30.06.2017 Jetzt eine IG für pflegende Angehörige gründen!

Forum - Christine Kopp. Mindestens 140'000 Personen in der Schweiz pflegen und betreuen im Erwerbsalter regelmässig Angehörige. Auch viele betagte Menschen pflegen ihre Partnerinnen und Partner. Die Zahl der älteren Personen, die auf Pflege oder andere Unterstützung angewiesen sind, wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen – Stichwort Demenz. Und damit steigt auch die Zahl der pflegenden Angehörigen, die selber Unterstützung, Beratung und nicht zuletzt Verschnaufpausen brauchen.

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TODO CHRISTIAN

Viele von uns kennen die Situation: Wir sind eingebunden im Beruf, haben vielleicht Kinder, die noch auf unsere Unterstützung angewiesen sind, und plötzlich brauchen uns auch die Eltern. Gebrechlichkeit und Krankheit halten sich an keine noch so volle Agenda – Hilfe ist jetzt und sofort nötig, manchmal rund um die Uhr. Pflegende Angehörige leisten viel, oft bis über die Grenzen ihrer Kräfte hinaus. Und trotzdem werden sie kaum gehört, verfügen über keine Lobby. 

Unsere 24 Rotkreuz-Kantonalverbände unterstützen seit Jahrzehnten mit Rat und Tat betagte oder kranke Menschen und ihre pflegenden Angehörigen. Freiwillige besuchen alleinstehende Menschen, Pflegehelfer/-innen SRK entlasten Angehörige stunden- oder tageweise, der Rotkreuz- Notruf bietet Sicherheit rund um die Uhr – um nur ein paar Beispiele unserer Angebote zu nennen, die unter www.pflege-entlastung.ch übersichtlich dargestellt und von hilfreichen Tipps und Informationen begleitet sind. Wir bauen die Angebote stets weiter aus und bauen Neues auf. So ist beispielsweise Dementia Care als willkommene Erleichterung nicht mehr wegzudenken.

Aber eines ist uns leider noch nicht gelungen: die Gründung einer Interessengemeinschaft für pflegende Angehörige. Zwar haben Partnerorganisationen auf unsere Anfragen hin die Gründung einer solchen IG lebhaft begrüsst. Aber die Bereitschaft, hier mitzutragen oder gar mitzufinanzieren, ist sehr begrenzt. Das finde ich schade. Aber noch ist es nicht zu spät.

Unser Aufruf geht auch an die Verwaltung. Es ist erfreulich, dass der Bund viele sinnvolle Massnahmen und gesetzliche Verbesserungen vorschlägt. Und trotzdem: Die Stimme der Betroffenen fehlt in den Aktionsplänen.

Bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen familiären Situationen gibt es eine Reihe von Rahmenbedingungen, mit denen alle pflegenden Angehörigen zu kämpfen haben, und Interessen, die ihnen allen gemeinsam sind.

Viele der pflegenden Angehörigen überfordern sich permanent, leben gleichzeitig relativ isoliert und sind kaum vernetzt. Sie brauchen rechtzeitige, zugängliche, bedarfsgerechte Unterstützung. Sie wünschen sich Wertschätzung und Anerkennung ihrer Pflege- und Betreuungsleistungen; manchmal benötigen sie dafür auch finanzielle Abgeltung.

Diese Interessen zu bündeln und die Rahmenbedingungen gemeinsam zu thematisieren und auf deren Verbesserung hinzuwirken, ist die tragende Idee einer Interessengemeinschaft. Die Identifizierung von Versorgungslücken und das Eintreten für Verbesserungen erfordern eine kontinuierliche, gemeinsame öffentliche Präsenz.

Es ist an der Zeit, pflegende Angehörige endlich als politisch relevante Gruppe zu etablieren. Unser erneuter Aufruf ist lanciert. Das Schweizerische Rote Kreuz freut sich auf Ihre Rückmeldung.

Dr. Christine Kopp ist stv. Direktorin des Schweizerischen Roten Kreuzes

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