Sinne der Integrationspolitik und der Förderung gesundheitlicher Chancengleichheit empfiehlt es sich ausserdem, durch eine multisektorale Zusammenarbeit die Selektionsmechanismen anzugehen, welche bestimmte Personengruppen überproportional benachteiligen.

Kontakt

Priyani Ferdinando, Direktionsbereich Öffentliche Gesundheit, priyani.ferdinando@bag.admin.ch

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