06.09.2016 Jugendschutz und Gesundheitskompetenz

Adoleszenz. Jugendliche haben die wichtige und nicht einfache Aufgabe, erwachsen zu werden. Dabei benötigen sie Schutz und Förderung aus ihrem Umfeld, aber auch von den staatlichen Institutionen und gesellschaftlichen Strukturen, mit denen sie zunehmend in Kontakt kommen. Die Gesellschaft braucht Menschen mit möglichst gut ausgebildeten sozialen und gesundheitlichen Kompetenzen. Kompetenzorientierter Jugendschutz und Jugendförderung sind deshalb nachhaltige Investitionen in die Zukunft der Gesellschaft.

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Das Jugendalter ist eine der schnellsten Phasen menschlicher Entwicklung. Jugendliche müssen lernen, mit körperlichen, emotionalen und psychosozialen Veränderungen, aber auch Änderungen in ihrem Umfeld, umzugehen. Der Körper entwickelt sich, die Jugendlichen werden mit neuen Emotionen, neuen Schulen, neuen Bezugspersonen und neuen Einflüsse konfrontiert. Sie müssen mehr Selbstverantwortung übernehmen und Entscheidungen für das Berufsleben und ihre Zukunft stehen an. Die Ergebnisse der nationalen Befragung Health Behaviour in School Aged Children, HBSC (2010) zeigen eine Zunahme von Bauch- und Kopfschmerzen sowie von Symptomen wie Müdigkeit und schlechte Laune. 20% der 14-jährigen Mädchen gaben an, Massnahmen zur Gewichtsreduktion eingeleitet zu haben, obwohl nur 7% übergewichtig oder fettleibig sind. Mit zunehmendem Alter geben Jugendliche vermehrt an, unter Schulstress zu leiden.

In Bezug auf die kognitiven Fähigkeiten von Jugendlichen kann davon ausgegangen werden, dass bereits ab der
späten Kindheit ein Verständnis für komplexe Zusammenhänge besteht, Abstraktionen vorgenommen und auf neue Situationen übertragen werden können. Die Bereitschaft dazu, andere Perspektiven einzunehmen, ist allerdings durch das Phänomen des Jugendegozentrismus gemindert. Dieser hat eine klare Funktion in der Persönlichkeitsentwicklung und dient dazu, eine eigene Stimme und einen eigenen Standpunkt zu finden und zu verteidigen. Das Gefühl von Unverletzlichkeit und die starke Gegenwartsorientierung von Jugendlichen hindern sie jedoch daran, Risiken zu erkennen und adäquat einzuschätzen.  

Rechtliche Grundlagen

Die Schweizer Gesetzgebung trägt der speziellen Situation von Jugendlichen Rechnung. Dabei handelt es sich um eine Balance zwischen dem Schutzbedürfnis des Kindes und der sich entwickelnden Fähigkeit, für die eigene Person zu sorgen (welche durch die Kinderrechtskonvention anerkannt ist). Ein urteilsunfähiges Kind kann seine höchstpersönlichen Rechte ohne die Zustimmung seines gesetzlichen Vertreters ausüben (Art. 19 c Abs. 2 ZGB). «Das Bundesgericht ist der Ansicht, dass das Recht zur Einwilligung in eine medizinische Behandlung ein relatives höchstpersönliches Recht ist, das eine urteilsfähige minderjährige Person ohne Vertretung wahrnehmen kann, jedoch kein absolutes höchstpersönliches Recht, das eine urteilsunfähige minderjährige Person eigenständig ausüben könnte (BGE 114 Ia 350).» Die Urteilsfähigkeit ist im schweizerischen Recht nicht an ein spezifisches Alter geknüpft. Relevant für das Feststellen der Urteilsfähigkeit sind die konkreten Verhältnisse, die Tragweite der Entscheidung und die Reife des Kindes.  

Entwicklung von Kompetenzen

Das Jugendalter ist also eine Zeit der Entwicklung von Wissen und Kompetenzen, in der gelernt wird, Emotionen und Beziehungen zu meistern, in der Fertigkeiten und persönliche Merkmale erworben werden. Diese sind wichtig, um die Jugend positiv zu erleben und in Erwachsenenrollen hineinzuwachsen.

Dem trägt die Schule mit den neuen sprachregionalen Lehrplänen Rechnung. Im Themenbereich «Wünsche, Bedürfnisse, Konsum» hat der Lehrplan 21 Kompetenzen über den gesamten Verlauf der obligatorischen Schule beschrieben. Die Kleinsten setzen sich mit Wünschen und Bedürfnissen auseinander. Spätestens in der 6. Grundschulklasse sollen sie in der Lage sein, Konsumentscheide unter Berücksichtigung der finanziellen Möglichkeiten zu prüfen und Alternativen zu diskutieren (z.B. selber herstellen). Zwischen der 7. und der 9. Klasse (3. Zyklus) werden die Dinge komplexer und verflochtener. In Zusammenhang mit dem Thema Konsum hat éducation21 ein Lehrmittel verfasst (für die drei Zyklen): «Essen einkaufen» lässt die älteren Schülerinnen und Schüler ein Produkt aus verschiedenen Perspektiven beleuchten: Geschmack, Preis, Umwelt, Gesundheit usw. Diese Aspekte werden in Bezug zueinander gesetzt und schliesslich wird reflektiert, aufgrund welcher Kriterien Produkte gekauft werden. Es werden keine korrekten Lösungen präsentiert, die Reflexion über die Meinungsbildungsprozesse steht im Zentrum.  

Der Piano di Studio (Tessiner Lehrplan) hält fest, dass Kompetenzen nicht vermittelt werden können, sondern zum grössten Teil von den Lernenden mit Unterstützung der Lehrperson aufgebaut und organisiert werden.

Kontakt

Dagmar Costantini, Sektion Drogen, dagmar.costantini@bag.admin.ch

 

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