01.01.2013 Internationales Treffen der Substitutionsfachleute in Genf

Konferenzen zu Opiatabhängigkeit. Am 18. und 19. Oktober fanden in Genf zeitgleich zwei Konferenzen zum Thema Behandlung von Opiat­abhängigkeit statt: die 3. Nationale Substitutions-Konferenz (NaSuKo) und das 3. Colloque international francophone sur le traitement de la dépendance aux opioïdes (TDO). Mehr als 450 Expertinnen und Experten aus der Schweiz und verschiedenen weiteren franko­phonen Ländern nahmen an den beiden Konferenzen teil.

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TODO CHRISTIAN

Die alle fünf Jahre stattfindende Nationale Substitutions-Konferenz (NaSuKo) zieht jeweils Bilanz über den Stand der Substitutionsbehandlung in der Schweiz und diskutiert über Entwicklungsmöglichkeiten. Unter Substitutionsbehandlung versteht man den ärztlich verordneten Ersatz eines illegalen Opioids (meist Heroin) durch ein legales Medikament (Substitutionsmittel). Die wichtigsten Substitutionsmittel sind derzeit Methadon, Buprenorphin und Diacetylmorphin (reines Heroin). An der ersten NaSuKo im Jahre 2002 wurden die ersten rudimentären Empfehlungen für solche Substitutionsbehandlungen definiert. Sie wurden hauptsächlich für Hausärztinnen und Hausärzte geschaffen, die in der Schweiz mehr als die Hälfte jener Patientinnen und Patienten betreuen, die wegen einer Opiatabhängigkeit in ärztlicher Behandlung sind. Dieses Jahr präsentierte die Swiss Society of Addiction Medecine (SSAM) überarbeitete,  evidenzbasierte klinische Empfehlungen. Pascal Strupler, Direktor des Bundesamts für Gesundheit (BAG), betonte in seiner Begrüssungsrede die Wichtigkeit dieser Weiterentwicklung. Damit sei eines der ältesten Anliegen des BAG in der Drogenpolitik umgesetzt worden, nämlich die Behandlungsmethoden auf empirischer und klinischer Forschung beruhen zu lassen. Was bei jeder anderen Krankheit selbstverständlich sei, gestalte sich bei der substitutionsgestützten Behandlung besonders schwierig. Wie auch in der Schweiz während vieler Jahre, herrschten gegenüber dieser Art von Behandlung vielerorts auf der Welt immer noch starke moralische Vorbehalte und ein Misstrauen gegenüber den aus ihnen resultierenden wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Kernthema: gesetzliche Rahmenbedingungen
Das zentrale Thema des diesjährigen Colloque international francophone sur le traitement de la dépendance aux opioïdes (TDO) waren die jeweiligen gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen der Substitutionsbehandlung in verschiedenen Ländern. Das TDO findet alle zwei Jahre statt und wurde erstmals im Jahr 2008 in Montréal durchgeführt. Ziel ist der Austausch über Nutzen und Fortschritt in dieser Behandlungsmethode. Zum ersten Mal dabei waren dieses Jahr Teilnehmer aus Marokko, Tunesien, Algerien, Ägypten, Libanon und Kamerun, wo Substitutionsbehandlungen gerade erst etabliert oder noch als mögliche Option betrachtet werden. Einige der zentralen Vorträge zum Kernthema der TDO wurden zusammen mit der NaSuKo abgehalten. Zum Beispiel das Referat von alt Bundesrätin Ruth Dreifuss, die als Mitglied der Global Commission on Drug Policy über die Kriminalisierung der Abhängigen und die Auswirkungen auf deren Gesundheit sprach. Sie plädierte für ein pragmatisches Vorgehen der Politik und für konkrete innovative Projekte. Professor Olivier Guillod von der Universität Neuenburg präsentierte seine vom BAG beauftragte Vergleichsstudie über die Gesetzgebung im Bereich Substitutionsbehandlung in Frankreich, Belgien, Kanada, Tunesien und der Schweiz. In dieser Hinsicht ist die Schweiz eines der fortschrittlichsten Länder, indem  Diacetylmorphin – unter strengen gesetzlichen Regelungen – durch Spezialärzte verschrieben werden kann. In Frankreich hingegen kann z.B. Methadon nur von Ärzten in Spezialkliniken verschrieben werden, Hausärzte dürfen nur Buprenorphin verschreiben. Im Libanon wiederum dürfen nur Psychiater Substitutionssubstanzen verschreiben. Diese restriktiven Regelungen können als Misstrauensvotum des Gesetzgebers gegenüber Substitutionsbehandlungen und drogensüchtigen Patientinnen und Patienten betrachtet werden. Dies trägt nicht zur Attraktivität dieser Behandlung bei, wo doch ohnehin alle Länder den Mangel an Ärzten kennen, die sich bereit erklären, opiat­abhängige Patienten aufzunehmen respektive die Medikamente zu verschreiben. Der grosse administrative Aufwand einer Substitutionsbehandlung und der zum Teil schwierige Umgang mit opiat­abhängigen Patienten halten viele Mediziner davon ab. Um Hausärzte bei dieser Aufgabe zu unterstützen, haben das Forum Suchtmedizin Ostschweiz (FOSUMOS), das Forum Suchtmedizin Innerschweiz (FOSUMIS), das Collège romand de médecine de l ’addiction (COROMA) und Ticino Addiction die www.praxis-suchtmedizin.ch lanciert. Dort finden Ärzte ausführliche Informationen über Behandlungsmodalitäten aller Suchtsubstanzen.

Schweiz als Vorbild
Wer darf wem welche Substitutionsmittel verschreiben und unter welchen Zielvorgaben? Wie kann ein breiter Zugang zu Substitutionsbehandlungen geschaffen werden? Welche Unterstützung brauchen die Ärzte für diese Aufgabe? Diese Fragen beschäftigen derzeit alle Staaten. Drogenfachleute vieler teilnehmender Länder beneiden die Schweiz um ihren grossen Spielraum, in dem sie Anfang der 1990er-Jahre neue Massnahmen ausprobieren und damit wirksame Antworten auf die damaligen Probleme entwickeln konnte. Eine Freiheit, die die in Genf versammelten Fachleute auch von ihren politischen Entscheidern fordern. In manchen Ländern zeichnet sich aber ein gegenläufiger Trend ab. In Quebec hat die Regierung zum Beispiel entschieden, die heroingestützte Behandlung nicht einzuführen – trotz der positiven Resultate einer wissenschaftlich begleiteten Pilotstudie. Auch in der Schweiz gewinnen repressive Stimmen – angesichts der Schwierigkeiten mancher Städte, den Drogenhandel auf der Strasse in den Griff zu bekommen – wieder an Resonanz. Hoffnung besteht hingegen in Frankreich: Dort zeichnet sich auf Druck der grossen Städte eine Lockerung der stark begrenzten Verschreibungsmöglichkeiten ab, Ähnliches ist in Belgien zu beobachten. Die zentrale Botschaft der Fachleute am Ende der Konferenzen ist: Starre Positionen müssen aufgegeben und jene Massnahmen zurückbehalten und angepasst werden, die wirksam und relevant sind.

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Kontakt

René Stamm, Sektion Drogen, rene.stamm@bag.admin.ch

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