01.03.2012 «Die Gefängnisse sind der blinde Fleck der Gesellschaft.»

Fünf Fragen an Catherine Ritter. Zehn Jahre als Gefängnisärztin in der Genfer Strafanstalt Champ- Dollon und verschiedene humanitäre und Public-Health-Engagements sowie Forschungsprojekte im Strafvollzug in der Schweiz und in Deutschland erlauben Catherine Ritter eine Sicht des Themas Gesundheit im Gefängnis aus verschiedenen Blickwinkeln.

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TODO CHRISTIAN

Welches sind die prägendsten Erfahrungen aus Ihren Jahren klinischer Praxis im Strafvollzug?

Ich habe in dieser Zeit Menschen mit grossen Leiden behandelt, zusammen mit einem zuverlässigen und kompetenten Pflegeteam und Fachleuten aus dem Suchtbereich ausserhalb des Gefängnisses. Die Behandlungen konzentrierten sich jedoch auf den kurativen Aspekt; es fehlten uns die Mittel und Möglichkeiten, sie systematisch in einen langfristigen Gesamtzusammenhang einzubetten oder auf eine Resozialisierung auszurichten. Dazu ist ein interdisziplinärer Ansatz unter Einbezug des Strafvollzugspersonals unabdingbar. Das Gleiche gilt für das öffentliche Gesundheitswesen: Ohne konzertierte Arbeit mit den Gefängnisbehörden ist es nicht möglich, auf die Rahmenbedingungen oder die Lebenssituation insgesamt einzuwirken. Nehmen wir das Beispiel der Schlaflosigkeit: Entweder geht man es als isoliertes Problem an und verschreibt Schlafmittel dagegen, oder man sucht gemeinsam mit Gefängnisfachleuten nach Abhilfe. Gesundheitsförderung ist also nicht nur Sache der Gesundheitsfachleute, sie schliesst alle Beteiligten ein.

Was hat sich in Ihrer Wahrnehmung bei der Gefängnisgesundheit im Wesentlichen geändert?

Die Gefängnisse sind der blinde Fleck der Gesellschaft. Dessen bin ich mir erst bewusst geworden, als ich mit der klinischen Tätigkeit aufgehört habe, denn ich gehörte vorher selbst zu diesem Fleck. Mit einer gewissen Distanz und durch neuen Tätigkeiten sind zwei Elemente für mich offensichtlich geworden: zunächst sind die menschlichen Situationen oft komplexer und extremer hinsichtlich des Leidens als in anderen medizinischen Einrichtungen. Zudem sind die Fachleute von den Aussennetzen isoliert, sei es bei den Massnahmen zur Prävention (die entsprechenden Organisationen oder Fachleute sind selten im Gefängnis anzutreffen) oder beim Praxisaustausch (Weiterbildung, Qualitätskontrolle, Supervision usw.). Das führt zu einer beidseitigen Verarmung: Im Gefängnis verzichtet man auf Mittel und auf den stimulierenden Austausch, der es erlauben würde, sich entsprechend den Innovationen ausserhalb der Gefängnismauern weiterzuentwickeln, und draussen arbeitet man weiter und ignoriert dabei die Existenz eines Teils der Bevölkerung.

Sie ermutigen also die Fachleute «intra muros», den Austausch mit denjenigen zu suchen, die ausserhalb arbeiten?

Ja, denn man muss sich regelmässig darüber Gedanken machen, was in unserer professionellen Praxis dazu beiträgt, dass das Gefängnis zu einem weit entfernten Rest der Gesellschaft macht, einer anderen, völlig abgeschnittenen Welt. Es ist tatsächlich auch in der Schweiz so, dass man für die Gefängniswelt alles nochmals von vorn durchdenken und von Neuem aufbauen muss, während wir über Public-Health-Konzepte verfügen, die sich ausserhalb längst bewährt haben. Die Drogenpolitik illustriert dieses Phänomen sehr gut – die bewährte Vier-Säulen-Politik wird im Gefängnis nur sehr selten in die Praxis umgesetzt, insbesondere der Pfeiler Schadensminderung.

Wenn man Ihnen zuhört, kommt man zum Schluss, dass es wichtige Unterschiede zwischen der Praxis im Gefängnis und der Medizin ausserhalb gibt.

Ja. Mehr als anderswo müssen wir in Absprache mit Fachleuten arbeiten, die nicht  aus dem Gesundheitswesen stammen. Dies verlangt auf beiden Seiten einen Effort für Kommunikation und Verständnis. Gleichzeitig macht es die Arbeit spannend! Konkret müssen wir nach den üblichen Qualitätsmassstäben und ethischen Grundsätze arbeiten, uns an die Eigenheiten eines besonderen Milieus anpassen, während wir gleichzeitig den Gesundheitskonzepten treu bleiben, welche für die gesamte Gesellschaft gelten, ohne eine Sonderwelt zu bilden. Es geht darum, hier das richtige Gleichgewicht zu finden.

Man muss also die Interdisziplinarität fördern und das Gefängnis als einen wirklichen Teil der Gesellschaft ansehen. Sind dies Ihre Perspektiven für die Zukunft?

Was die Interdisziplinarität betrifft, sind wir bereits heute aktiv mit der Austauschplattform über Suchtfragen im Gefängnis mithilfe des Groupement Romand d’Etudes addictions GREA (www.grea.ch/plateformes/plateformes- prisons). Man muss jedoch noch einen Ort schaffen, wo die betroffenen Akteure konkrete Lösungen in komplexen Situationen entwickeln können, beispielsweise die Verabreichung von gewissen Medikamenten durch Vollzugsbeamte.

Andere Perspektiven sind die Ausbildung der Fachleute im Bereich der Gesundheit, die Forschung und der Blick der Gesellschaft auf die Gefängnisse.

Die Gefängnisfachleute haben offene Fragen hinsichtlich Gesundheit; einige werden dazu veranlasst, Aufgaben auszuüben, die gewöhnlich in den Bereich der Gesundheitsfachleute fallen, für die ihnen also die Rechtsgrundlage und die Bildung fehlen. Der Kompetenzerwerb ist sowohl bei den Führungskräften als auch bei den einfachen Vollzugsbeamten notwendig. Weiter ist die Forschung wesentlich, um angemessene Interventionen der öffentlichen Gesundheit vorzuschlagen, das Gefängnismilieu wissenschaftlich zu beschreiben und die Resultate zu veröffentlichen, um so den blinden Fleck «Gefängnis» zu verringern. Und schliesslich hat die Geschichte gezeigt, wie extrem negativ sich das Gefängnis auf Individuen und  ganze Gruppen auswirken kann. Ein Aussenblick durch Bürgerinnen und Bürger, Politikerinnen und Politiker und insbesondere die Forschung ist grundlegend, um die Isolierung zu durchbrechen und zu verhindern, dass es zu solchen unerwünschten Abweichungen kommt.

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