01.05.2010 Kosten-Nutzen-Analysen neuer Leistungen – quo usque tandem abutere patientia nostra?

Forum Prof. Dr. med. Thomas D. Szucs. Wenn Sie der Meinung sind, dass die Mittel im Gesundheitswesen unendlich sind und dass wir das Geld und die Ressourcen nicht dorthin verteilen sollen, wo sie den grössten Nutzen für die grösste Anzahl Versicherte stiften, dann dürfen Sie getrost mit der Lektüre hier aufhören. Es sind eben genau diese Prämissen, die uns leiten, Wirtschaftlichkeitsanalysen, also Kosten-Nutzen-Analysen durchzuführen. Ein weiterer Irrtum liegt im Glauben, dass man solche Analysen nur für neue, teure Technologien fordern und durchführen soll.

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TODO CHRISTIAN

Das ist fundamental falsch. Kosten-Nutzen-Analysen sind als Planungsinstrument dazu gedacht, den Entscheidungsträger dabei zu unterstützen, aus einem Portfolio unterschiedlichster Möglichkeiten (Medikamente, Interventionen oder Diagnostika) denjenigen Mix zusammenzustellen, der insgesamt für die grösste Anzahl Versicherte den grössten Nutzen erzielt. Und genau das ist doch das Ziel einer jeden solidarisch finanzierten sozialen Krankenversicherung. Ganz im Sinne des Utilitarismus.
Und trotzdem kommen wir in der Schweiz in dieser Sache nicht so richtig voran. Warum nicht? Zum einen gibt es die teilweise berechtigte Skepsis gegenüber solchen Studien. Man traut den Methoden nicht (obwohl diese schon auf jahrzehntelangen Erfahrungen beruhen), man traut den industriellen Sponsoren nicht (andere Geldquellen will sich die Schweiz ja nicht leisten), man traut den Forschenden nicht (obschon die meisten über die notwendige Erfahrung und Ausbildung verfügen) und man traut den Ergebnissen nicht (weil sie meistens positiv ausfallen). Lässt sich Abhilfe schaffen? Ich meine ja: Es brauchte erstens eine unabhängige Geldquelle, um solche Forschung zu finanzieren. Zweitens braucht es ein Forum, um die Forschenden und die Methodik weiterzuentwickeln und Studienergebnisse kritisch und konstruktiv zu hinterfragen. Damit meine ich nicht, dass man hierzu ein eigenständiges Institut braucht, sondern primär einen politischen Willen, solche Analysen ernst zu nehmen und in die gesundheitspolitische Entscheidungsfindung einfliessen zu lassen.
Man müsste es ähnlich wie in der klinischen Forschung und Evidence-Based Medicine machen: eine Good Economic Practice forcieren, gesundheitsökonomische Studienregister etablieren, Peer-Review-Verfahren bei der Begutachtung fordern sowie, nach Vorliegen mehrerer Studien­ergebnisse, auch gesundheits­ökono­mische Metaanalysen und systematische Übersichten durchführen. Mit bescheidenen Mitteln könnten wir diese Vorschläge in einer liberalen, pragmatischen und konstruktiven Art unter Einbindung aller Stakeholder im Gesundheitswesen und nicht auf der Grundlage einer zentralistischen, diktatorischen oder gar gesetzesbasierten Vorgabe, umsetzen. Wenn man Letzteres fordert, werden wir gut und gerne wieder zusehen dürfen, wie andere Länder beispielhaft Gesundheitsleistungen und -technologien aus ökonomischer Sicht bewerten werden. Nebenbei bemerkt: Auch wenn das KVG vorschreibt, dass Leistungen hinsichtlich ihrer Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit bewertet werden sollten, mutet es seltsam an, dass nur die Wirksamkeit mit «wissenschaftlichen Methoden» bestimmt werden muss. Somit ist es verständlich, dass viele Leute (immer noch) das Gefühl haben, dass Wirtschaftlichkeitsanalyse gar keine Wissenschaft sei. Machen wir es uns also zur Aufgabe, in Zukunft auch zu fragen, was wir für das Geld erhalten, welches wir für die Gesundheit ausgeben. Geduld wird es allemal brauchen, aber: Geduld bringt bekanntlich Rosen.


Prof. Dr. med. Thomas D. Szucs
MPH, MBA, LLM
Direktor des European Center of Pharmaceutical Medicine
Universität Basel

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