01.01.2014 Impfungen? Reden wir darüber!

Forum Dr. med. Nicole Pellaud. Als Kinderärztinnen und Kinderärzte, die Kinder beim Heranwachsen betreuen, beschäftigen wir uns in erster Linie mit den Empfehlungen und dem Verabreichen von Impfungen. Schon beim ersten Arztbesuch, wenn das Baby einen Monat alt ist, schneiden wir das Thema Impfungen an. Nach zwei Monaten, wenn es nicht mehr durch die mütterlichen Antikörper geschützt ist, erhält das Baby seine ersten Dosen, um insbesondere seine Immunität gegen Keuchhusten und Haemophilus aufzubauen, zwei Krankheiten, die bei Kleinkindern ernste Komplikationen verursachen können.

Bildstrecke Impfungen? Reden wir darüber!

TODO CHRISTIAN

Im Alter zwischen 2 und 48 Monaten wird das Kind gegen 10 Infektionskrankheiten geimpft gemäss dem nationalen Schweizer Impfplan. Jugendliche erhalten eine Impfung gegen Hepatitis B und Mädchen auch gegen das Papillomavirus (HPV).

Und es funktioniert! Wir sehen keine Kinder mehr, die an Hirnhautentzündung  durch Meningokokken  C oder Haemophilus oder an respiratorischer Dekompensation aufgrund einer Haemophilus-Epiglottitis leiden.

Aber was passiert? Wir impfen Babys und Kleinkinder, und doch gibt es immer noch schwere Fälle von Keuchhusten oder Masern.

Die Kinder sind heute gegen Meningitis, die uns Angst einjagt, besser geschützt als gegen Keuchhusten oder Masern, die nach wie vor den Ruf haben, «harmlose» Krankheiten zu sein. Aber: Auch diese Krankheiten können zum Tod führen. Junge Erwachsene sind durch die in der Kindheit empfangenen Impfung nicht mehr geschützt gegen Keuchhusten, und nicht alle werden mit zwei Dosen MMR (Masern, Mumps, Röteln) geimpft.

Also, wir kennen die Lösung: Nicht nur die Babys müssen ordnungsgemäss geimpft werden, auch in späteren Jahren muss die Immunisierung gewährleistet sein. Kinder und Jugendliche, deren Impfungen lückenhaft sind, müssen identifiziert werden, um das Versäumte nachzuholen – und zwar in unseren pädiatrischen Praxen, in den Mütterberatungsstellen, in den Krippen und Kindergärten, in den Schulen, an Berufsbildungseinrichtungen und für Gesundheits- und Bildungsfachleute beim Stellenantritt.
Als Kinderärztinnen und Kinderärzte haben wir die Möglichkeit, die für Jugendliche wie für Eltern von Säuglingen unter 6 Monaten empfohlene Keuchhustenimpfung und die notwendigen MMR-Dosen nachzuholen. Doch es bleibt eine Gruppe von Gesundheits- und Bildungsfachleuten, die unzureichend geimpft sind gegen Keuchhusten, Masern und die saisonale Grippe. Sie sind nicht mehr im Alter für Besuche beim Kinderarzt und sie suchen auch keine andere Arztpraxis auf, da sie sich in guter Gesundheit befinden. Aber sie können noch unzureichend geimpfte Babys mit Keuchhusten oder Masern anstecken.

Es reicht nicht mehr, zu informieren, zu empfehlen und zu beraten, alle Beteiligten müssen ihre Verantwortung wahrnehmen. Die politischen Kreise müssen den Impfschutz der Schweizer Bevölkerung in ihre Agenda aufnehmen. Die Gesundheitsbehörden müssen klare Leitlinien für das Gesundheits- und Bildungswesen erlassen, wie verpasste Impfungen bei Kindern und Erwachsenen kontrolliert und nachgeholt werden sollen.

Eine Referenzperson muss eingesetzt werden, welche die Umsetzung der Richtlinien in den Gemeinschaftseinrichtungen überwacht und koordiniert: Pflegefachperson oder Schulärztin für die Kinder im Kindergarten und Schulen, Pflegefachperson oder Betriebsarzt für die Gesundheits- und Bildungsfachleute. Die für die Kinderbetreuung zuständigen Behörden muss die Umsetzung dieser Leitlinien gewährleisten. Kinderbetreuungseinrichtungen sollten sich auf diese Richtlinien verlassen können, wenn sie Mitarbeitende einstellen oder Kinder in ihre Einrichtung aufnehmen.
Ungeimpfte Fachleute im Gesundheitswesen und in der Kinderbetreuung sollten sich der Risiken bewusst werden, denen sie die von ihnen Betreuten aussetzen. Wenn sie sich auch nicht zu ihrem eigenen Schutz impfen lassen, zum Wohl ihrer Klientel müssen sie es tun.

Und wir Kinderärztinnen und Kinderärzte? Wir haben die Rolle, unser Wissen und unsere Empfehlungen auf breiter Ebene allen betroffenen Kreisen zukommen zu lassen, und wir fahren fort, Impfausweise zu überprüfen, zu informieren und in der Praxis, im Krankenhaus oder in den Schulen zu impfen.


Dr. med. Nicole Pellaud
Kinderärztin FMH, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie

Nach oben