01.05.2012 Hausärzte sind wichtige Akteure für die öffentliche Gesundheit

Zusammenarbeit BAG/Grundversorger. Hausärztinnen und Hausärzte haben eine zentrale Rolle in der medizinischen Grundversorgung. Durch den täglichen Kontakt mit einer heterogenen Klientel sind sie quasi am Puls der Gesundheit der Schweizer Bevölkerung und können diese massgeblich beeinflussen. Die Abteilung Übertrag­bare Krankheiten des Bundesamts für Gesundheit (BAG) führt verschiedene gemeinsame Projekte mit den Hausärztinnen und Hausärzten durch. Das Sentinella-Meldesystem und der Grippeimpftag sind zwei Beispiele.

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Sentinella


Meldesystem für übertragbare Krankheiten
Das seit 1986 bestehende Sentinella-Meldesystem dient der Gewinnung epidemiologischer Daten, der Überwachung übertragbarer und anderer akuter Erkrankungen und der Forschung in der Hausarztmedizin. 150 bis 250 Grundversorgende der Allgemeinmedizin, der Allgemeinen inneren Medizin und der Pädiatrie melden Konsultationen im Zusammenhang mit über­tragbaren Krankheiten, die zu häufig vorkommen, um eine Vollerhebung durchführen zu können. Diese übertragbaren Krankheiten sind entweder von hoher Public-Health-Relevanz (z.B. Influenza) oder unterliegen einem Präventionsziel (z.B. Mumps oder Keuchhusten). Im Sentinella-System werden aber auch Informationen zu nichtübertragbaren Krankheiten erfasst. So werden dieses Jahr Konsultationen von Patientinnen und Patienten mit saisonaler Grippe, Mumps, Keuchhusten, Mittelohrentzündung und Lungenentzündung (Antibiotikaresistenz-Studie), Zeckenstich und Borreliose, Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) sowie alle Antibiotika-Verschreibungen erhoben.

Wie ist das System organisiert?
Das Meldeprogramm von Sentinella wird jährlich von einer Programmkommission unter der Leitung von Dr. med. Charles Dvorˇák (Hausarzt in Vallorbe) festgelegt. Diese Kommission besteht im Wesentlichen aus der meldenden Ärzteschaft, der Abteilung Übertragbare Krankheiten und verschiedenen universitären Instituten. Die teilnehmenden Hausarztpraxen melden wöchentlich anonymisierte Informationen an die Sektion Meldesysteme der Abteilung Übertragbare Krankheiten, wo die Daten aufbereitet werden. Erhoben werden dabei Informationen aus der Anamnese. Neben diesem Monitoring ermöglicht das Sentinella-Netzwerk punktuell auch Befragungen des Meldekollektivs und bindet es in weiterführende Studien ein.

Auch nichtübertragbare Krankheiten
Sentinella ist von jeher auch offen für Erhebungen im Bereich der nicht-übertragbaren Krankheiten. Damit  leistet das System einen wichtigen Beitrag zur Vernetzung der hausärztlichen Grundversorgung mit PH-Akteuren ausserhalb der Infektionskrankheiten. Zudem dient es als Lösungsmodell, wie die Akteure in der Prävention und in der Grundversorgung auf der Basis einer gemeinsamen Datengrundlage zusammenarbeiten können. Ein Beispiel: Die Erhebung «Adipositas und Essstörungen» im Jahr 2008 hatte den Bedarf und die Rolle der Hausärzteschaft im Fokus. Dies als erster Schritt und Grundlage zur Planung von Präventionsangeboten, welche vor allem auch ausserhalb des Sentinella-Netzwerkes entwickelt und verfügbar werden.

Die Grenzen von Sentinella
Sentinella dient hauptsächlich der Influenzaüberwachung, und darauf ist das System auch ausgerichtet. Für die Überwachung von länger andauernden oder chronischen Krankheiten ist es weniger geeignet, da es die Konsultationen von Patientinnen und Patienten nicht über die gesamte Behandlungszeit erfasst. Im Vordergrund der Sentinella-Erhebungen stehen die Inanspruchnahme und die Rolle der Hausärztinnen und Hausärzte. Trotz dieser Einschränkung ist Sentinella ein wertvolles System: Es ist das einzige Erhebungsinstrument, das einen schweizweiten Einblick in die Grundversorgung gibt.

Neue Herausforderungen
Die ambulante Gesundheitsversorgung ist einem starken Wandel unterworfen. Es gibt immer mehr Ärztinnen (und Ärzte), die Teilzeit und in Gruppenpraxen arbeiten. Früher kamen die Meldungen vom «Sentinella-Arzt», heute ist es die «Sentinella-Praxis». Die Zunahme der Telefonkonsultationen und der gerade in städtischen Gebieten entstehenden Ambulatorien und Permanencen wird Sentinella weiter verändern. Eine weitere Herausforderung für Sentinella sind die Entwicklungen im Bereich eHealth. Der geforderte nahtlose elektronische Datenverkehr zwischen den Akteuren des Gesundheitswesens erfordert auch im Sentinella-System eine Anpassung bezüglich Schnittstellen und Kodierung der medizinischen Daten. Die breite Abstützung des Netzwerkes und etablierte Kontakte wie jene zum Projekt FIRE des Instituts für Hausarztmedizin in Zürich werden helfen, gemeinsam Lösungen zu finden.

Der nationale Grippeimpftag


Impfen ohne Voranmeldung
«Vorbeugen ist besser als heilen» postulierte bereits der griechische Arzt Hippokrates. Für viele Krankheiten gilt diese Aussage noch immer. Besonders die medizinischen Grundversorgenden leisten mit präventivmedizinischen Massnahmen einen wichtigen Beitrag zur Gesunderhaltung der Bevölkerung. Die jährliche Impfung von Risikopersonen gegen die Grippe und die Teilnahme am nationalen Grippeimpftag sind ein Beispiel hierfür. Der nationale Grippeimpftag ist ein niederschwelliges Angebot für alle, die sich vor der saisonalen Grippe schützen wollen. Am Grippeimpftag kann man sich in vielen Arztpraxen ohne Voranmeldung zu einem Richtpreis von 25 Franken impfen lassen. Zudem erinnert der Tag daran, dass es Zeit für die Grippeimpfung ist. Dieser präventivmedizinische Aktionstag wird seit 2004 vom Kollegium für Hausarztmedizin im Namen aller hausärztlichen Fachgesellschaften und mit Unterstützung des BAG jeweils im Herbst durchgeführt.

Nicht nur Risikogruppen ansprechen
Im Gegensatz zu den meisten übrigen viralen Erkältungskrankheiten verursacht eine «echte Grippe» (Influenza) manchmal ein schweres Krankheitsbild. Vor allem ältere Personen (ab 65 Jahren), Kinder und Erwachsene mit chronischen Erkrankungen, Frühgeborene und schwangere Frauen sind häufiger von solchen Komplikationen betroffen. Ihnen wird die jährliche Grippeimpfung im Herbst empfohlen, ebenso wie Personen, die in ihrer Familie oder in ihrem Beruf regelmässig Kontakt zu Risikopersonen oder zu Säuglingen haben. Oft haben diese Personen die Gelegenheit, sich anlässlich eines Arztbesuchs oder bei ihrem Arbeitgeber gegen die Grippe impfen zu lassen. Die übrigen impfinteressierten Personen, die sich und ihr Umfeld vor einer Grippe schützen möchten, haben hingegen oft wenig Gelegenheit zur Impfung. Am nationalen Grippe­impftag bieten die Hausärztinnen und Hausärzte einen einfachen Zugang zur Grippe­impfung an.

43 000 zusätzliche Impfdosen
Der nationale Grippeimpftag hat sich inzwischen im gesellschaftlichen Bewusstsein etabliert. 2009 war er zwei Dritteln der Bevölkerung und einem Grossteil der Ärzteschaft bekannt. Obschon praktisch alle Hausärztinnen und Hausärzte einen grossen Teil ihrer Patienten mit erhöhtem Komplikationsrisiko bereits in den Wochen vor dem Grippeimpftag impften, nahmen rund 57% aller Grundversorgenden der Allgemeinmedizin (SGAM) und der Inneren Medizin (SGIM) sowie 12% der Kinderärztinnen und -ärzte aktiv daran teil. An diesem Tag verabreichten die teilnehmenden Hausärztinnen und Hausärzte schätzungsweise 43 000 zusätzliche Impfdosen. Die relativ grosse Bekanntheit und das Medieninteresse tragen gemäss Umfragen auch dazu bei, dass sich viele Personen nicht nur am Aktionstag, sondern auch davor und danach gegen die Grippe impfen lassen.

Nächster Grippeimpftag: Freitag, 2. November 2012

Die Adressen der teilnehmenden Arztpraxen sind ab Herbst unter www.kollegium.ch/ grippe ersichtlich. Der Richtpreis für die Impfung beträgt 25 Franken. Personen mit einem erhöhten Komplikationsrisiko können den Betrag von ihrer Krankenkasse rückerstatten lassen.

Links

Kontakt

Maria Schabel und Andreas Birrer, Sektion Meldesysteme,
sentinella@bag.admin.ch


Tobias Eckert, Sektion Impfprogramme und Bekämpfungsmassnahmen, tobias.eckert@bag.admin.ch

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