01.05.2012 HIV und STI sind ungleich verteilt – eine Priorisierung macht Sinn

Nationales Programm HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen 2011–2017. Zum ersten Mal hat das Nationale Programm nicht nur die Prävention neuer HIV- Infektionen, sondern explizit auch die Prävention anderer Geschlechtskrankheiten (STI) zum Ziel.

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Am 1. Dezember 2010, dem Welt-Aids-Tag, hat Bundesrat Didier Burkhalter der Öffentlichkeit das Nationale Programm HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen (NPHS) 2011–2017 vorgestellt. STI wie Syphilis, Gonorrhoe oder Chlamydien nehmen zu und gelten als Motor für die HIV-Epidemie: Eine STI erhöht die Empfänglichkeit für HIV und steigert die Infektiosität eines HIV-Trägers.

Ungleiche Verteilung der Erreger in der Bevölkerung – Priorisierung sinnvoll
Vor der Programmentwicklung des NPHS haben internationale Experten (Rosenbrock et al., 2009) im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) das Schweizer System im Hinblick auf HIV-Prävention analysiert und Empfehlungen formuliert. Eine Schlüsselempfehlung lautete, die Anstrengungen dort zu intensivieren, wo das Virus tatsächlich häufig oder häufiger vorkommt («put the effort where the virus is»). Diese Empfehlung verlangt eine Priorisierung auf verschiedenen Ebenen.


Priorisierung 1: Zielgruppen

Besonders gefährdet sind Männer, die mit Männern Sex haben
Die Zielgruppen wurden unter Berücksichtigung ihrer Gefährdung, sich mit HIV oder einer anderen STI zu infizieren, in verschiedene Interventionsachsen eingeteilt: Die Zielgruppe der Achse 1 ist die Gesamtbevölkerung. Hier konnte dank erfolgreicher Prävention eine HIV-Epidemie verhindert werden. Damit dies weiterhin so bleibt, wird die LOVE-LIFE-Kampagne fortgeführt – diese erreicht alle sexuell aktiven Menschen in der Schweiz und stellt die Basis der Prävention dar.
Die Interventionsachse 2 richtet sich an besonders durch HIV und STI betroffene oder gefährdete Gruppen: Männer, die mit Männern Sex haben (MSM), Sexworker und Sexworkerinnen, Migrantinnen und Migranten aus Ländern mit einer Epidemie in der Gesamtbevölkerung (z.B. Subsahara) sowie injizierend Drogen konsumierende Menschen (IDU). Auch Gefängnisinsassen sind stärker gefährdet, sich mit HIV oder einer
anderen STI zu infizieren, als Menschen aus­serhalb des Massnahmenvollzugs.
In der Interventionsachse 3 werden die von HIV oder STI Betroffenen und ihre Partner und Partnerinnen angesprochen. HIV und STI sollen möglichst früh erkannt und richtig behandelt werden. Deshalb fördert das BAG die freiwillige Partnerinformation.

Priorisierung 2: Kantone

Kantone Zürich und Genf am stärksten von HIV-Infektionen betroffen
Um eine sinnvolle Priorisierung vornehmen zu können, muss auch berücksichtigt werden, wo Infektionen stattfinden: Über 98% der MSM und über 80% der Heterosexuellen infizieren sich mit HIV in Städten. Besonders betroffen sind die Kantone Zürich, Genf, Waadt, Basel Stadt und Bern. Es macht Sinn, finanzielle Mittel vor allem in diesen Kantonen einzusetzen, wo HIV-Infektionen tatsächlich vorkommen und durch Prävention verhindert werden können.
Ein Drittel aller in der Schweiz diagnostizierten HIV-Infektionen stammt aus dem Kanton Zürich, rund 70% davon betreffen Ansteckungen durch ungeschützten Sex zwischen Männern. Der Grund dafür ist einfach: Zürich hat eine lebendige, aktive Schwulenszene und eine Zentrumsrolle für die umliegenden Kantone und das angrenzende Ausland. Deshalb ist die Prävention von HIV und anderen STI nicht nur für die Stadt selber relevant, sondern für die gesamte Deutschschweiz.
In Genf wiederum leben viele Migrantinnen und Migranten aus Ländern, in denen die Gesamtbevölkerung von einer HIV-Epidemie betroffen ist. Entsprechend meldet Genf viele Diagnosen in dieser Bevölkerungsgruppe. Beide Kantone haben mit Unterstützung des BAG eine externe Evaluation ihres Versorgungssystems in Auftrag gegeben, um ihren spezifischen Herausforderungen noch besser begegnen und Gelder gezielt einsetzen zu können.

Projekt «Break the Chain»
Wenn jemand frisch mit HIV infiziert ist, steigt die Viruslast in den ersten Wochen stark an und die betroffene Person ist 20 bis 100 Mal infektiöser als im späteren Krankheitsverlauf – meist ohne von der HIV-Infektion Kenntnis zu haben. Rund die Hälfte der neu diagnostizierten schwulen Männer stecken sich bei einem Mann an, der sich in dieser Phase der Primoinfektion befindet. Damit die Übertragungsketten unterbrochen werden können, sieht «Break the Chain» vor, dass möglichst viele Männer, die Sex mit Männern haben, während eines Monats im Jahr (April) Infektionsrisiken vermeiden und sich danach gemeinsam mit Partnern, mit denen sie auf Safer Sex verzichten wollen, testen lassen. So können Übertragungsketten unterbrochen werden, und weil im April weniger neue Infektionen stattgefunden haben, nimmt die Viruslast in der Community ab. Damit wird auch das Risiko etwas kleiner, sich bei einzelnen ungeschützten Kontakten mit HIV zu infizieren.

Das NPHS bestimmt die Schwerpunkte der Akteure
Das NPHS wurde in einem partizipativen Prozess erarbeitet und gilt heute für die in der HIV- und STI-Prävention arbeitenden Akteure als Grundlage. SEXUELLE GESUNDHEIT Schweiz (SGS) und die Aids-Hilfe Schweiz (AHS) sind zentrale Partner, mit denen das BAG die LOVE-LIFE-Kampagne realisiert. SGS, der Dachverband der Beratungsstellen für Familienplanung, Schwangerschaft, Sexualität und Bildung zur sexuellen Gesundheit, fokussiert seine Anstrengungen nebst der Kampagne auch auf die Gesamtbevölkerung. So ist es für die Arbeit von SGS zentral, dass im NPHS die Förderung der sexuellen Rechte festgeschrieben ist und sexuelle Gesundheit im Sinne der WHO angestrebt wird. Als besonders wichtig erachtet SGS auch die Ausweitung des Programms auf andere Geschlechtskrankheiten. Die AHS fokussiert ihre Arbeit, basierend auf dem NPHS, noch stärker auf die Aufgabe der Prävention bei den besonders gefährdeten Gruppen MSM, MigrantInnen und SexarbeiterInnen und in der Bekämpfung von Diskriminierungen von Menschen mit HIV.

Miniserie Die Nationalen Präventions­programme

Was läuft in der Tabak-, der Alkohol-, der Drogen- und der HIV-STI-Präven­tion, was gibt es von Ernährung und Bewegung zu berichten? «spectra» präsentiert eine Zwischenbilanz der grossen nationalen Präventionsprogramme des Bundesamts für Gesundheit:
spectra 88 – September 2011
Nationales Programm Tabak, 2008–2012
spectra 89 – November 2011
Nationales Programm Ernährung und Bewegung, 2008–2012
spectra 90 – Januar 2012
Nationales Programm Alkohol, 2008–2012
spectra 91 – März 2012
Massnahmenpaket Drogen III, 2007–2011
spectra 92 – Mai 2012
Nationales Programm HIV und STI, 2011–2017

Kontakt

Roger Staub,Leiter Sektion Prävention und Promotion,roger.staub@bag.admin.ch

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