07.05.2019 «Die Generationen können sich gegenseitig in hohem Masse anregen»

Interview. Andreas Kruse, Experte für Altersforschung, über die Chancen eines generationenübergreifenden Austauschs, über die Wichtigkeit von Lernen und Bildung im Alter und über die Notwendigkeit, möglichst früh im Leben in die Gesundheit zu investieren.

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Herr Kruse, die Schweizer Bevölkerung wird älter. Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten gesellschaftlichen Herausforderungen, die sich aus dieser Entwicklung ergeben?

Eine erste Herausforderung: Wie können wir die Stärken und Kräfte des Alters in der Arbeitswelt und in der Zivilgesellschaft besser erkennen und stärker nutzen? Das Stichwort lautet hier zum Beispiel bürgerschaftliches Engagement. Dann: Wie sollten Fort- und Weiterbildungsangebote sowie Präventionsangebote beschaffen sein, um zur Erhaltung dieser Stärken und Kräfte beizutragen? Wie können Beziehungen zwischen den Generationen gefördert werden? Die zuletzt genannte Frage ist deswegen so wichtig, da sie auf den Austausch zwischen den Genera-tionen abzielt, der für Kreativität und Produktivität so wichtig ist.

Hier ist auch eine Differenzierung unserer Altersbilder wichtig, womit sich eine weitere Herausforderung ergibt: Inwieweit erkennen wir in Gesellschaft, Kultur und Politik die Stärken und Kräfte des Alters? Inwieweit finden sie kollektive Wertschätzung und Nutzung? Schliesslich ist wichtig, dass alte Menschen in ihrer Auseinandersetzung mit Verletzlichkeit Wertschätzung und Unterstützung erfahren. Dazu müssen wir die Verletzlichkeit als ein Merkmal der menschlichen Existenz begreifen. 

Sie setzen sich insbesondere auch für den Austausch zwischen den Generationen ein. Warum liegt Ihnen dieses Thema so am Herzen?

Die Generationen können sich gegenseitig in hohem Masse anregen und befruchten. Solche Beziehungen bilden eine Grundlage für Solidarität innerhalb unserer Gesellschaft. Mit der gegenseitigen Anregung bilden die einzelnen Generationen einen bedeutenden Entwicklungskontext für die jeweils andere Generation. Dies gilt für die emotionale und die soziale Entwicklung in gleichem Masse wie für die geistige, die spirituelle, die religiöse Entwicklung.

Aus der Perspektive der Altersforschung ist mir wichtig, dass Generativität – im Sinne der Sorge für andere Menschen – sowie symbolische Immortalität – im Sinne des Weiterlebens in den nachfolgenden Generationen – wichtige Motive im Erleben vieler alter Menschen darstellen. Wir müssen diese Motive sehr viel stärker aufgreifen, als dies heute der Fall ist.

Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht die Partizipation älterer Menschen am gesellschaftlichen Leben?

Unsere Gesellschaft profitiert vom Wissen und von den reflektierten Erfahrungen alter Menschen. Zudem ist Teilhabe eine zentrale Einflussgrösse der Lebensqualität, der emotionalen Befindlichkeit, der sozialen und der geistigen Entwicklung auch im hohen Alter.

Lernen und Bildung im Alter werden heute stark propagiert. Wie wichtig sind diese für ältere Menschen?

Lernen und Bildung können nicht hoch genug für die Teilhabe wie auch für die geistige und die emotionale Entwicklung im Alter gewertet werden. Zudem kommt ihnen grosse Bedeutung für die Erhaltung der Gesundheit zu.

In der Schweiz wird das Pensionierungsalter immer wieder intensiv diskutiert. Wie stehen Sie zu dieser Diskussion?

Wenn das Interesse älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an einer längeren Beschäftigung besteht und dieses Interesse mit den Zielsetzungen des Unternehmens übereinstimmt: Dann sollte man eine derartige Möglichkeit schaffen. Langfristig wird man vermutlich nicht an einer gesetzlichen Erhöhung des Renteneintrittsalters vorbeigehen können. Allerdings sind hier wichtige Rahmenbedingungen zu schaffen.

Erstens: Betriebliche und überbetriebliche Fort- und Weiterbildungsangebote über die gesamte Zeit der Berufstätigkeit. Zweitens: Die Mitbestimmung der einzelnen Mitarbeiterin beziehungsweise des einzelnen Mitarbeiters mit Blick auf die Art der Beschäftigung wie auch mit Blick auf das Beschäftigungsvolumen. Ohne die Sicherstellung solcher Rahmenbedingungen wird die Umsetzung entsprechender rechtlicher Regelungen auf Widerstände stossen.

In Deutschland wurde das «nationale Gesundheitsziel gesund älter werden» definiert und eine entsprechende Strategie erarbeitet. Was kann die Schweiz hier lernen? Hat sich das Vorgehen bewährt?

Diese Strategie ist aus vier Gründen als bedeutsam anzusehen. Der erste Grund: Es kommen Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Disziplinen zusammen – und damit sind unterschiedliche Zugänge zur Gesundheit und unterschiedliche Methoden zur Erhaltung von Gesundheit, Autonomie und Teilhabe repräsentiert. Für ein umfassendes Verständnis von Gesundheit ist ein derartiger Ansatz unerlässlich.

Der zweite Grund: Nicht die Pathogenese, sondern die Salutogenese steht im Vordergrund. Das heisst: Was kann getan werden, um Gesundheit zu erzeugen und nach Auftreten von Krankheiten wiederherzustellen? Beim Individuum, aber auch bei den Lebensumständen.

Der dritte Grund: Es wird der Versuch unternommen, sich auf zentrale Gesundheitsziele zu einigen und diese zu definieren, wobei diese Gesundheitsziele auch der Gesundheitspolitik sowie den Krankenkassen als Orientierungspunkte dienen.

Der vierte Grund: Es wird mit den Gesundheitszielen deutlich gemacht, dass Gesundheit in allen Lebensphasen «gestaltbar» ist, das heisst, dass das Individuum, aber auch die Gemeinden, die Krankenkassen und der Staat sehr viel tun können, um Gesundheit in allen Lebensphasen zu erhalten beziehungsweise wiederherzustellen.

Alter ist ja kein definierter Lebensabschnitt, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Was kann jeder Einzelne tun, damit er gesund altert? Und was muss die Gesellschaft tun, damit Menschen gesund altern können? Uns interessieren in diesem Zusammenhang vor allem die Themen Gesundheitsförderung und Prävention. 

Es ist wichtig, bereits im frühen Lebensalter in Bildung und Gesundheit zu investieren, somit auch Gesundheitsförderung und Prävention zu betreiben. Zudem sind Gesundheitsförderung und Prävention als eine lebenslange Aufgabe zu verstehen. Denn: Viele Krankheiten und Funktionsein-bussen im Alter sind «alternde» Krankheiten und Verluste, das heisst, diese beginnen zum Teil schon im Jugendalter oder im frühen beziehungsweise mittleren Erwachsenenalter. Durch Bildung – die ja immer auch Gesundheitsbildung umfasst – sowie durch Gesundheitsförderung und Prävention können wir dazu beitragen, dass einzelne Krankheiten und Einbussen erst gar nicht entstehen. Zudem können wir durch entsprechende Strategien dazu beitragen, dass die Widerstandsfähigkeit des Individuums gegen Krankheiten gestärkt wird.

Bei allen Massnahmen zur Förderung von Gesundheit ist in gleichem Masse auch die seelische Gesundheit in den Blick zu nehmen. Es geht darum, von früh an in die Erhaltung von seelischem Wohlbefinden und in die Fähigkeit des Individuums zu investieren, mit Konflikten und Belastungen auf reife Weise umzugehen.

Sie haben nicht zuletzt im Rahmen des sechsten Altenberichts zu Altersbildern in Deutschland geforscht. Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Erkenntnisse?

Alter wird häufig in sehr einseitiger Weise gedeutet, nämlich als ein Modus deficiens, also als ein Prozess zunehmender körperlicher, seelischer und geistiger Verluste. Die Stärken und Kräfte, aber auch die Entwicklungs- und Veränderungspotenziale im Alternsprozess werden kollektiv wie auch persönlich viel zu wenig berücksichtigt.

Zudem wird nicht wirklich erkannt, welchen Beitrag ältere Menschen zum Humanvermögen leisten, zu Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur. Das Ziel der Altersberichte bestand daher auch darin, ein viel differenzierteres Bild des Alterns zu vermitteln.

Dabei heben wir in den Berichten hervor, dass wir sowohl in der Arbeitswelt als auch in der Zivilgesellschaft Gelegenheitsstrukturen schaffen müssen, unter denen ältere Menschen ihre Kreativität, ihre schöpferischen Kräfte unter Beweis stellen können. Dann nämlich werden die Stärken und Kräfte auch kollektiv, also gesellschaftlich und kulturell, sehr gut sichtbar. Und gerade wächst auch die Bereitschaft, zu einer veränderten Sicht von Altern und Alter zu gelangen. Weiterhin gehört zur Vermittlung von differenzierten Altersbildern, auf die Folgen von sozialer Ungleichheit für Gesundheit, Kompetenz und Lebensqualität im Alter hinzuweisen und soziale Ungleichheit möglichst weit abzubauen.

Inwiefern sind vorherrschende Altersbilder für ältere Menschen relevant? Welche Auswirkungen haben sie auf die Selbstwirksamkeit älterer Menschen sowie auf deren Gesundheit generell?

Altersbilder sind wirkmächtige Vorstellungen auch über das eigene Alter, das heisst auch über das Ausmass, in dem das eigene Alter als gestaltbar angesehen wird. Daraus folgt, dass Altersbilder mit darüber entscheiden, was Menschen für ihre Kompetenz und Gesundheit tun, inwieweit sie sich dafür engagieren, zu einem persönlich zufriedenstellenden und erfüllenden Alter beizutragen.

Gibt es ein Anliegen, welches Ihnen besonders wichtig ist?

Mir geht es sehr darum, das hohe Alter immer als eine Verbindung von Verletzlichkeit und Reife zu betrachten und dabei deutlich zu machen, dass körperliches Altern etwas anderes ist als seelisches und geistiges, als existenzielles und spirituelles Altern. Gerade mit Blick auf die seelische und die geistige, aber eben auch die existenzielle und die spirituelle Situation können wir im hohen Alter eindrucksvolle Entwicklungsprozesse beobachten, die gesellschaftlich, aber auch kulturell sehr viel stärker beachtet und gewürdigt werden müssen.

Zudem ist mir wichtig, dass wir mit Blick auf das hohe Alter die Möglichkeiten der Rehabilitation sehr viel stärker ausschöpfen, als wir dies bislang tun. Wenn ich hier von Rehabilitation spreche, dann meine ich damit zum einen die Verbindung von Therapie und Rehabilitation, zum anderen die deutliche Stärkung der Rehabilitation in der Pflege und schliesslich den Ausbau psychologischer und psychotherapeutischer Hilfen für alte Menschen in gesundheitlichen, seelischen und sozialen Grenzsituationen.

Mit Blick auf das höhere Alter, siebtes, achtes Lebensjahrzehnt, ist mir die Schaffung von Gelegenheitsstrukturen wichtig, die uns die Potenziale des Alters für die Gesellschaft viel stärker vor Augen führen, sowie die Förderung des intergenerationellen Austauschs.

Andreas Kruse

Professor Andreas Kruse ist Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg. Er hat Psychologie studiert und danach vor allem an den Universitäten Heidelberg und Greifswald geforscht. Sein Interesse an der Gerontologie wurde von der Altersforscherin und CDU-Familienministerin Ursula Lehr geweckt, die 1986 in Heidelberg das Institut für Gerontologie gründete und ihn als ersten Mitarbeiter einstellte.
Kruse war mehrfach Vorsitzender der Altenberichtskommissionen der Bundesregierung und war Mitglied der Expertenkommission zur Erstellung des International Plan of Action on Ageing der Vereinten Nationen. Seit 2016 ist er Mitglied des Deutschen Ethikrates.

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