21.02.2019 Kampf gegen Antibiotikaresistenzen

Resistent. Die Wirksamkeit von Antibiotika ist bedroht. Die Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen – eines der drängendsten Probleme der Medizin – kann nur disziplinenübergreifend angegangen werden. Deshalb umfasst der Ansatz der nationalen Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR) die Bereiche Humanmedizin, Tiermedizin, Landwirtschaft und Umwelt. Die StAR-Strategie ist ein gutes Beispiel einer umfassenden Gesundheitspolitik.

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Resistente Bakterien können sich über verschiedene Wege ausbreiten: vom Tier auf den Menschen, vom Menschen in die Umwelt, von der Umwelt auf das Tier etc. Antibiotikaresistenzen machen auch keinen Halt vor Grenzen. Daher braucht es einen ganzheitlichen Ansatz, um ihre Ausbreitung zu bekämpfen, den One-Health-Ansatz.

Antibiotika sind in der Human- und Tiermedizin für die Behandlung bakterieller Erkrankungen unersetzlich. Übermässiger und unsachgemässer Antibiotikaeinsatz sowohl im Human- als auch im Veterinär- und Landwirtschaftsbereich führt jedoch dazu, dass immer mehr Bakterien gegen Antibiotika resistent werden. Dies bedeutet, dass die Bakterien sich an die Wirkung von Antibiotika anpassen und diesen widerstehen.

Die resistenten Bakterien können sich über verschiedene Wege ausbreiten: Die Übertragung zwischen Menschen erfolgt vorwiegend als Kontaktinfektion. Darüber hinaus können resistente Keime vom Tier auf den Menschen und umgekehrt übertragen werden. In der Umwelt sind Übertragungen auf Lebensmittel wie Früchte und Gemüse durch kontaminiertes Wasser möglich; resistente Bakterien werden auch via Abwässer verschleppt. Das Problem betrifft also Mensch, Tier, Landwirtschaft und Umwelt. Antibiotikaresistenzen machen zudem nicht halt vor Grenzen, sie können sich über den ganzen Globus ausbreiten – entsprechend braucht es einen ganzheitlichen Ansatz, um das Problem anzugehen, den sogenannten One-Health-Ansatz.

Eine Strategie – acht Handlungsfelder
Im Jahre 2015 hat der Bundesrat die Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR) verabschiedet, und die vier Bundesämter Bundesamt für Gesundheit (BAG), Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) und Bundesamt für Umwelt (BAFU) haben nun die Aufgabe, die Strategie gemeinsam umzusetzen. Die Federführung liegt beim BAG, die Umsetzung erfolgt in Zusammenarbeit mit den Kantonen und weiteren Partnern aus den entsprechenden Bereichen.

Ziel der Strategie ist es, die Wirksamkeit von Antibiotika langfristig zu sichern. Die Umsetzung beinhaltet eine Fülle von Massnahmen, die in acht Handlungsfelder eingeteilt sind. So braucht es beispielsweise eine umfassende Datenerhebung, um die Resistenzentwicklung zu erkennen, kurzfristige Massnahmen zu ergreifen und anzupassen und indirekt auch die langfristige Wirkung der umgesetzten Massnahmen messen zu können (Handlungsfeld Überwachung). Aber es braucht auch mehr Wissen in der Bevölkerung darüber, wie Antibiotika richtig eingesetzt werden (Handlungsfeld Information und Bildung).

Gemeinsam bekämpfen
Eine konsequente Bekämpfung der Antibiotikaresistenz nimmt alle wichtigen Akteure in die Pflicht. Fachleute aus den Bereichen Gesundheitswesen, Wissenschaft und Wirtschaft sind gefordert. Es geht darum, den Antibiotikaverbrauch und die Resistenzentwicklung in der Human- und Tiermedizin zu überwachen und auf die notwendigen Anwendungen zu reduzieren. Wichtig dafür ist ein Grundverständnis über die korrekte Anwendung von Antibiotika: bei Patientinnen und Patienten, bei Ärztinnen und Tierärzten etc.

Es braucht Informationen und Weiterbildungsangebote über die richtige Wahl und Dosierung der Antibiotika, klare Vorgaben für den Antibiotikaeinsatz sowie günstige Tests, um rasch erkennen zu können, ob eine virale oder bakterielle Infektion vorliegt. Zentral sind weiter spitalhygienische Massnahmen und die Infektionsprävention. Eine Reduktion des Antibiotikaverbrauchs lässt sich so auch durch präventive Massnahmen erreichen.  

Schliesslich muss auch die Forschung angekurbelt werden. So fördert das Nationale Forschungsprogramm 72 des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) Forschungsprojekte, um neues Wissen zur Entstehung und zur Verbreitung von Resistenzen zu gewinnen und um neue antimikrobielle Wirkstoffe und schnellere Diagnosetests zu entwickeln. Das NFP 72 ist zwar nicht eine direkte StAR-Massnahme, trägt aber einen gewichtigen Teil zum Gelingen des One-Health-Ansatzes bei.

Umsetzungsbeispiele der Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR)

•  Im «Swiss Antibiotic Resistance Report» werden seit 2013 die Daten über die Antibiotikaresistenzlage und den Einsatz von Antibiotika in der Human- und Veterinärmedizin gemeinsam publiziert. Der ganzheitliche Ansatz ermöglicht einen besseren Vergleich der erhobenen Daten zwischen den beiden Überwachungs­netzen (siehe anresis.ch in der Humanmedizin und das Monitoring des BLV bei Nutztieren und Fleisch in der Veterinärmedizin).

•  Die Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie hat in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Gesellschaft für Mikrobiologie und Swissnoso (Nationales Zentrum für Infektionsprävention) nationale Verschreibungsrichtlinien für den Humanbereich publiziert. Sie sollen im Praxisalltag zum sachgemässen Einsatz von Antibiotika beitragen. In einem weiteren Schritt geht es darum, die Richtlinien in Spitälern und Hausarztpraxen bekannt zu machen und deren Umsetzung zu fördern.

•  Analog werden auch Vorgaben für den Veterinärbereich erarbeitet oder überarbeitet. Die Tierarzneimittelverordnung (TAMV) regelt unter anderem die Abgabe von Antibiotika in der Landwirtschaft und stellt damit sicher, dass Wirkstoffe bedarfsgerecht und zielgerichtet eingesetzt werden. Bei der Revision dieser Verordnung im Jahre 2016 wurde ein klarer Fokus auf die Anwendung von Antibiotika gelegt und zum Beispiel die Abgabe von kritischen Antibiotika für Nutztiere auf Vorrat eingeschränkt.

•  Im November 2018 startete der Bund eine nationale Sensibilisierungskampagne, welche die Bevölkerung auf die Problematik aufmerksam macht. Die Verantwortlichen von StAR führen zudem die World Antibiotic Awareness Week auch in der Schweiz durch (jeweils im November).

•  Um Patientinnen und Patienten über den korrekten Umgang mit Antibiotika hinzuweisen, haben pharmaSuisse, die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH), die Schweizerische Zahn­ärzte-Gesellschaft (SSO) und das BAG gemeinsam ein Faktenblatt entwickelt, welches in Arztpraxen und Apotheken abgegeben werden kann. Dieses ist in 10 Sprachen erhältlich und kann zusammen mit einem Erklärungsvideo, Post-its und Poster auf der Website www.antibiotika-­­richtig-einsetzen.ch bezogen werden.

•  Seit Februar 2016 verbietet das BLW aufgrund der Gefahr der Resistenzbildung den Einsatz des Antibiotikums Streptomycin im Kernobstbau. Die Anwendung des Antibiotikums fördert die Resistenzbildung in der Umwelt und ver­unreinigt Honig.

Weitere Informationen zur Nationalen Strategie Antibiotikaresistenzen finden Sie hier.

Kontakt

Daniela Müller Brodmann, Gesamtprojektleiterin Umsetzung StAR,

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