27.06.2017 Glücksforschung und Tabakprävention

6. Partnerplattform Tabakprävention. Alois Stutzer ist Professor für Politische Ökonomie und lehrt an der Universität Basel. An der diesjährigen Partnerplattform Tabakprävention wurde er eingeladen, zu einem seiner Forschungsprojekte zu sprechen, in der verhaltensökonomische Ansätze zur Glücksforschung in Zusammenhang mit Massnahmen der Tabakprävention betrachtet werden. Was die Tabakprävention daraus lernen könnte, wollte spectra mit ihm ausleuchten.

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Wie definieren Sie «Glück»?
In der philosophischen Diskussion versucht man den Begriff des Glücks und dessen Wesen zu definieren. Die Ökonomen, die sich mit der Glücksforschung beschäftigen, verwenden einen radikal anderen Ansatz. Sie versuchen gar nicht erst, das Glück definieren zu wollen, sondern befragen die Menschen nach deren subjektiven Wohlbefinden. Dabei kann direkt nach der Lebenszufriedenheit oder auch nach dem Glück gefragt werden. Je nach sprachkulturellem Kreis ist jedoch unterschiedlich, was mit dem Begriff Glück assoziiert wird. Validierungsstudien in der Psychologie haben gezeigt, dass gerade die Frage nach der Zufriedenheit mit dem Leben für sehr viele Sprachkulturen funktioniert, um etwas über das Wohlergehen der Leute zu lernen.

Es gibt auch Masse, die stärker auf das affektive Wohlbefinden abzielen, in denen die Menschen nach den erfahrenen Glücks-, Stress-, Angstmomente oder der Langeweile gefragt werden. Es kommt auf die jeweilige Fragestellung an, auf welchen Aspekt des Wohlbefinden man in seiner Untersuchung abzielen will. Für unsere Forschung zur Tabakprävention war es wichtig, mit der Frage nach der Lebenszufriedenheit eine Gesamtbeurteilung zu erhalten.  

Ob ich rauche oder nicht, hat das einen Einfluss darauf, wie glücklich ich bin?
Auf jeden Fall. Wie es uns geht und wie wir uns fühlen, hängt stark damit zusammen, was wir wann, wie und wo zu uns nehmen. Wir kennen das gute Gefühl nach einem guten Essen in entspannter Umgebung. Kurzfristig kann auch das Rauchen eine stimulierende Wirkung haben oder negative Gemütszustände reduzieren und das Wohlbefinden erhöhen. Langfristig kann sich dieser Konsum wiederum durch die negativen Gesundheitsauswirkungen und eine Abhängigkeit auf das Glück auswirken. Auch der Konsum anderer Substanzen wirkt sich so langfristig auf das Glück aus.

Also ein kurzfristiges Glück und ein langfristiges Unglück?
Je nachdem kann es schon innert kurzer Frist mehr darum gehen, ein körperliches Verlangen zu befriedigen, das nicht mehr unbedingt als beglückend, sondern vielmehr als Erlösung wahrgenommen wird.  

Seit Ende des 20. Jahrhunderts wird in der Glücksforschung das «subjektive Wohlbefinden» als Indikator des Glücklichseins gemessen. Wie zuverlässig und akkurat ist die subjektive Einschätzung des eigenen Glücklichseins?
Vielleicht zur Überraschung vieler haben die meisten Befragten kein Problem damit anzugeben, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind. Rund 97 Prozent können auf einer Skala von 1 bis 10 Auskunft über ihre Zufriedenheit geben. Validierungsstudien in der Psychologie haben gezeigt, dass es nicht zufällig ist, was die Leute angeben, sondern die Leute ihre Antworten durchaus in Abhängigkeit davon abgeben, wie es ihnen geht, d.h., wie zufrieden sie unter den aktuellen Umständen sind. Noch andere Beobachtungen geben darüber Aufschluss. Menschen, die angeben, zufrieden zu sein, lächeln häufiger, wenn sie mit Leuten interagieren. Andere Studien wiederum zeigen, dass diese Personen auch von ihren Angehörigen als zufrieden bezeichnet werden. Natürlich gibt es auch Störeinflüsse und es ist sehr schwierig, die Antwort einer einzelnen Person zu beurteilen. Das ist auch nicht der Ansatz in der Ökonomie, das macht allenfalls ein Psychologe, der eine einzelne Person berät. Da wir Fragen und Ansätze anwenden, die meist auf sehr vielen Befragungen beruhen, können wir viele Störeinflüsse mit statistischen Methoden angehen oder rausfiltern.  

Nichtraucher haben eine grössere Ausdauer, verfügen über eine allgemein bessere Gesundheit und besitzen eine höhere Lebenserwartung. Sind sie die glücklicheren Menschen? Weshalb (nicht)?
Nichtraucher sind im Durchschnitt glücklicher und das hängt unter anderem mit den Faktoren zusammen, die Sie erwähnen. Nur ist es meist unklar, ob dies irgendetwas mit dem Rauchen zu tun hat. Es ist schwierig zu sagen, ob rauchen unglücklich macht, oder ob unglückliche Menschen rauchen. Heute rauchen in vielen Ländern vor allem benachteiligte Menschen. Welchen Beitrag das Rauchen zum Glück oder zum Unglück leistet, erfährt man aus den Studien nicht, die nur die Zufriedenheit messen und diese mit der Rauchneigung korrelieren.

Wir können fast nichts über Tabakprävention lernen, wenn wir nur die Zufriedenheit der Raucherinnen und Nichtraucher betrachten. Lernen können wir dazu primär etwas in Zusammenhang mit der Evaluation von Massnahmen. Zur Verbesserung der Prävention müssen wir die Auswirkungen von Massnahmen miteinbeziehen. Gerade, weil diese eine breite Wirkung haben.  

Wenn höhere Tabakpreise das Wohlbefinden der (stark) Rauchenden negativ beeinflussen, schneidet sich die Tabakprävention dann ins eigene Fleisch? Sprich, erhöht man dadurch das Risiko, dass diese sich kränker fühlen oder es werden? Oder sie durch Substitutionseffekte das eine Bier weglassen, um sich das Päckchen Zigaretten doch noch leisten zu können?
In unserer Studie finden wir dieses Resultat tatsächlich. Höhere Zigarettenpreise führen dazu, dass Raucher eine tiefere Zufriedenheit angeben. Das wird vermutlich durch die kurz- und mittelfristigen Auswirkungen bestimmt. Aussagen zu den langfristigen Auswirkungen sind schwieriger, insbesondere wenn die Lebenserwartung tangiert ist. Die Voraussetzung für einen solchen, potenziell langfristigen Effekt wäre ein klarer Rückgang im Konsum. Die Forschung in den letzten Jahren hat allerdings gezeigt, dass der Rückgang der Rauchverbreitung kaum mit Preiserhöhungen erklärt werden kann und die geschätzte Wirkung einer bestimmten Preissteigerung auf die generelle Rauchneigung über die Zeit immer kleiner geworden ist. Auch haben das Niveau der Besteuerung und die Zigarettenpreise in einigen Ländern eine Höhe erreicht, die zu einer regressiven Wirkung führen. Wenn vor allem Leute in tiefen sozioökonomischen Klassen stark rauchen, die sonst praktisch keine Einkommenssteuer entrichten, zahlen sie über die indirekten Steuern sehr hohe Abgaben. Vergleichen Sie die Zigarettensteuer auf einem Päckchen Zigaretten mit dem Mindestlohn, hat das potenziell grosse Einkommenseffekte für diese Leute. Das ist für uns eine mögliche Erklärung, weshalb wir auch erstaunlich grosse negative Effekte sehen.  

Der Reiz des Verbotenen als Neugier auf das Nicht-Alltägliche oder als eine Form des Trotzes (Reaktanz) ist bei Jugendlichen ausgeprägter als bei Erwachsenen. Aber auch die Politik hat sich gegen weiterführende strukturelle Massnahmen in der Tabakprävention ausgesprochen. Darf man die Bevölkerung eines Landes nicht zu ihrem «Glück» zwingen? Macht man sie dadurch nur «unglücklicher»?
Autonomie und Selbstbestimmung sind wichtige Quellen des Glücks, allerdings ist dies nicht notwendigerweise ein Widerspruch zur Tabakprävention. Raucherinnen und Raucher können sehr wohl auch Gesetzen zustimmen, welche etwa Versuchungen reduzieren, dem Rauchen ausgesetzt zu sein. Die Autonomie liegt dann vor allem in der politischen Mitbestimmung und der Entscheidung, wie wir verschiedene Bereiche des Konsums regeln wollen. Und dazu gehört auch, mit welchen Informationen wir uns berieseln lassen wollen, etwa bei der Werbung. Über solche Dinge müssen wir diskutieren und wir sollten darüber autonom entscheiden können. Damit wir diesen Diskurs auch wirklich gut führen können, dazu brauchen wir fundierte Information, und zwar genau über die erwarteten Auswirkungen von Massnahmen. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil im politischen Betrieb starke spezifische Interessen, bspw. aus der Tabakindustrie eine Rolle spielen. Und dann noch etwas zur Einleitung Ihrer Frage. Wir finden bisher in unseren Untersuchungen zum Abgabeverbot wenig Evidenz dafür, dass Jugendliche, die unter einem Abgabeverbot rauchen als cooler gelten. Aus dem Sucht- und Tabakmonitoring geht das nicht hervor. Wir hoffen aber, dass wir die Risikoeinschätzungen der Jugendlichen auf der Grundlage des Health Behaviour in School Age Children ein Stück weit in Verbindung setzen können und eine unserer Studien über Abgabeverbote dazu ein breiteres Bild ermöglichen wird.

Damit man sieht, was die Frühintervention etwa in der Schule bringt?
Genau. Es ist wichtig, dass Informationsstrategien experimentell ausgestaltet werden. Diese Interventionen werden durch sehr kompetente Personen, sehr gewissenhaft durchgeführt. Über die Wirksamkeit und vor allem über die Kanäle, über die solche Präventions- und Informationsmassnahmen gerade an Schulen vermittelt werden, könnte man noch sehr viel lernen. Wie steht es um die Risikowahrnehmung, welchen Einfluss haben Aspekte der Coolness und der Attraktivität, wenn ich bewusst Risiken eingehe?  

Was für Wege sehen Sie für eine künftige Tabakprävention?
Die Verhaltensökonomie kann Anstösse und Diskussionsmaterial liefern. Vor allem in Bezug auf drei Aspekte.
1. Durch die Evaluation der Wirkungen von gesundheitspolitischen Massnahmen, die auch deren Auswirkungen auf das individuelle Wohlbefinden misst und sich nicht alleine auf die Rauchverbreitung konzentriert.
2. Durch das Aufzeigen der Rolle, die Auslösereize bezüglich des Rauchverhaltens spielen. Es gibt verschiedene Theorien, wie Suchtverhalten entsteht, wie Süchte sich entwickeln usw. Doch wie können wir auf Auslösereize Einfluss nehmen? Wenn ich mein Konsumverhalten verändern will oder wenn ich aufgehört habe zu rauchen, dann ist es wichtig, dass ich nicht zu oft herausgefordert werde und dass in meiner Umgebung beispielsweise nicht geraucht wird. Dabei können gesetzliche oder freiwillige Rauchverbote helfen oder Massnahmen, bei denen man Raucher und Nichtraucher örtlich trennt. Dies schont die Willenskraft derjenigen, die gerne aufhören möchten.
3. Durch den Vergleich von gesundheitspolitischen Massnahmen und dem Versuch, Interaktionseffekte zu verstehen. Dies betrifft zum Beispiel Abgabeverbote in Kombination mit Rauchverboten oder Werbeverboten.
Wenn man verhaltensökonomische Theorien einbezieht, dann geht man von einem Menschenbild aus, bei dem wir auch unsere eigenen Schwächen miteinbeziehen und mitmodellieren. Die Politik braucht daraus nicht notwendigerweise den Schluss ziehen, dass gewisse Massnahmen ergriffen werden müssen. Aber ich glaube, dass die verhaltensökonomische Forschung, insbesondere, wenn sie Glück oder Lebenszufriedenheit als abhängige Variable definiert, versuchen kann, die Nettoauswirkungen der gesundheitspolitischen Massnahmen besser zu verstehen. Auf dieser Grundlage kann eine Abwägung mit vielen anderen Gütern wie der Autonomie, der Freiheit und der Selbstbestimmung erfolgen und schliesslich ein besseres Ergebnis ergeben.  

Mit Kommunikationsmassnahmen will das Bundesamt für Gesundheit gemeinsam mit den Akteuren der Tabakprävention die Vorteile eines rauchfreien Lebens aufzeigen, d.h. sie informieren, sensibilisieren und für ein gesünderes Leben motivieren und ihr Verhalten dahingehend zu verändern versuchen. Welche Empfehlungen leiten Sie aus Ihren Forschungsergebnissen ab für die Kommunikationsaktivitäten in der Tabakprävention?
Ich sehe hier insbesondere zwei Punkte. Der erste Punkt betrifft die wiederholte Information, damit sie in unseren Köpfen bleibt, und auch die immer wieder nachfolgenden Generationen von jungen Menschen erreicht. Beim zweiten Punkt geht es um den Kampf um die Hoheit bei der Interpretation des Rauchens. Es geht darum, welche intuitiven Theorien des Glücks mit dem Rauchen verbunden werden. Hier stehen natürlich die Tabakpräventionskampagnen in einem erbitterten Wettbewerb mit den Werbekampagnen von ebenso sophistizierten Agenturen der Rauchindustrie. Das ist ein Aspekt, den wir noch viel zu wenig verstehen. Wir verstehen zwar, dass das vermutlich wichtig ist, aber die empirische Evidenz dazu, wie Rauchverbote interagieren mit Kommunikationsmassnahmen, das verstehen wir noch praktisch nicht.  

Was würden Sie generell für Massanahmen umsetzen, wenn Sie für die Tabakprävention der Schweiz zuständig wären?
Es gibt immer noch sehr viel zu lernen und es gibt gerade in diesem Bereich ständig neue Herausforderungen. Wir sollten uns vor allem überlegen, unter welchen Bedingungen wir viel lernen können. Die föderalistische und dezentral organisierte Schweiz betrachte ich dabei als grossen Vorteil. Die Kantone haben die Kompetenzen, in ihrem Umfeld unterschiedliche Ansätze umzusetzen und auszuprobieren und ebenso auf neue Herausforderungen einzugehen. Werden die Einsichten daraus geteilt, dann kann man viel voneinander lernen. So gesehen muss die Entwicklung der Tabakprävention von der Politik als ein ständiger Erneuerungs- und Entwicklungsprozess verstanden werden und dieser Entwicklungsprozess funktioniert am besten, wenn man unsere Schweizer Kantone als Labor versteht, in dem die engagierten Leute vor Ort versuchen, das Beste aus solchen Massnahmen herauszuholen. Veranstaltungen wie heute sind dann sehr wichtig für den Informationsaustausch, um gegenseitige Lerneffekte zu erleichtern.  

Die Sucht-Strategie will nun suchtübergreifend agieren. Eine gewisse Verunsicherung unter den Akteuren, die bis anhin vor allem in ihrer Substanz tätig waren, wäre also verständlich.
Auch da ist es wichtig, dass Erfahrungen gesammelt werden, denn der Lernbedarf, wie man die künftige Suchtpolitik übergreifend angehen will, ist gross. Man sollte nicht versuchen, von oben einen grossen Wandel voranzubringen, von dem man noch gar nicht weiss, in welche Richtung die Reise gehen soll. Dann ist die Verunsicherung vorprogrammiert und man schränkt auch die Möglichkeiten ein, aus Fehlern zu lernen, weil man noch keinen Vergleich hat. Es ist für alle eine Herausforderung. Deshalb auch das Plädoyer für eine dezentrale Politik, die am besten Möglichkeiten entwickeln kann, wie mit dem ständigen Wandel umgegangen wird. Das schliesst auch mit ein, dass Leute ihre Kompetenzen in ganz unterschiedlichen Teams einbringen. Die Schweiz ist ja sehr klein.  

Schlussfrage. Macht Tabakprävention die Menschen (un)glücklicher?
Die Tabakprävention hat das Potenzial, die Menschen zu unterstützen, wenn sie ihre Vorstellung vom guten Leben verfolgen. Das auf jeden Fall. Ich denke, das gelingt besser, wenn bei der Evaluation der Massnahmen in der Tabakprävention über eine Betrachtung der Rauchneigung hinausgegangen und auch das subjektive Wohlbefinden berücksichtigt wird.

LITERATURHINWEISE


Odermatt, Reto und Alois Stutzer (2015). Smoking Bans, Cigarette Prices and Life Satisfaction. Journal of Health Economics 44: 176-194.

Odermatt, Reto und Alois Stutzer (2016). Eine verhaltensökonomische Betrachtung der Tabakpolitik. Online: www.oekonomenstimme.org

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