01.11.2013 «Das ist kein Spiel, keine Laune! Es geht nicht um die Wahl zwischen Coop und Migros!»

Interview mit Erika Volkmar und Viviane Namaste. Anlässlich des ersten HIV&STI-Forums zur sexuellen Gesundheit von Transmenschen vom 24. April 2013 in Biel trafen wir zwei Transgenderspezialistinnen zum Gespräch: Viviane Namaste, Titularprofessorin am Institut Simone de Beauvoir der Universität Concordia in Montreal, Kanada, und Erika Volkmar, Präsidentin der Stiftung Agnodice in Lausanne.

Bildstrecke «Das ist kein Spiel, keine Laune! Es geht nicht um die Wahl zwischen Coop und Migros!»

TODO CHRISTIAN

spectra: Abgesehen von Ihrer persönlichen Betroffenheit, welches sind Ihre Gründe, sich für die Anliegen der Transmenschen zu engagieren?

Erika Volkmar: Die Schwierigkeiten von Transmenschen in der Schweiz, denen ich selber auf meinem persönlichen Weg begegnet bin, haben mich dazu bewogen, die Stiftung Agnodice zu gründen. Ziel ist es, eine Entwicklung zu unterstützen, welche in unserem Land zu mehr Wohlwollen und mehr Respekt gegenüber Transmenschen führt. Unsere Tätigkeiten entfalten wir auf verschiedenen Ebenen: Auf der Ebene der gesellschaftlichen Veränderungen ist der Handlungsbedarf beträchtlich. Zum Beispiel ist der Zugang zu Gesundheit und Prävention ein Pfad voller Fallstricke, meiner Meinung nach aufgrund der völlig fehlenden Ausbildung der Fachleute im Gesundheitswesen. Nur sehr wenige kennen die Erfahrungen von Transmenschen, verstehen und begleiten sie mit Respekt und Fachkompetenz. Hier gibt es eine enorme Baustelle, auf die wir die Politikerinnen und Politiker immer wieder hingewiesen haben. Das Thema kämpft um seinen Platz, auch im Medizinstudium. Die Spezialisten ringen um eine Stunde für dieses oder jenes Anliegen – ich glaube, dass zukünftige Ärztinnen und Ärzte während ihrer langen Ausbildung gerade mal drei Stunden etwas über sexuelle Gesundheit hören, davon eine einzige über Minderheiten. Wir versuchen deshalb, Alternativen anzubieten und Kolloquien zu organisieren, um in das System hineinzukommen, um dort sensibilisieren und entsprechende Aus- und Weiterbildung etablieren zu können.

«Survival Sex ist in der Tat oft der ultimative Ort, den die Gesellschaft uns noch lässt.»
Erika Volkmar

Viviane Namaste: Ich bin sehr glücklich über die Einladung zu diesem Forum, um hier ein Bild der Probleme von Transmenschen skizzieren zu können. Probleme, die ihnen begegnen beim Zugang zu Institutionen, sei es in Fragen der Gesundheit oder des Zivilstandes, der Anpassung ihrer Papiere usw. Ich nehme diese Gelegenheit wahr, um Fragen zu stellen, Fallbeispiele und Initiativen vorzustellen, Aktionen, die woanders verwirklicht wurden, um so die individuelle und kollektive Reflexion in der Schweiz anzuregen.
Volkmar: Die Schweiz hinkt deutlich hinter Kanada her, insbesondere im Hinblick auf das Bewusstsein und die Lancierung von Präventionsmassnahmen. Sicherlich muss die Bildung im Gesundheitswesen verbessert werden, um trans*-friendly Dienstleistungen anbieten zu können. Aber auch der Bereich Justiz hat uns lange Zeit das Leben schwer gemacht. Erst in den letzten Jahren hat sich hier einiges verändert. So hat es das Eidgenössische Amt für das Zivilstandswesen kürzlich für unzulässig erklärt, dass Gerichte eine Operation oder hormonelle Behandlungen verlangen, um die offizielle Anpassung des Geschlechtes bei den Behörden vornehmen zu können. Mit anderen Worten können nun auch Transmenschen, die nicht operiert sind, ja, die nicht einmal eine Hormontherapie absolvierten, ihr Geschlecht anpassen und Ausweispapiere bekommen, die ihrem im Alltag gelebten Geschlecht entsprechen. Dies hat einen enormen Einfluss auf die Möglichkeit, eine Arbeit zu finden, in der Gesellschaft integriert zu bleiben, ein fruchtbares und nützliches Leben zu führen, statt in der Sexarbeit zu landen – im sogenannten Survival Sex, dem oft ultimativen Ort, den die Gesellschaft uns noch lässt. Also beobachten wir hier wirklich ermutigende Entwicklungen. Leider hat jedoch jeder Kanton seine eigenen Regeln in diesem Bereich, was die Situation der Transmenschen erschwert. Beispielsweise verlangt der eine Kanton eine zweijährige Hormontherapie, bevor er einer Änderung des Vornamens zustimmt, während andere dies ganz einfach erlauben, wenn die Transperson gesellschaftlich im anderen Geschlecht lebt. Der eine Kanton berechnet 7 000 Franken für eine Namensänderung, der andere 300. Diese Komplexität lässt einen denken, man lebe in einer Vielzahl von Mikrostaaten.

Welche Kantone sind am aufgeschlossensten gegenüber den Anliegen von Transmenschen?

Volkmar: Das könnte ich nicht mal sagen. Manche sind entgegenkommender im einen Punkt, dafür weniger in einem anderen – man müsste ständig von einem Kanton in den anderen umziehen. Natürlich sind die Kantone in der Innerschweiz, die eher kritisch gegenüber Fremden eingestellt sind, auch der menschlichen Vielfalt und ihrer weniger bekannten Ausdrucksformen gegenüber eher ablehnend.

Sie sprachen von den Schwierigkeiten im Gesundheitswesen, bei den Behörden usw.

Volkmar: Genau, aber vergessen wir dabei nicht die Welt der Bildung. Ich wiederhole unermüdlich bei den immer zahlreicher werdenden jungen Menschen, die zu uns kommen und von der Stiftung Unterstützung erfragen für ihre Geschlechtsanpassung: «Vergesst nicht, dass der Zug Ausbildung nur einmal vorbeifährt. Nehmt euch die Zeit zwischen 15 und 25 Jahren, um eure Zukunft zu sichern.» Als Transmensch wird das Leben nur noch komplizierter und man hat viel mehr Probleme, sich in der Arbeitswelt zurechtzufinden. «Ihr könnt euch auch später noch mit eurer Genderidentität befassen, aber um eure Ausbildung kümmern könnt ihr euch später nicht mehr.» Auch im Bildungswesen gibt es grosse Unterschiede von einem Kanton zum anderen, von einer Schule zur anderen. Schulen und Universität des Kantons Waadt zum Beispiel sind viel flexibler als diejenigen des Kantons Genf. Die Universität Lausanne ermöglicht es einem jungen Menschen ohne grossen Verwaltungsaufwand, seine Bildungskarriere mit einem Namen und einem Geschlecht zu absolvieren, die von seinem amtlichen Personalausweis abweichen.

«Wenn ein junger Mensch an der Universität den Antrag stellt, seinen Namen und sein soziales Geschlecht zu ändern, um seine Ausbildung fortsetzen zu können, dann macht er das, weil es ein tiefes Bedürfnis ist.»
Erika Volkmar

Mein Traum wäre eine Gesellschaft in unserem Land, die durchlässiger, einfacher funktioniert. Ich habe den Eindruck, dass die Sensibilisierung der politischen Entscheidungsträger fehlt. Dies ist kein Spiel! Wenn ein junger Mensch an der Universität den Antrag stellt, seinen Namen und sein soziales Geschlecht zu ändern, um seine Ausbildung fortsetzen zu können, dann macht er das, weil es ein tiefes Bedürfnis ist. Warum müssen wir einem solchen Wunsch mit so viel Misstrauen begegnen, zahlreiche Garantien verlangen und so hohe Anforderungen aufstellen – ärztliche Atteste, Bescheinigungen über erfolgte Therapien und Operationen? Es ist keine Laune, keine Extravaganz, die eine Woche später nicht mehr aktuell ist. Es geht nicht um die Wahl zwischen Coop und Migros!
Auch in der Geschäftswelt erwartet Transmenschen eine Menge Schwierigkeiten. Wir unterstützen bei Agnodice Menschen, die viele Jahre gearbeitet haben und sehr beliebt waren in ihrem Geschäft. Wenn sie dann verkünden, dass sie ihr Geschlecht  ändern wollen, sind sie plötzlich unerwünscht, werden schikaniert und aus der Firma gemobbt, gezielt irgendwo versteckt oder gezwungen, nachts zu arbeiten, sodass niemand sie sieht.
Analysiert man all diese Situationen, kommt man zu folgendem Schluss: Auf eine Person, die wirklich offen feindselig ist und versucht, den Betroffenen das Leben schwer zu machen oder ihnen ein Leid zuzufügen, kommen neun, die einfach nur ignorant sind. Hier müssen wir investieren, um diese Menschen zu sensibilisieren für die besonderen Probleme von Transmenschen. In einer Welt, wo die Menschenrechte wirklich ernst genommen werden, haben wir alle eine Verantwortung, nämlich diejenige, Raum zu schaffen für eine Gleichbehandlung für die ganze Vielfalt der menschlichen Natur.

Unter allen Transmenschen sind die Migrantinnen, die sich prostituieren, die am meisten gefährdete Gruppe. Welche erfolgreichen Projekte und Best-Practice-Beispiele für diese spezifische Gruppe können Sie nennen?

Namaste: Die Probleme beginnen bereits bei der Sprache. Allein die Tatsache, dass ihre Dokumente korrekt übersetzt werden, ist enorm wichtig für Menschen, die die offizielle Sprache eines Landes nicht oder nur sehr schlecht sprechen. Nehmen wir zum Beispiel das Gesundheitswesen. Vergessen wir nicht, dass es hier um sehr  intime Themen geht, um den eigenen Körper, die Genderidentität und um Sexualität. Natürlich fühlen sich die Menschen viel wohler, wenn sie darüber in ihrer eigenen Sprache reden können.
Es gibt verschiedene Communitypro­jekte, die Menschen nicht nur auf der Ebene der HIV-Prävention zu erreichen versuchen, sondern sie auch dabei unterstützen, einen Antrag für die Aufenthaltsgenehmigung zu stellen oder an­dere Papiere zu bekommen. Wohl verstanden sind die Gesundheitsfragen einschliesslich HIV-Prävention stets auch Thema, aber für Transmenschen ist das Thema HIV oft nicht die erste
Priorität.

«Es gibt in Paris auch ein äusserst interessantes Projekt für betreutes Wohnen in Appartements für HIV-positive Menschen. Dieses ermöglicht es Menschen, die gleich auf mehreren Ebenen in einer prekären Situation leben, sich zu stabilisieren.»
Viviane Namaste

Als Best-Practices nenne ich auch gern mehrere Projekte, bei welchen es in erster Linie um den Zugang zu Wohnraum geht, beispielsweise Notunterkünfte für Menschen, die weder bei den Aufnahmezentren für Frauen noch für Männer aufgenommen wurden. Es gibt in Paris auch ein äusserst interessantes Projekt für betreutes Wohnen in Appartements für HIV-positive Menschen. Dieses ermöglicht es Menschen, die gleich auf mehreren Ebenen in einer prekären Situation leben, sich zu stabilisieren.
Volkmar: Ich möchte gern auch auf die in der Schweiz leider inexistente Präventionsliteratur zu sprechen kommen. Hier zum Beispiel ein hervorragendes Beispiel aus Kanada, ein Fotoroman aus den späten 1990er-Jahrem, «the happy transsexual hooker». In der Schweiz spricht die Prävention Transfrauen immer noch allzu oft als Männer an. Bisher wurde kein einziges Präventionstool speziell für Transmenschen geschaffen. Bei all dem Aufklärungsmaterial, das zur Verfügung gestellt wird, nimmt keines Rücksicht auf unsere Morphologie, unsere Sexualität, unsere Praktiken oder das Vokabular der Transkultur. Wir haben unsere eigenen Ausdrücke, um über Klitoris, Penis oder andere Dinge zu sprechen.

Während des HIV&STI-Forums wurde viel über Peeransätze gesprochen. Wo stehen wir da in der Schweiz?

Volkmar: Es gibt nichts im Bereich der HIV/STI-Prävention. Wenigstens ist es uns gelungen, je eine Transperson für die Checkpoints in Zürich und in Lausanne einzustellen, die Transmenschen beraten und auf ihre spezifischen Bedürfnisse eingehen können. Es gibt jedoch kein Peer-to-Peer-Projekt in der Schweizer Transcommunity. Die Stiftung Agnodice bietet direkte Unterstützung, organisiert psychotherapeutische Transgruppen usw. und funktioniert also ein bisschen wie ein Gemeinschafts­tool. Sie wurde von einer Gruppe von Fachleuten aus der Community geschaffen, welche etwas in Bewegung setzen und verändern wollen. Also quasi Peer-to-Peer, aber eher ein wenig top-down.

Gibt es denn eine Community, die es ermöglicht, die Transmenschen in der Schweiz zu erreichen?

Volkmar: Die Schweiz ist ein kleines Land, und es hat keinen ausgeprägten Gemeinschaftssinn. Wirkliche Transgendercommunities kennt man eher in den Grossstädten Nordamerikas und anderer Weltgegenden, weil dort einfach die kritische Masse vorhanden ist.

«Kunden, die in einen anderen Kanton fahren, um sich ein Mädchen für eine Nacht zu suchen, sind nicht sehr empfänglich für Sensibilisierung.»
Erika Volkmar

Die nationale Vereinigung, das Transgender Network Switzerland, hat rund 100 Mitglieder, also sehr wenig. Sicherlich gibt es eine gewisse Anzahl von Personen, die sich auch auf militante Weise für die Rechte der Minderheiten einsetzen, aber die meisten Betroffenen tauchen je nach Thema auf und verschwinden wieder. Die einzige ein wenig strukturierte Gruppe ist diejenige der Sexarbeiterinnen, vor allem aus Brasilien. Allerdings sind diese immer in Bewegung, stets zur gleichen Jahreszeit, nach dem Karneval, tauchen sie auf und verreisen dann wieder. Sie bleiben zwei, drei Jahre hier und sind sehr individualistisch. Daher ist es nicht einfach, sie zu mobilisieren. Sie befinden sich eher in einer Survivalsituation und sind weniger leicht zu erreichen als andere Sexarbeiterinnen.

Wie beurteilen Sie den Ansatz, auf die alarmierende HIV-Prävalenz bei Transprostituierten mit Prävention bei deren Kunden zu reagieren?

Volkmar: In der Schweiz gibt es das Projekt Don Juan zur Prävention bei den Freiern. Aber man muss sich bewusst sein, dass es sich hier um ganz besondere Kunden mit extremen Wünschen handelt, die hohe Risiken eingehen und verursachen. Gleichzeitig sind sie sehr diskret, weil sie sich viel mehr schämen als die Kunden von Cisprostituierten, und sie übernehmen weniger Verantwortung als diese. Sie wollen Sex mit Frauen, die männliche Genitalien haben, sie wollen Sperma überall, insbesondere die Schweizer Freier. Es gibt hierzulande eine sehr starke Nachfrage nach Risikopraktiken. Die Kunden der beiden Transprostitutions-Brennpunkte, Lugano und Lausanne, kommen oft aus anderen Regionen, insbesondere katholischen Kantonen. Kunden, die in einen anderen Kanton fahren, um sich ein Mädchen für eine Nacht zu suchen, sind nicht sehr empfänglich für Sensibilisierung.
Namaste: In Kanada gibt es mehrere Beispiele für Prävention bei den Freiern. Ich denke da zum Beispiel an einen Leitfaden, der jedem Kunden abgegeben wird und der die wichtigsten Spielregeln für den Umgang mit einer Sexarbeiterin erklärt. Im Bereich Trans* gibt es ein Video, im Stil der Pornofilme, das an die Mädchen verteilt wurde, um es ihren Kunden weiterzugeben. Ich finde es gut, Prävention bei den Freiern zu machen, aber eine ganz andere Herausforderung erwartet uns im privaten Sektor. Es gibt zwar nicht viele Studien dazu, aber vereinzelte Informationen lassen vermuten, dass viele Mädchen sich nicht bei der Arbeit, sondern in ihren intimen Beziehungen infiziert haben. Sie verwenden Kondome mit ihren Kunden, aber nicht mit ihren Ehemännern oder ihren Liebhabern.

Wenn wir gerade von Studien sprechen: Wo sehen Sie die dringendsten Bedürfnisse für die Forschung?

Namaste: Es ist interessant zu beobachten, welche Prioritäten bei den Präventionsmassnahmen und bei der Forschung gesetzt werden. Es wird viel in die HIV-Prävention investiert – und das ist sehr gut! Viel Reflexion und Aktivismus ist auch bei rechtlichen Fragen, Zivilstand usw. zu verzeichnen. Auf der anderen Seite gibt es sehr wenige Aktivitäten in den Bereichen Arbeit und Wohnen. Dabei ist dies doch die Basis von allem. Ohne Beschäftigung oder Unterkunft wird die Lebenssituation bald sehr prekär. Dennoch sind diese Bereiche noch keine Priorität, weder für Forscherinnen wie mich noch für Aktivistinnen. Dies bedeutet nicht, dass gar nichts gemacht wurde, aber man darf durchaus auf diese Diskrepanz hinweisen.
Volkmar: Das hat sich auch gezeigt, als wir im Transgender Network Switzerland über eine zweite Phase des Rapid Assessments diskutiert haben. Quasi als Bedingung wurde gefordert, diese Themen in die Befragung aufzunehmen: «Wenn ihr möchtet, dass wir euch unseren HIV-Status liefern, müsst ihr uns die Möglichkeit geben, auch über unsere anderen Lebensbedingungen zu sprechen.» Wir sollten daher in dieser Umfrage nicht nur die HIV-Prävalenzrate herausfinden, sondern auch die Lebensbedingungen der Transmenschen beleuchten.

Nach oben