19.03.2015 «Alles, was zum Kampf gegen Ebola in Afrika beitragen konnte, hat sich gelohnt.»

Sechs Fragen an Daniel Koch. In den drei westafrikanischen Staaten Guinea, Liberia und Sierra Leone grassiert seit gut einem Jahr eine Ebola-Epidemie – die schlimmste, die es je gab. Bisher haben sich rund 25'000 Menschen angesteckt, mehr als 10'000 starben. Seit August 2014 arbeitet im Bundesamt für Gesundheit (BAG) eine Task Force, um unser Land auf mögliche Gefahren durch Ebola vorzubereiten. Inzwischen ist Ebola aus den Medien und dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Welches Fazit und welche Lehren zieht Daniel Koch, Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten, aus der Arbeit der Task Force?

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TODO CHRISTIAN

Daniel Koch

Seit dem Aufflammen der Ebola-Epidemie wurde stets betont, dass für die Schweiz keine Gefahr bestehe. Gilt dies immer noch – oder kann man sogar definitiv Entwarnung geben?

Bei solchen Epidemien mit neuen, sehr aggressiven Viren gibt es nie eine definitive Entwarnung. Mit Sicherheit lässt sich aber sagen, dass sich seit dem Ausbruch von Ebola in Westafrika die Gefahr für einen weltweiten Flächenbrand verringert und nicht erhöht hat. Wenn sich das Virus in seiner Übertragungsart nicht grundsätzlich ändert, sollten die getroffenen Massnahmen auch zu einem endgültigen Ende der Epidemie führen. Das kann aber noch ein paar Monate dauern.

War vor diesem Hintergrund der enorme Aufwand des BAG gerechtfertigt?

Nicht nur das BAG und die Schweiz haben einen grossen Aufwand betrieben, um die Ebola-Epidemie zu bekämpfen, sondern die ganze Welt. Alles, was direkt oder indirekt zur Bewältigung der Krise in Afrika beitragen konnte, hat sich auf jeden Fall gelohnt. Andererseits waren wohl auch einige Massnahmen in nicht betroffenen Ländern im Rückblick übertrieben oder gar unnütz. Aber für die Schweiz war der Aufwand sicher verhältnismässig. Wir werden das noch genau anschauen, und wenn wir daraus noch Lehren für die Zukunft ziehen können, haben sich die Anstrengungen erst recht gelohnt.

Zum Glück ist die Schweiz von Ebola verschont geblieben. Welche Vorbereitungen wurden getroffen und weshalb waren diese mehr als reines Schattenboxen?

Wir haben uns von Beginn an auf die Vorbereitungen konzentriert, die unmittelbar mit Personengruppen mit einem realen Infektionsrisiko in Zusammenhang standen – das heisst mit Pflegepersonal, Asylsuchenden und Reisenden. Es war zudem unser erklärtes Ziel, alles in der Schweiz so vorzubereiten, dass die Hilfsorganisationen mit Mitarbeitenden in Westafrika die nötige Unterstützung auch in der Schweiz erhalten. Das ist uns sicher zu einem grossen Teil gelungen, wie zum Beispiel die erfolgreiche Behandlung eines Patienten in Genf zeigt.

Was kann aus den Erfahrungen mit Ebola gelernt werden? Gibt es Parallelen oder Unterschiede zu ähnlichen Krisen, etwa SARS und Vogelgrippe?

Ich will und kann jetzt nicht der Evaluation der Krisenbewältigung vorgreifen, aber im Vergleich zu den von Ihnen erwähnten anderen Krisen hat sich bei Ebola wieder einmal gezeigt, dass der Schutz des medizinischen Personals oberste Priorität hat und dort noch Lücken geschlossen werden müssen.

Können die gemachten Erfahrungen in Zukunft bei neuen Krisensituationen nützlich sein? Oder kann die Schweiz andere Länder daran teilhaben lassen?

Aus jeder Krise kann man lernen und sich auf die nächste vorbereiten – obwohl wir schon jetzt wissen, dass diese wieder ganz andere Herausforderungen mit sich bringen wird. Natürlich tauschen wir unsere Erfahrungen auch im internationalen Umfeld aus. Während der akuten Phase der Epidemie bestanden laufend Kontakte mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der EU.

Sie haben bereits in mehreren Task Forces mitgewirkt und kennen auch die von Ebola betroffenen Länder in Afrika aus eigener Anschauung. Was ist Ihr persönliches Fazit?

Ebola hat uns einmal mehr die Ungerechtigkeit dieser Welt vor Augen geführt. In den drei betroffenen Ländern in Westafrika sind bis jetzt über 10’000 Menschen gestorben; für jedes dieser Länder ein unglaublicher Schicksalsschlag, für jede betroffene Familie eine absolute Tragödie. Und trotzdem geht kein Ruck durch die Welt, endlich mehr für solche Staaten zu tun und in der Armutsbekämpfung wirkliche Fortschritte zu erzielen. Wir ignorieren, dass auch jeder Mensch in Westafrika genau die gleichen Menschenrechte hat wie wir. Da gehört das Recht auf eine gute Gesundheitsversorgung dazu.

Kontakt

Daniel Koch, Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten, daniel.koch@bag.admin.ch

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