23.10.2018 «Das Wort ist ein starkes Instrument»

5 Fragen an. Stefan Neuner-Jehle ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Leiter des Programms «Gesundheitscoaching-KHM» am Kollegium für Hausarztmedizin (KHM) in Freiburg. Bei diesem Programm geht es darum, die Gesundheitsfachleute auszubilden, damit sie Patientinnen und Patienten in ihrer Gesundheits- kompetenz coachen können. Das Wort und die eigene Rolle sind hier die Medizin.

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Worum geht es bei diesem Programm?

Entstanden ist das Projekt aus einer Unzufriedenheit heraus. Im Bereich Gesundheitsförderung und Prävention ist vieles im Gang, jedes Jahr werden neue Kampagnen lanciert, die sich einem spezifischen Thema widmen: Darmkrebs, Hautkrebs, gesunde Ernährung. Grundsätzlich begrüssen wir Hausärztinnen und Hausärzte solche Initiativen, allerdings empfinden das manche mit der Zeit auch als ermüdend und wenig zielführend. Das Problem dabei ist, dass ein Thema das nächste ablöst, es fehlt der Blick fürs Ganze. Zudem haben einige dieser Kampagnen den Anstrich von «verordnet»: Die Gesundheitsbehörde verordnet dem Patienten, auf seine Gesundheit zu achten. Die Wünsche des Patienten sind dabei oft nur zweitrangig. Deshalb ist die Idee für das Gesundheitscoaching entstanden. Wir wollten das Ganze thematisch breiter aufstellen, die Prävention ganzheitlicher betrachten und die Angebote besser auf den Patienten ausrichten. Der Arzt soll nicht für den Patienten entscheiden, sondern der Patient soll selbst entscheiden, was er in welchem Zeitraum umsetzen möchte.Das Projekt verfolgt zwei Ziele. Die Fachleute verfügen über die nötigen Kommunikationstechniken und wissen, wie sie den Patienten coachen. Die Patientinnen und Patienten sind in Gesundheitsfragen kompetenter und aktiver. Wichtig ist die interprofessionelle Zusammenarbeit, denn die Beratung erfolgt nicht nur durch den Arzt, sondern auch durch eine medizinische Praxisassistentin (MPA) oder weitere Gesundheitsfachleute. Jedes Jahr führen wir etwa 10 Kurse mit circa 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern durch.

Wie funktioniert das Projekt und welchen Beitrag kann die Kommunikation zum Behandlungserfolg leisten?

Arzt und Patient besprechen gemeinsam, in welchen Bereichen der Patient motiviert ist, etwas zu ändern. Die Bereiche umfassen vor allem Gewicht, Ernährung, Bewegung, Stress, Alkohol und Tabak. Aber der Patient entscheidet ganz alleine, ob und wo er etwas ändern möchte. Es findet ein Rollenwechsel statt. Der Patient übernimmt dadurch mehr Verantwortung für seine Gesundheit.
Dieses Vorgehen braucht sowohl ein Umdenken bei den Patienten als  auch bei den Ärzten. Ärzte sind vor allem darin geschult, den Patienten zu sagen, was gut für sie ist. Beim Gesundheitscoaching müssen die Ärzte umdenken, denn die Entscheidung liegt ganz alleine beim Patienten. Der Arzt unterstützt ihn nur darin, seine Ziele zu erreichen. Die Kommunikation ist ein sehr wichtiger Teil dieses Programmes, das Wort einwichtiges Instrument. Ärztinnen und Ärzte, die am Programm teilnehmen, werden unter anderem in der motivierenden Gesprächsführung unterrichtet. Wir haben diese Gesprächstechnik für das Programm angepasst und auf die Bedürfnisse einer Hausarztpraxis heruntergebrochen. Die Technik ist in der Anwendung nicht ganz einfach und muss geübt werden, zum Beispiel in Form von Rollenspielen mit Schauspieler-Patienten.

Wie sind die bisherigen Erfahrungen mit dem Programm?

2012 haben wir einen Pilotversuch mit folgenden Ergebnissen durchgeführt: Ein Drittel der Personen, die vom Arzt auf das Programm angesprochen wurden, haben dieses absolviert. Von diesen Personen haben die Hälfte ihr Verhalten positiv geändert.
Der Pilotversuch hat zudem gezeigt, dass das Programm zeitlich umsetzbar ist, es kann also in die übliche Konsultation eingebaut werden. Eine Sitzung dauert maximal 25 Minuten. Das Konzept funktioniert, ist wissenschaftlich evaluiert und auch die Langzeitdaten zeigen einen positiven Effekt.
Allerdings ist auch klar, dass eine Verhaltensänderung Zeit braucht, Rückfälle kommen häufig vor, weshalb es wichtig ist, dass die Patienten nach dem ersten Rückschlag nicht aufgeben. Eine wichtige Voraussetzung ist die Motivation des Patienten: Der Patient muss am Programm teilnehmen wollen, ansonsten ist es meist vergebliche Mühe. Schwierig kann es auch werden, wenn es eine Sprachbarriere zwischen Arzt und Patient gibt, da die Kommunikation in diesem Programm sehr wichtig ist. 

Wo liegt die Herausforderung für das Programm?

Im Moment haben wir das Problem, dass der Aufwand für dieses Programm nicht oder nur teilweise abgerechnet werden kann. Beim Arzt kann ein Teil der Gespräche abgerechnet werden, bei der MPA ist das nur sehr beschränkt möglich. Das hemmt natürlich die Verbreitung dieses Programmes. Wir hoffen, dass die Revision des Ärztetarifs hier in Zukunft andere Möglichkeiten erlaubt, aber das ist am Ende eine Frage der Politik.

Wie geht es mit dem Programm weiter?

Wir möchten noch enger mit bestimmten Partnern zusammenarbeiten, sinnvoll ist eine bessere Vernetzung mit Ernährungs- und Bewegungsberatern sowie mit Suchtexperten im Bereich Alkohol oder Tabak. Zudem möchten wir das Programm erweitern und zum Beispiel Eltern mit chronisch kranken Kindern coachen. Interessant finde ich, dass man das Vorgehen in diesem Programm auch auf andere Bereiche übertragen kann. Dass der Patient mehr Verantwortung übernimmt, funktioniert nicht nur im Bereich Gesundheitsförderung und Prävention, sondern auch bei chronischen oder multimorbiden Erkrankungen. Hier tut sich also ein weiteres Feld auf, in dem «Gesundheitscoaching-KHM» in Zukunft sinnvoll eingesetzt werden kann.

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