01.07.2014 Gesundheitsrisiko Arbeit

Berufsassoziierte Gesundheits­störungen. Gehörschäden bei Strassenbauarbeitern, Chemieallergien bei Coiffeusen oder Asbest-geschädigte Lungen bei Zimmerleuten: Rund 3000 solcher berufsbedingter Versicherungsfälle gehen bei der Suva jährlich ein. Neben diesen relativ klar definierten «Berufskrankheiten» gibt es eine um ein x-Faches höhere An­- zahl an Erkrankungen, die auch – aber nicht nur – durch die Berufstätigkeit verursacht sind: die sogenannten berufsassoziierten Gesundheitsstörungen, kurz: BAGS. Diese physischen und psychischen Leiden wie Stress oder Rückenschmerzen haben in den letzten Jahrzehnten drastisch zugenommen. Die Prävention von BAGS setzt eine intensive Vernetzung von Arbeitgebern, Präventionsspezialisten und Versicherungen voraus.

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TODO CHRISTIAN

Während bei den Berufskrankheiten die Ursache klar der Berufsausübung zugeschrieben werden kann, ist es bei den BAGS äusserst schwierig, eine präzise Kausalitätskette nachzuweisen. Eine Messung oder auch nur Abschätzung des Grades, in der eine Erkrankung der Berufstätigkeit geschuldet ist, ist kaum möglich. Neben Faktoren der Arbeitsverhältnisse spielen auch individuelle Dispositionen oder Probleme im Privat- und Sozialleben eine Rolle. Sicher ist aber: Die BAGS kommen besonders häufig unter den Erwerbstätigen vor. Gemäss Umfragen unter der arbeitenden Schweizer Bevölkerung berichten 18% über arbeitsbezogene Rückenschmerzen und 13% über arbeitsbezogene andere muskuloskelettale Schmerzen. Die Stress-Studie des SECO hat gezeigt, dass der Anteil der Erwerbstätigen, die häufig oder sehr häufig Stress empfinden, von 26% im Jahr 2000 auf über 34% im Jahr 2010 angestiegen ist. Stress begünstigt eine Vielzahl von physischen und psychischen Leiden, zum Beispiel Herz-Kreislauf-Beschwerden aller Art, Burnout oder Depressionen.

Hochleistung, aber zu wenig Bewegung
Die Gründe für die Zunahme der BAGS liegen auf der Hand: die Anforderungen an Leistung, Flexibilität und Informationsverarbeitung sind gestiegen, ebenso die Verflechtung von Arbeits- und Privatleben. Die Verdichtung der Anforderungen und steigende Unsicherheiten im Berufsleben fördern zudem ein weit verbreitetes Phänomen: die «Interessierte Selbstgefährdung». Dabei opfert der Einzelne seiner vermeintlichen Karriere zur Not auch sein gesundheitliches Wohlbefinden, indem er zum Beispiel krank zur Arbeit kommt, auf Pausen verzichtet, auch in den Ferien erreichbar ist oder in einem hohen Mass unbezahlte Überstunden leistet. Das sind Mammutleistungen, die zunehmend zur Einnahme von Medikamenten verleiten. In der SECO-Studie gaben 4% der Befragten an, in den letzten 12 Monaten Stimulanzen zur körperlichen Leistungssteigerung eingenommen zu haben. Weitere 4% haben Medikamente wie Ritalin zur geistigen Leistungssteigerung oder Stimmungsaufhellung konsumiert. Hier ist vor allem die Ethik von Unternehmern und Managern gefragt, um eigenen Arbeitsexzessen und jenen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rahmen einer fürsorglichen, wertschätzenden Unternehmenskultur vorzubeugen.
Während die mentale Beanspruchung zunimmt, kommt in der Schweizer Bevölkerung die körperliche Bewegung aufgrund der vorwiegend sitzenden Tätigkeiten drastisch zu kurz. Dies einerseits durch die Verschiebung von Arbeitsplätzen von der Industrie in den Dienstleistungssektor, andererseits durch die zunehmende Automatisierung in der Industrie. Die Folgen sind muskuloskelettale Schmerzen oder Übergewicht, das wiederum eine Reihe von Krankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes begünstigt. Eine Folge der körperlichen Inaktivität ist auch das sogenannte metabolische Syndrom, ein Stoffwechselproblem, das mit zu hohen Blutzucker- und Blutfettwerten einhergeht und das Risiko für Herzinfarkte und Hirnschläge erhöht. Bewegungsmangel ist aber auch mit anderen Problemen verbunden, zum Beispiel mit
einem erhöhten Risiko für Dickdarmkrebs oder Osteoporose. Zudem leiden Menschen, die sich wenig bewegen, vermehrt an psychischen Problemen wie Depressionen und Angstzuständen. Dabei belegen Studien, dass schon ein geringes Mass an zusätzlicher Bewegung diese Gesundheitsrisiken stark senken kann. So kann das Herzinfarktrisiko durch zusätzliche körperliche Aktivität mit einem Verbrauch von 2000 bis 3000 Kalorien pro Woche praktisch halbiert werden. Das entspricht beispielsweise dreimal einer Stunde schwimmen wöchentlich oder einer guten halben Stunde joggen täglich.

Wirtschaftliche Kosten in Milliardenhöhe
Die Unterscheidung zwischen Berufskrankheit und BAGS hat in der Schweiz zunächst versicherungstechnische Konsequenzen: Bei Berufskrankheiten kommt das Unfallversicherungsgesetz und damit Versicherungen wie die Suva zum Tragen, bei den BAGS hingegen das Krankenversicherungsgesetz. Das heisst, im ersteren Fall kommt die Versicherung des Arbeitgebers für die Gesundheitskosten auf, im letzteren die Krankenkasse des Betroffenen. Doch unabhängig von der Art der Versicherungsdeckung haben BAGS und die damit zusammenhängenden Arbeitsausfälle für Arbeitgeber enorme Einbussen zur Folge. Gemäss der SECO-Studie verursacht allein der Stress jährliche Kosten von rund 10 Milliarden Franken. Rückenschmerzen kosten die Schweizer Wirtschaft zwischen 1,6 und 2,3% des Bruttoinlandprodukts. Umso wichtiger ist es, auf BAGS nicht nur zu reagieren, sondern präventiv zu wirken. Eine wirksame Prävention setzt eine intensive Vernetzung der zahlreichen in diesem Gebiet geforderten Akteure voraus.

BAGS-Prävention: Suva als Vorreiterin
Die Suva beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen BAGS. Im Projekt «Progrès» setzt sie sich seit 2002 für die Entwicklung von praxisgerechten Präventionsmitteln ein. Unternehmen mit einer effektiven betriebsinternen Gesundheitsförderung sind immer noch rar.
Die Mittel für Präventionsmassnahmen werden meist noch als Kosten und nicht als Investition wahrgenommen. Viele Manager unterschätzen jedoch die Kosten der beruflich bedingten Krankheiten und Unfälle und überschätzen die Präventionskosten. Um die Effizienz von Präventionsmassnahmen zu belegen und Arbeitgeber zu überzeugen, braucht es aber wissenschaftliche Belege. Auch dafür setzt sich das Projekt «Progrès» der Suva ein (siehe Kasten). Ein weiteres wichtiges Engagement ist das jährliche Diskussionsforum zum Thema BAGS, an dem sich Vertreter aus Wirtschaft, Medizin, Prävention und Sozialpartner zum Austausch treffen. Angesichts der komplexen Natur der BAGS ist ein interdisziplinäres, gemeinsames Erarbeiten von Präventionsmassnahmen der einzige Weg, um der zunehmenden Verbreitung der BAGS beizukommen.

BAGS-Projekt der Suva

–  Studie zur Interventionsstrategie für chronisch muskuloskelettale Schmerzen
(ETH Zürich/Universität Lausanne)
–  Studie zur Work-Life-Balance und Gesundheit (ETH Zürich/Universität Zürich)
–  Studie zur Wirkung von Training auf körperliche Beschwerden (Universität Bern/ Fachhochschule Bern)
–  Studie zu kulturellen Unterschieden in der Stresswahrnehmung und
entsprechende Kommunikationsstrategien gegenüber Mitarbeitenden
und Betrieben (Universität Lugano)
–  Jährliche Diskussionsforen mit interdisziplinärem Teilnehmerfeld
–  «Bewegung ist möglich» – Suva-Wettbewerb zur Förderung der Bewegung
am Arbeitsplatz
–  stressNOstress.ch – Website mit Selbsttest und Informationen zum Thema Stress (Universität Bern)

Links

Kontakt

Regula Ricka, Gesundheitspolitik, regula.ricka@bag.admin.ch

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