03.03.2016 Gesundheitsfachleute dabei unterstützen, gefährdete Jugendliche frühzeitig zu erkennen

F+F in der medizinischen Grundversorgung. Gerade im Kindes- und Jugendalter kann der Substanz-konsum schwerwiegende Folgen für die Gesundheit haben. Umso wichtiger ist eine effektive Früh-erkennung und Frühintervention (F+F), die alle relevanten Berufsgruppen und Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen einbezieht. Eine Mitte 2015 veröffentlichte Studie zeigt auf, wie medizinisches Fachpersonal mit dieser Problematik umgeht und wie F+F in diesem Bereich verbessert werden könnte.

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TODO CHRISTIAN

Es ist ein wichtiges Anliegen des Bundesrats, Kinder und Jugendliche vor einem frühen Substanzkonsum zu schützen. Sie sind denn auch eine zentrale Zielgruppe sowohl des dritten Massnahmenpakets des Bundes zur Verminderung der Drogenprobleme (MaPaDro III) als auch des Nationalen Programms Alkohol (NPA). Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Ansatz der Früherkennung und Frühintervention (F+F). F+F basiert laut der Oltner Charta auf der Zusammenarbeit verschiedener Akteure, die sich bei einer Gefährdung austauschen und bei Interventionsbedarf einem definierten Ablauf folgen. Medizinische Fachpersonen haben in diesem komplexen System eine Schlüsselrolle; neben anderen relevanten Akteuren wie Eltern, Lehrpersonen oder Sozialarbeitern sind sie zentral für das Funktionieren von F+F. Doch wie sieht die Realität aus? Wo ergeben sich Gelegenheiten zur F+F? Wie geht das medizinische Fachpersonal mit suchtgefährdeten Kindern und Jugendlichen um? Diese Fragen klärte die Studie «Substanzkonsum bei Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren: Einschätzungen und Vorgehensweisen von medizinischen Fachpersonen» mittels einer Online-Befragung von 916 Ärztinnen und Ärzten und 284 Pflegefachpersonen.  

Alle wollen, wenige können

Die Studie bringt ein wichtiges positives Ergebnis zutage: Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachpersonal betrachten die Früherkennung von problematischem Substanzkonsum bei Kindern und Jugendlichen durchaus als ihre Aufgabe. Sie sehen jedoch vor allem Eltern und Lehrpersonen in der Verantwortung. Die Studie zeigt jedoch auch, dass bei Weitem nicht alle medizinischen Arbeitsorte und Fachgebiete gleichermassen mit dem Problem in Kontakt kommen. Am stärksten ist die Problematik beim schulärztlichen Dienst, in pädiatrischen Kliniken und Abteilungen sowie auf der Notfallstation und auf Psychiatrieabteilungen präsent. In den Arztpraxen kommt nur eine Minderheit mit betroffenen Kindern und Jugendlichen in Kontakt. In Arztpraxen sind Tabak, Alkohol und Cannabis – in dieser Reihenfolge – die wichtigsten Substanzen, die zur Sprache kommen. In stationären Einrichtungen steht Alkohol an erster Stelle, gefolgt von Tabak und Cannabis.  

Keine einheitliche Systematik

Ein systematisches Vorgehen zur Abklärung von Verdachtsfällen kennt die Mehrheit der Befragten nicht. Am ehesten sind solche im stationären Kontext zu finden. Ärztinnen und Ärzte treffen die Abklärung am häufigsten mit einer körperlichen medizinischen Untersuchung und mit Labortests, zum Beispiel mit einem Drogen-Screening. Pflegefachpersonen klären problematischen Substanzkonsum nur selten ab und setzen dann am ehesten ein Ablaufschema ein. Die häufigsten Massnahmen bestehen bei den Ärztinnen und Ärzten aus einer eigenen Beratung sowie aus Verweisen an Spezialisten oder Fachstellen. Pflegefachpersonen beraten nur selten selber und verweisen am häufigsten an eine Beratungs- oder Fachstelle.  

Fehlende Ausbildung, kaum Kooperationen

Die meisten Befragten sehen das Fehlen einer fachspezifischen Ausbildung als grosses Hindernis zu einer effektiven F+F. Von den Fachpersonen, die nur selten mit betroffenen Kindern und Jugendlichen Kontakt haben, finden 80%, dass ihnen eine spezielle Ausbildung fehlt. Von den Personen, die mehrmals pro Monat oder häufiger Kontakte zu diesen Kindern und Jugendlichen haben, stimmen 53% dieser Aussage zu. Insbesondere Pflegefachpersonen vermissen spezifische Screening-Instrumente zur F+F. Von Kooperationen mit anderen Professionen, wie es die Oltner Charta fordert, wird von den Befragten kaum berichtet.  

Vier Empfehlungen

Aufgrund der Ergebnisse der Online-Befragung haben die Autoren der Studie vier Empfehlungen formuliert, wie die F+F im medizinischen Bereich gestärkt werden könnte:

1. Förderung der Kooperation zwischen medizinischen Fachpersonen und anderen Professionen des Gesundheits- und Sozialbereichs, z.B. mittels einer Fachtagung.

2. Bekanntmachung von systematischen Vorgehensweisen zur Früh-erkennung und Entwicklung spezifischer Instrumente, z.B. in Form eines Leitfadens im Stile des auf Erwachsene ausgerichteten Leitfadens «Kurzinterventionen bei Patienten mit risikoreichem Alkoholkonsum».

3. Ausbildungsangebote für medizinisches Fachpersonal zum Thema F+F, in denen neben systematischen Prozessen auch Warnsignale angesprochen werden, die oft nicht als typisch für problematischen Substanzkonsum wahrgenommen werden, z.B. Gewalterfahrungen, schulische Probleme oder Substanzkonsum der Eltern.

4. Gemeinsamer Fachdiskurs des Gesundheits- und Sozialbereichs sowie der entsprechenden gesetzgebenden Behörden zu Themen wie Meldebefugnis resp. Schweigepflicht.  

Ziel ist es, eine möglichst niederschwellige, effektive F+F zu ermöglichen, die alle relevanten Professionen, Bezugspersonen und Behörden einbezieht und den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen gerecht wird.  

Alkohol, Tabak und Cannabis stark präsent

Gemäss der HBSC-Erhebung aus dem Jahr 2014 ist der Konsum von Alkohol, Tabak und Cannabis bei den Schweizer 11- bis 15-Jährigen seit Jahren rückläufig (vgl. «spectra»-Artikel vom 23. März 2015). Zum Beispiel gaben 2014 10% der 15-jährigen Jungen und 6% der gleichaltrigen Mädchen an, mindestens einmal pro Woche zu trinken. Im Vergleich zu 2010 entspricht dies bei den Jungen einem Rückgang um fast zwei Drittel, bei den Mädchen um mehr als die Hälfte. Diese Entwicklung ist erfreulich, sie darf aber nicht dazu verleiten, die Prävention in dieser Altersgruppe zu vernachlässigen. Bei den 11-Jährigen weist die grosse Mehrheit (90%) zwar noch keinerlei Konsumerfahrungen auf, aber bei den 15-Jährigen sind Tabak, Alkohol und Cannabis stark präsent. In dieser Altersklasse haben 72% schon mindestens einmal Alkohol getrunken, 56% geraucht und 29% Cannabis konsumiert (siehe Tabelle). Insbesondere beim Alkohol trügt der rückläufige Trend: Es werden zwar insgesamt weniger alkoholische Getränk konsumiert, dafür aber stärkere und in kürzerer Zeit. So ist die Hospitalisationsrate aufgrund einer Alkoholvergiftung in der Schweiz bei den 14- bis 15-Jährigen im Vergleich zu allen anderen Altersklassen – Erwachsene eingeschlossen – am höchsten.

Die Studie: «Substanzkonsum bei Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren: Einschätzungen und Vorgehensweisen von medizinischen Fachpersonen». Hochschule für Soziale Arbeit FHNW / Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM), 2015. Finanziell unterstützt durch das Bundesamt für Gesundheit.  

Kontakt

Salome Steinle, Sektion Drogen, salome.steinle@bag.admin.ch  

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