08.09.2015 Gesundheitskompetenz, chronische Krankheiten und «peer-to-peer healthcare»

Forum Jörg Haslbeck. Chronische Krankheiten und Multimorbidität zählen in der Schweiz zu den gros-sen Herausforderungen des Gesundheitswesens. Wie Analysen des Schweizer Gesundheitsobservatoriums zeigen, lebt fast jede vierte Person über 50 mit zwei oder mehreren dauerhaften Erkrankungen. Besonders für diese wachsende Bevölkerungsgruppe ist eine hohe Gesundheitskompetenz wichtig. Dazu gehört zum Beispiel, sich Gesundheitsinformationen zu beschaffen und diese zu verstehen, Entscheidungen bezüglich Therapien zu treffen, Symptome zu beobachten oder Arzneimittel wirksam und sicher einzusetzen. Studien haben jedoch gezeigt, dass gerade die Gesundheitskompetenz von Menschen mit chronischen Krankheiten und Multimorbidität unzureichend ist. Patienten erleben eine zu tiefe Gesundheitskompetenz im alltäglichen Umgang mit ihrer Krankheit als einschränkend. Daher lohnt es sich, in die Förderung von Gesundheitskompetenz zu investieren, um die Lebensqualität von Patienten und Angehörigen zu verbessern.

Jörg Haslbeck.

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Jörg Haslbeck.

In der Schweiz mangelt es nicht an Gesundheitsinformationen, im Gegenteil: Patienten und Angehörige werden von Informationen oft geradezu überflutet. Deren Qualität und Verständlichkeit sind aber leider nicht immer befriedigend. Für Patienten und Angehörige wird die Suche nach den für sie richtigen Informationen deshalb oft zur Odyssee. Es fehlen handlungsrelevante Gesundheitsinformationen über Alltagsthemen chronisch kranker Menschen. Für zielgruppenspezifisches Informationsmaterial müssen Patienten und Angehörige unbedingt in den Entwicklungsprozess einbezogen werden.

Ein verbesserter Zugang zu relevantem Wissen allein reicht zur Förderung von Gesundheitskompetenz bei chronischer Krankheit aber nicht aus. Es braucht Initiativen, welche die Kompetenz und die Motivation der (mehrfach) erkrankten Menschen fördern. Solche Angebote zu entwickeln, zu implementieren und auszubauen, ist eine grosse Herausforderung. Gerade bei chronischen Krankheiten und Multimorbidität gestalten sich Patientenedukation und Selbstmanagementförderung sehr komplex und erfordern dementsprechend viel Beratung, Zeit, Koordination und Geld.

Eine noch weitgehend ungenutzte Ressource zur Förderung von Gesundheitskompetenz sind «Experten aus Erfahrung» bzw. «peers», also Personen, die mit chronischen Krankheiten leben. Ihr Erfahrungswissen kann für Menschen in einer ähnlichen Situation sehr hilfreich sein. International wird Patientenbeteiligung mittlerweile als künftige «harte Währung» im Gesundheitswesen gehandelt. Hierzulande ist die «peer-to-peer healthcare» noch nicht systematisch in das Versorgungsangebot integriert worden. Es gibt aber bereits peer-basierte Selbstmanagementprogramme wie Evivo (www.evivo.ch), die Patienten bei Entscheidungen oder im Umgang mit ihrer Krankheit wirkungsvoll unterstützen.

Es gilt aber auch, die Zusammenhänge zwischen Gesundheitskompetenz, Wissensvermittlung und therapiebezogenen Entscheidungsprozessen weiter zu erforschen – insbesondere mit Blick auf die Beteiligung von peers. Mit Fragen rund um Gesundheitskompetenz, Leben mit chronischer Krankheit und Multimorbidität befasst sich das Kompetenzzentrum Patientenbildung der Careum Stiftung. Es führt Forschungs-, Dienstleistungs-, sowie Meinungsbildungsaktivitäten durch und berücksichtigt dabei besonders die Partizipation von Patienten und Angehörigen. 

Die hier skizzierten Aspekte stützen sich auf den Beitrag «Multimorbidität und Selbstmanagementförderung» im Sammelband «Gesundheitskompetenz in der Schweiz – Stand und Perspektiven» der Schweizer Akademien der Medizinischen Wissenschaften SAMW (i. E.). Aktuelle Diskussionen zu Gesundheitskompetenz, Patientenbeteiligung sowie Leben
mit chronischer Krankheit finden sich im Careum Blog unter blog.careum.ch.  

Dr. Jörg Haslbeck,

Programmleiter Kompetenzzentrum Patientenbildung, Careum Forschung, Forschungsinstitut der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit  

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