16.03.2015 In den ersten Monaten nach der Infektion besteht eine deutlich erhöhte Ansteckungsgefahr

HIV-Primoinfektion Bei den meisten Menschen treten nach der Ansteckung mit HIV grippeähnliche Krankheitssymptome auf. Diese gilt es ernst zu nehmen, denn einerseits sind frisch Infizierte viel ansteckender als später. Anderseits kann eine Soforttherapie unter Umständen dazu beitragen, dass die HIV-Infektion weniger Schaden anrichtet und langfristig vom Immunsystem besser kontrolliert werden kann. Wer in den ersten Wochen nach ungeschütztem Sex mit einer Person mit unbekanntem HIV-Status Grippesymptome aufweist, sollte deshalb nicht nur einen HIV-Test machen lassen, sondern auch bis zu dessen Ergebnis keinen ungeschützten Sex haben.

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Eine Infektion mit dem HI-Virus geht meist nicht unbemerkt vorüber, aber die Anzeichen werden häufig falsch gedeutet. Wer Symptome eines grippalen Infekts zeigt und einige Tage bis vier Wochen davor ungeschützten Sex hatte, sollte sich unverzüglich zum Arzt begeben. Dies gilt insbesondere ausserhalb der Grippesaison. Denn Krankheitsanzeichen wie Fieber, Abgeschlagenheit und geschwollene Lymphknoten treten häufig zu Beginn einer HIV-Infektion auf. Beim Arztbesuch ist unbedingt auf den möglichen Zusammenhang mit ungeschütztem Geschlechtsverkehr hinzuweisen. So kann ein HIV-Test gemacht werden, der eine Infektion selbst dann nachweist, wenn noch keine Antikörper im Blut zirkulieren.  

Je früher eine Ansteckung mit dem HI-Virus entdeckt wird, desto besser. Dies aus zwei Gründen: Bis zu sechs Monate nach der Infektion, während der sogenannten Primoinfektion, ist eine betroffene Person um ein Vielfaches ansteckender als später während der chronischen Infektion mit HIV. Wird also eine Primoinfektion rasch entdeckt, lassen sich Neuansteckungen am ehesten verhindern. Besonders gefährdet sind in dieser Zeit feste Partnerinnen oder Partner. Doch auch für die frisch infizierte Person selbst ist es von grossem Nutzen, wenn ihre HIV-Infektion früh entdeckt wird. Denn es mehren sich die Hinweise, dass der sofortige Start einer antiretroviralen Therapie während der Primoinfektion dazu beiträgt, dass die HIV-Infektion dem Körper weniger schadet und langfristig vom Immunsystem besser kontrolliert werden kann.  

Die Viruslast bei einer Primoinfektion steigt massiv an

HI-Viren befallen vor allem die CD4-T-Lymphozyten. Diese werden auch Helferzellen genannt und gehören zu den weissen Blutkörperchen. Sie sind ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Immunsystems. Wird das Blut eines infizierten Menschen ein bis zwei Wochen nach der Ansteckung untersucht, ist eine grosse Virenmenge messbar. Parallel sinkt die CD4-T-Lymphozyten-Zahl. Dieser Vorgang ist häufig von grippeähnlichen Symptomen begleitet. Antikörper lassen sich in dieser Phase noch nicht nachweisen. Der Grund dafür ist, dass das menschliche Immunsystem die Antikörper gegen das Virus zeitverzögert bildet. Mit der Bildung von Antikörpern bekämpft das Immunsystem HIV– die Viruslast sinkt. Das Immunsystem schafft es aber nicht, die HI-Viren aus dem Organismus zu entfernen; die Infektion wird chronisch.  

Mit anderen Worten: In den ersten drei bis sechs Monaten nach einer Ansteckung vermehren sich die Viren im Körper massiv. Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma, sowie Sekrete des Enddarms und der Scheide sind in dieser Phase besonders ansteckend.  

Gerade in städtischen Ballungszentren mit hoher Partnerfluktuation ist davon auszugehen, dass ein hoher Anteil (gemäss einzelnen Studien bis zu 50 Prozent) der HIV-Neuinfektionen auf Personen mit Primoinfektionen zurückgehen.    

HIV-Primoinfektionen bleiben häufig unentdeckt  

Wer sich mit HIV ansteckt, realisiert das nicht immer in der frühen Phase. Im Gegenteil: In der Schweiz wird fast in einem Drittel aller Fälle die Diagnose HIV erst bei einer stark fortgeschrittenen Immunschwäche (CD4-T-Lymphozytenzahl unter 200/µl) gestellt. Ein Grund dafür ist, dass viele Betroffene erst zu einem Arzt gehen, wenn ihre allgemeine körperliche Verfassung schon derart schlecht ist, dass sie sogar AIDS haben.   Die Primoinfektion geht häufig mit mehr oder weniger spezifischen Symptomen einher. In diesem Fall spricht man von einer akuten HIV-Infektion oder vom akuten retroviralen Syndrom (ARS).  

 
Häufige Symptome während der HIV-Primoinfektion

Können einzeln und in Kombination auftreten

Fieber

Müdigkeit, Abgeschlagenheit

Nachtschweiss

Stark geschwollene Lymphknoten, nicht nur im Halsbereich

Halsschmerzen

Hautausschlag

Seltener: Muskel- und Gelenkschmerzen

Durchfall, Übelkeit und Erbrechen

Schleimhautdefekte im Mund und am Genital  

Die Symptome klingen häufig nach zwei bis drei Wochen wieder ab. Sie dauern also eher länger als Symptome einer Grippe.    

Früher Therapiestart beeinflusst Krankheitsverlauf positiv  

Treten innerhalb von ein bis vier Wochen nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr solche Symptome auf, ist sofort ein Arzt zu konsultieren. HIV-Tests der 4. Generation sind heutzutage in der Lage, HIV bereits in einem frühen Stadium, also vor der Bildung von Antikörpern, zu diagnostizieren.  

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) rät Ärztinnen und Ärzten dringend, bei Grippesymptomen und gleichzeitiger möglicher HIV-Exposition einen HIV-Test «ausdrücklich und sofort» zu empfehlen. So lässt sich verhindern, dass sich HIV weiter ausbreitet.

Durch einen frühen Therapiebeginn können möglicherweise wichtige Immunfunktionen erhalten werden, die bei einem späteren Start unwiderruflich geschädigt oder ganz zerstört würden. Sollte es dereinst möglich sein, mit HIV infizierte Menschen zu heilen, gelänge dies wohl am ehesten bei Patienten, die bereits in den ersten Tagen einer Primoinfektion mit der Therapie beginnen. Dies darum, weil ihr HIV-Reservoir bei Therapie-Beginn noch klein ist.  

Fazit: Personen, die bei Symptomen einer Primoinfektion und/oder nach einer möglichen HIV-Exposition (auch ohne Symptome) zum Arzt gehen und ihren HIV-Status testen, tragen dazu bei, dass sich HIV nicht weiter ausbreitet. Für den Schutz vor einer Infektion mit HIV ist jedoch jeder und jede selbst verantwortlich.

Deshalb gilt weiterhin: Wer kein Risiko eingehen will, schützt sich beim Sex immer mit Safer Sex, egal mit wem. Und für eine neue Beziehung gilt: Safer Sex mindestens für die ersten drei Monate. Wenn sich das Paar während dieser Zeit gegenseitig treu war, kann es sich gemeinsam beraten und testen lassen. Wenn beide HIV- und STI-frei sind, braucht es keine Kondome mehr, aber Regeln für den Fall, dass es ausserhalb der Beziehung zu sexuellen Begegnungen kommt.  

Wenn einer der Partner HIV-positiv ist und die HIV-Infektion erfolgreich behandelt wird, kann man in einer festen Partnerschaft unter bestimmten Umständen auf Kondome verzichten. Das sollte vom Paar mit dem Arzt oder der Ärztin besprochen werden.    

Bewährte dritte Safer Sex-Regel auch für HIV  

Die 2011 eingeführte dritte Safer Sex-Regel, die dazu auffordert, bei Jucken, Brennen oder Schmerzen im Genitalbereich umgehend einen Arzt aufzusuchen, hat sich bewährt. Sie war für alle STI (sexuell übertragbare Infektionen) ausser HIV formuliert worden. Dass sie auf Resonanz stiess, zeigen die Zahlen: Der anfängliche Anstieg der Fallzahlen deutet auf die gestiegene Sensibilisierung in der Bevölkerung hin und infolgedessen auf vermehrt durchgeführte Tests. Die Zahlen von 2013 und 2014 lassen vermuten, dass die Neuansteckungen bei einigen STI rückläufig sind. Neu gilt die dritte Safer Sex-Regel mit dem Zusatz «Bei Grippesymptomen nach ungeschütztem Sex umgehend zum Arzt» auch für HIV.

Kontakt

Norina Schwendener, Sektion Kampagnen,

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