04.09.2015 «Die EKIF legt grossen Wert auf die Transparenz und Unabhängigkeit ihrer Arbeitsweise.»

Sieben Fragen an Christoph Berger, Präsident der EKIF. Impfungen gehören zu den wirksamsten Präventions-Instrumenten der modernen Medizin – dank ihnen wurden verschiedene schlimme Krankheiten bei uns weitgehend ausgerottet. 2004 setzte der Bundesrat eine beratende Expertenkommission ein, die Eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF). Die EKIF hat zwei Hauptaufgaben: sie ist zuständig für die wissenschaftliche Beratung der Behörden bei der Erarbeitung von Impfempfehlungen und nimmt in Impffragen eine wichtige Vermittlerrolle zwischen Behörden, Fachkreisen und Bevölkerung wahr. Seit April 2015 ist der Facharzt FMH für Kinder- und Jugendmedizin und FMH für Infektiologie, Prof. Dr. med. Christoph Berger vom Universitäts-Kinderspital Zürich, Präsident der EKIF. Er stand «spectra» Red und Antwort.

Christoph Berger

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TODO CHRISTIAN

Christoph Berger

spectra: Welche laufenden Projekte haben bei der Arbeit der EKIF für die nächsten zwei Jahre Priorität?  

Christoph Berger: Zwei wichtige Projekte ergeben sich aus der laufenden Tätigkeit:

- Die stete Aktualisierung des Impfplans, mit dem Ziel, eine gute Durchimpfung der Bevölkerung zu erreichen.

- Personen mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko (z.B. wegen einer Grunderkrankung ) den bestmöglichen Schutz durch rechtzeitige (und wenn nötig zusätzliche) Impfungen zu bieten.  

Als übergeordnete Priorität sehe ich das strategische Ziel, dass die evidenzbasierten von der EKIF vorgeschlagene Empfehlungen vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) und seinen Partnern in unserem Gesundheitssystem übernommen und der betroffenen Bevölkerung als Einheit vollumfänglich angeboten werden. Die Empfehlungen sollen nicht zerpflückt und mit «wenn» und «aber» verwässert werden.    

Welches sind Ihre wichtigsten Grundsätze bei der Entwicklung von Impfempfehlungen für die Schweiz?  

Die EKIF berät das BAG bei neuen Impfempfehlungen. Die EKIF folgt bei der Evaluation des potenziellen Nutzens den im sogenannten Analyserahmen festgehaltenen Kriterien. Dabei wird beurteilt, ob einerseits die Bedrohung oder Gefahr (Schweregrad, Häufigkeit etc.) der Krankheit und andererseits die Erwartungen an die Auswirkungen der Abgabe eines oder mehrerer verfügbarer Impfstoffe eine Impfempfehlung rechtfertigen. Falls ja, muss die Strategie, mit der das Impfziel erreicht werden soll, definiert werden. Weitere Faktoren sind die Akzeptanz in der Bevölkerung, die Kosten-Wirksamkeit sowie die Umsetzbarkeit und Evaluationsfähigkeit aller Elemente, welche zur Entscheidungsgrundlage für eine neue Empfehlung der EKIF gehören.    

Jedes Land hat seinen eigenen Impfplan: Ist das im heutigen Europa gerechtfertigt? Oder wäre es für die Schweiz nicht denkbar und sinnvoll, den Impfplan von Deutschland oder Frankreich zu übernehmen?  

Die Impfpläne in unseren Nachbarländern sind grundsätzlich nicht so anders als der schweizerische Impfplan. Die meisten Impfstoffe werden international hergestellt und geprüft und sind somit ähnlich. Der jährlich aktualisierte schweizerische Impfplan soll möglichst genau auf die Bedürfnisse, Wahrnehmungen und Erwartungen der Schweizer Bevölkerung ausgerichtete und zugeschnittene Empfehlungen abgeben. Ein gutes Beispiel dazu sind die für den schweizerischen Impfplan charakteristischen Empfehlungskategorien (mit Basisimpfungen, ergänzenden Impfungen, Impfungen für Risikopersonen und Impfungen ohne Empfehlung), die einen informierten, aktiven individuellen Impfentscheid ermöglichen sollen. Weiter muss der nationale Impfplan die Gegebenheiten des Gesundheitssystems berücksichtigen. Dazu gehören beispielsweise die medizinische Grundversorgung (wo die meisten Impfungen verabreicht werden), die Vorsorgeuntersuchungen (kinderärztlich, frauenärztlich, etc.) und die nationalen Strukturen der Kostenübernahmeregelungen.         

Oft wird Kritik – oder die Vermutung – laut, dass die Pharmaindustrie die Impfempfehlungen beeinflusse, weil sie sich dadurch bereichern kann. Was sagen Sie zu diesem Verdacht? Ist die Unabhängigkeit der EKIF wirklich gewährleistet?  

Die Pharmaindustrie produziert und vertreibt herkömmliche und neu entwickelte Impfstoffe. Die EKIF stützt sich bei einer Empfehlung auf die wissenschaftlichen Daten (Evidenz), die nationalen Daten zur Krankheitslast, die Umsetzbarkeit und die angenommene Akzeptanz einer Impfempfehlung  (Analyserahmen, s. oben) und stellt sie dem BAG zur Verfügung. Die Zulassung von Impfstoffen, die Festlegung von Preisen oder der Kostenübernahme fallen nicht in den Zuständigkeitsbereich der EKIF. Die EKIF legt als ausserparlamentarische Expertenkommission des Bundes grossen Wert auf die Transparenz und Unabhängigkeit ihrer Arbeitsweise (alle Protokolle der Kommissionssitzungen sind öffentlich) und formuliert eine Empfehlung zuhanden des BAG, welches entscheidet.    

Sollte man nicht Vertreterinnen und Vertreter der Bevölkerung oder von impfkritischen Gruppen in die EKIF aufnehmen?  

Die EKIF definiert sich als Expertenkommission mit dem Auftrag, das BAG inhaltlich zu beraten und auf wissenschaftlicher Evidenz basierte Empfehlungen abzugeben. Konstruktive Kritik an Empfehlungen, die nicht mehr aktuell oder unvollständig sind, oder die ungenügend umgesetzt werden, gehören zur offenen Diskussion in der EKIF. Der ausgewogenen Zusammensetzung der vom Bundesrat ernannten Mitglieder kommt grosses Gewicht zu, ihre Interessenbindungen sind offen gelegt.    

Welches sind in Ihren Augen die wichtigsten aktuellen Herausforderungen bezüglich Impfungen in der Schweiz?  

Impfungen gehören zu den erfolgreichsten Präventionsmassnahmen weltweit und auch in der Schweiz, darum sind viele der Krankheiten, gegen welche die grosse Mehrheit sich impft, selten geworden und bei uns kaum mehr präsent. Vorbehalte und Misstrauen gegenüber Impfungen sollen ernst genommen und durch offene, sachliche Information und durch individuelle Beratung angegangen werden.  

Auf der institutionellen Ebene müssen zunehmend Hindernisse für Kostenübernahmen von Impfungen durch die Grundversicherungen angegangen und beseitigt oder durch andere Lösungen aus dem Weg geräumt werden. Die Übernahme der Kosten einer national empfohlenen Impfung müsste immer gewährleistet sein. Die Kostenübernahme steht für die Glaubwürdigkeit der Empfehlung und unseres Gesundheitssystems und bildet die entscheidende Voraussetzung für den gleichberechtigten Zugang, die Akzeptanz und Umsetzung der Impfempfehlung in der Bevölkerung.         

Das neue Epidemiengesetz tritt 2016 in Kraft. Ermöglicht es Ihrer Meinung nach einen besseren Schutz der Bevölkerung durch Impfungen gegen vermeidbare Krankheiten?  

Ja, es bringt eine Anpassung an die heutigen Herausforderungen, insbesondere bei Ausbrüchen oder Epidemien, welche frühzeitig erkannt und wo nötig mit koordinierten Massnahmen gezielt angegangen werden können.      

Kontakt

Virginie Masserey, Chefin Sektion Impfungen, virginie.masserey@bag.admin.ch

 

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