12.10.2015 Hinschauen und Krisen verhindern

Früherkennung und Frühintervention. 2006 wurde im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit das erste Programm für Früherkennung und Frühintervention – kurz F+F – an Schweizer Schulen und Gemeinden lanciert. Was genau ist F+F und was sind die Erfahrungen nach zehn Jahren? Ein Portrait eines Präventionsansatzes.

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TODO CHRISTIAN

Die neusten Zahlen des Suchtmonitorings Schweiz zeigen: Jugendliche und junge Erwachsene führen die Statistiken punkto risikoreichen Konsums von Alkohol und Cannabis an. Auch ihr Tabakkonsum ist sehr wichtig. Handelt es sich beim gelegentlichen Rauschtrinken und dem Zigaretten- oder Jointrauchen um den alterstypischen Spass am Ausprobieren oder geht das Verhalten schon in Richtung Sucht? Ist ein Gespräch mit dem Heranwachsenden angezeigt oder professionelle Hilfe und Beratung vonnöten? Diese und ähnliche Fragen stehen im Zentrum des Präventionsansatzes Früherkennung und Frühintervention – kurz F+F – dessen Hauptzielgruppe Kinder und Jugendliche sind.  

Risiken erkennen, Ressourcen fördern

Das frühzeitige Erkennen und Abwenden einer sich anbahnenden Suchtproblematik ist ein wichtiges Anliegen von F+F, aber nicht das einzige. Auch Aggressionen, Mobbing, Gewalt, Entwicklungsauffälligkeiten, Überforderungen sowie psychische und soziale Probleme im Umfeld von Jugendlichen stehen im Visier von F+F. Auch liegt das Augenmerk nicht nur auf den Problemen eines Jugendlichen, sondern auch auf seinen Ressourcen – seien es seine persönlichen oder jene in seinem Umfeld. Diese zu erkennen und zu stärken ist ebenfalls Ziel von F+F. Mit F+F sollen Heranwachsende unterstützt werden – keinesfalls darf dieser Ansatz als Disziplinierungsmassnahme missverstanden werden.  

  Schwere Problemverläufe abwenden

Die Idee hinter F+F ist einfach: Je früher ein potentiell problematisches Verhalten erkannt und Massnahmen zu Stabilisierung ergriffen werden, desto grösser sind die Chancen, drastischere Risikoentwicklungen abzuwenden. Ein Hauptziel von F+F besteht demnach darin, Erziehungsberechtigten und Bezugspersonen wie Lehrern, Jugendarbeitern oder Sporttrainern die nötige Handlungssicherheit zu vermitteln, um bei einer Gefährdung wirkungsvoll aktiv werden zu können. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen sollen durch F+F vor allem vor gesundheitlichen und sozialen Problemen und Problemverhalten geschützt werden. Jedoch soll die Verhältnismässigkeit gewahrt und mit Umsicht gehandelt werden: Nicht jedes Problem soll Anlass zu einer Intervention geben; krisenhafte Phasen gehören zur normalen Entwicklung eines Kindes oder Jugendlichen.

  Zwischen Prävention und Krisenintervention

F+F liegt im Zwischenbereich von (Primär-)Prävention und Krisenintervention, respektive Behandlung und Therapie. Die Übergänge zwischen diesen drei Handlungsbereichen sind fliessend. Der Beitrag von Eltern, Erziehungsberechtigten und Bezugspersonen besteht darin, mit den Betroffenen eine konstruktive, vertrauensvolle Beziehung aufzubauen und je nach Fall frühzeitig die nötigen Fachleute und Fachstellen beizuziehen. Diagnosestellung, Behandlung, Therapie, schulrechtliche und juristische Massnahmen bleiben unbedingt Sache der zuständigen Fachstellen und Behörden. So sollen Jugendliche optimal in ihrer Entwicklung unterstützt und ihre Bezugspersonen entlastet werden.  

  Fokus auf Schulen und Gemeinden

Seit 2006 setzt die Stiftung für Gesundheitsförderung RADIX im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit F+F-Projekt in Schulen und Gemeinden um. Diese zwei Settings sind prädestiniert für F+F-Massnahmen, denn sie spielen in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen eine zentrale Rolle. Bisher konnten 67 Schulen und 64 Gemeinden erreicht und vielfältige Erfahrungen gesammelt werden. Ziel dieser Projekte ist es, eine Haltung des Hinschauens und Handelns sowie Strukturen, Prozesse und Instrumente im Sinne von F+F zu entwickeln, die ein erfolgreiches und langfristiges Management der F+F ermöglichen. In den bisherigen Projekten haben sich der «Policy Cycle» für das Setting Gemeinde und Handlungsleitfäden für das Setting Schule bewährt:

  «Policy Cycle» für Gemeinden

Der Policy Cycle zur Planung und Umsetzung von F+F-Massnahmen in Gemeinden besteht aus sechs Etappen:

1.     Planung und Umsetzung von F&F-Massnahmen auf die politische Agenda setzen und entsprechenden Beschluss fassen 
2.     Rückhalt schaffen / eine repräsentative und akzeptierte Projektgruppe aufbauen
3.     Situationsanalyse / Bedarfserhebung
4.     Massnahmen planen und priorisieren
5.     Massnahmen umsetzen
6.     Verankerung und Evaluation  

Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist hierbei die verbindliche Regelung der Zusammenarbeit von politisch Verantwortlichen und Vertretern aus Verwaltung, Schule, Polizei, Elternschaft, Fach- und Beratungsstellen.  

Handlungsleitfäden für Schulen

In Schulen haben sich mehrstufige Handlungsleitfäden bewährt, die allen Beteiligten die nötige Handlungssicherheit im Umgang mit F+F geben. Hier ein sechsstufiges Beispiel:  

1.     Beobachten, erkennen, dokumentieren, rückmelden
2.     Gespräch(e) mit dem Schüler / der Schülerin
3.     Eltern / Erziehungsberechtigte einbeziehen
4.     Schulinterne Hilfe beiziehen (z.B. Schulsozialarbeit)
5.     Schulexterne Hilfe beiziehen (z.B. Fachstellen)
6.     Gefährdungsmeldung, schulrechtliche und Sonderschulmassnahmen  

Wichtige Erfolgsfaktoren für F+F sind zudem

·       der regelmässige Austausch im Kollegium inkl. pädagogische Fachpersonen, Schulsozialarbeit und schulpsychologischer Dienst
·       gute Kenntnisse über Warnsignale
·       eine gemeinsame Haltung im gesamten Schultema, inkl. Hausdienst  

Besonders wirkungsvoll ist F+F, wenn Schulen und Gemeinden eine gemeinsame pädagogische und organisatorische Haltung entwickeln und die jeweiligen F+F-Projekte möglichst gut miteinander verbunden sind.  

Projekte formell abgeschlossen

Anfang Februar 2015 ist die letzte offizielle, von RADIX betreute Projektphase mit sieben teilnehmenden Schulen formal abgeschlossen worden. Die initiierten F+F-Projekte werden aber durch die vor Ort geschaffenen Projektleitungen weitergeführt und RADIX wird weiterhin als Austauschplattform für F+F-Projekte zur Verfügung stehen.  

Broschüre zum Thema

«Früherkennung und Frühintervention in Schulen und Gemeinden – das Wichtigste in Kürze» (PDF) Kompaktes Grundwissen, Anleitungen, Praxisbeispiele und weiterführende Informationen für Fachpersonen, Projektleitungen/Projektgruppen und Vertretungen aus Behörden und Politik. Verfasst von der Schweizerischen Gesundheitsstiftung RADIX. 8 Seiten, kostenlos, Sprachen D/F.  

Papierversion: Bestellung unter info-zh@radix.ch oder 044 360 41 00

Kontakt

Kontakt: Salomé Steinle, Sektion Drogen, salome.steinle@bag.admin.ch

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