01.07.2014 «Die Grenzen zwischen betrieblichem Gesundheitsmanagement und Unfallprävention sind fliessend.»

Interview mit Claudia Pletscher und Urs Näpflin. Der Mensch in unseren Breitengraden lebt gut 700 000 Stunden – rund 100 000 davon verbringt er mit Arbeit. Arbeit ist wichtig für das menschliche Wohlbefinden. Aber sie kann auch krank machen. Wie kann das verhindert werden? Wer ist in der Verantwortung? Bieten die gesetzlichen Regeln angemessenen Schutz? «spectra» hat zwei Suva-Spezialisten gefragt: Dr. med. Claudia Pletscher, Leiterin der Abteilung Arbeitsmedizin, und Dr. phil. Urs Näpflin, Leiter des Bereichs Betriebliches Gesundheitsmanagement.

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TODO CHRISTIAN

spectra: Claudia Pletscher und Urs Näpflin, welches sind derzeit die grössten Probleme im Bereich Arbeit und Gesundheit?

Urs Näpflin: Es gibt klassische Arbeitsbereiche, die früher wie heute vor allem mit schweren körperlichen Belastungen verbunden sind. Ich denke zum Beispiel an Forstarbeiter oder an die Mitarbeitenden der Kehrichtabfuhr. Aber auch an den Pflegebereich, in dem vor allem Frauen arbeiten.

Wie sieht es im Baugewerbe aus?

Urs Näpflin: Auch da gibt es nach wie vor grosse Belastungen, sie haben aber durch die zunehmende Mechanisierung abgenommen. Mit dem Nachteil, dass es, wenn es einmal grosser körperlicher Kraft bedarf, den Arbeitern teilweise an der nötigen Fitness fehlt. Diese Arbeitsfelder mit körperlich grosser Beanspruchung haben aber generell nicht mehr die gleich grosse Bedeutung wie früher. Generell hat die Erwerbsarbeit an Bedeutung verloren. In den 1950er-Jahren arbeitete man noch fast 48 Stunden pro Woche. Heute sind es noch 41,7 Stunden. Wir entwickeln uns also eher in Richtung Freizeitgesellschaft.
Claudia Pletscher: Wir müssen Arbeit nicht nur als Belastung, sondern auch als eine Ressource sehen, so wie es Familie, Freunde, Freizeit, Hobbys oder auch der Glaube sind. Wenn nun zum Beispiel bei der Arbeit durch die hohe Arbeitsbelastung die Energiebilanz negativ ist, in allen anderen Bereichen aber positiv, erträgt man diese Situation besser.

«Wir müssen Arbeit als eine Ressource sehen. Man inves­tiert viel, man schöpft aber auch Kraft daraus.»
Claudia Pletscher

Problematisch wird es, wenn in zu vielen Bereichen die Belastung überwiegt. Zudem hat ein gesellschaftlicher Wandel in der Bewertung von Arbeit stattgefunden, von «Arbeit macht krank» zu «Arbeit hält gesund». Heute betrachtet man Arbeit als eine wesentliche Voraussetzung für das Wohlbefinden, obwohl Arbeit heute natürlich immer noch krank machen kann. Früher stand die Produktion im Vordergrund. Dementsprechend musste der Körper wie eine Maschine funktionieren. In der heutigen Dienstleistungsgesellschaft stehen eher mentale Belastungen wie die steten Veränderungen, Zeitdruck oder Leistungsdruck im Vordergrund.

Bietet die Gesetzgebung angesichts dieser vermehrten psychischen Arbeitsbelastungen einen angemessenen Schutz?

Claudia Pletscher: Dies ist letztlich ein gesellschaftspolitischer Entscheid. Wir müssen die heutige Gesetzgebung anwenden. Wir haben damit eine klare Regelung und können gut damit umgehen. Im Unfallversicherungsgesetz ist festgehalten, was eine Berufskrankheit ist und was nicht. Es ist klar festgelegt, wie hoch der Anteil der beruflichen Faktoren bei den Ursachen einer Krankheit ausmachen muss, damit eine Krankheit als Berufskrankheit anerkannt werden kann. Dies ist beispielsweise bei Krankheiten im Zusammenhang mit Asbest oder Quarzstaub gut beurteilbar. Psychosoziale Belastungen wie Stress
hingegen haben meist mehr als eine Ursache. Da ist es nahezu unmöglich festzustellen, wie stark die Arbeit und wie stark andere Faktoren dafür verantwortlich sind. Aufgrund der Vorgaben des Unfallversicherungsgesetzes können diese Beschwerden von den Versicherungen nicht als «Berufskrankheit» anerkannt werden. Man bezeichnet sie als berufsassoziierte Gesundheitsstörungen. Die Kosten können deshalb auch nicht von den Unfallversicherungen übernommen werden.
Urs Näpflin: Ich denke nicht, dass im Bereich der psychosozialen Belastungen mehr Gesetze sinnvoll oder wirksam wären. Hier wirken nur eine gesunde Unternehmenskultur und das Bewusstsein des Managements für die Wichtigkeit gesunder, leistungsfähiger Mitarbeitenden. Das Motto sollte lauten: Fordern, aber nicht überfordern. Wenn in den Chefetagen dieses Sensorium vorhanden ist, wird auch viel Prävention betrieben. Das ist meine Erfahrung. Man kann Gesundheit schlecht per Gesetz verordnen. Die Unternehmen müssen ihre Mitarbeitenden schulen, die Chefs müssen mit gutem Beispiel vorangehen und ein gesundes Arbeitsumfeld schaffen. Dieses Gesundheitsbewusstsein ist in den Schweizer Betrieben zum Glück gewachsen.

Wie ist es dazu gekommen?

Claudia Pletscher: Man hat eingesehen, dass immer mehr Leistungsdruck nichts bringt. Das hat auch eine ETH-Studie zur sogenannten Salutogenese gezeigt. Dabei hat man beruflich hochbelastete Menschen und die sozialen und organisatorischen Rahmenbedingungen ihrer Arbeitsstelle untersucht. Man hat herausgefunden, dass hochbelastete Mitarbeitende in guten Rahmenbedingungen gesund bleiben, und jene, die in schlechten Rahmenbedingungen arbeiten, krank werden. Eine europäische Studie aus dem Jahr 2010 hat gezeigt, dass die Arbeitsbelastung – also Leistungsdruck, Hektik und so weiter – in der Schweiz zwar hoch ist, die Rahmenbedingungen aber sehr gut. Das ist bestimmt eines der Erfolgsgeheimnisse der Schweizer Wirtschaft. Sie fordert viel, gibt aber auch viel.

Wie haben sich Berufskrankheiten und berufsassoziierte Gesundheitsstörungen zahlenmässig entwickelt?

Claudia Pletscher: in der Schweiz werden jährlich knapp 3000 Fälle von Berufskrankheiten anerkannt (alle UVG-Versicherer). Die klassischen Berufs­krankheiten haben zwar abgenommen, aber wir haben noch nicht alles im Griff. So sind beim Asbest jährlich etwa 100 Todesfälle zu verzeichnen, und etwa 50 Bäcker müssen jedes Jahr wegen des Mehlstaubs ihren Beruf aufgeben. Gefährdet sind auch Coiffeure und Coiffeusen wegen Ekzemen. Prävention ist also nach wie vor nötig, um die Menschen so gut wie möglich vor gesundheitlichen Auswirkungen durch die Arbeit zu schützen. Was die berufsassoziierten Gesundheitsstörungen betrifft, beobachten wir sie sehr aufmerksam, seien es psychosoziale oder muskuloskelettale Belastungen. Davon sind sehr viele Menschen betroffen. Diese berufsassoziierten Gesundheitsstörungen werden statistisch nicht erfasst, weil es sich dabei nicht um Berufskrankheiten handelt.
Urs Näpflin: Es gibt halbwegs vergleichbare Zahlen im Bereich der muskulo­skelettalen Beschwerden: Die Kosten für muskuloskelettale Beschwerden im Sinne einer Berufskrankheit belaufen sich auf jährlich etwa 3 Millionen Franken.

«Man kann Gesundheit schlecht per Gesetz verordnen. Die Chefs müssen mit gutem Beispiel vorangehen und ein gesundes Arbeits­umfeld schaffen.»
Urs Näpflin

Eine Studie des SECO hat allein für Rückenschmerzen im Sinne von berufsassoziierten Gesundheitsstörungen Kosten von 3,3 Milliarden Franken pro Jahr ausgewiesen. Diese Zahlen lassen das Verhältnis zwischen berufsassoziierten Gesundheitsstörungen und Berufskrankheiten etwa erahnen.

Der OECD-Bericht stellt der Schweiz im Vergleich zu anderen europäischen Staaten in der Gesundheitsprävention am Arbeitsplatz kein gutes Zeugnis aus. Wie bringt man Unternehmen dazu, in Prävention zu investieren?

Claudia Pletscher: Das ist die Schwierigkeit bei der Prävention: Man kann schwer nachweisen, was verhindert wurde. Wir können den Unternehmen aber aufzeigen, wie viel Absenzen, Mitarbeiterwechsel, Umschulungen oder Renten wegen Krankheit oder Arbeitsunfähigkeit kosten. So wird schnell klar, dass jeder in die Prävention investierte Franken sich in Form von gesparten Kosten auszahlt. Nach einer weltweiten Studie der internationalen Vereinigung für soziale Sicherheit (IVSS) ergibt eine Investition in die betriebliche Prävention von einem Euro einen Return von 2,20 Euro. Uns ist es auch sehr wichtig, den Unternehmen klarzumachen, dass Gesundheitsprävention Führungssache ist.
Urs Näpflin: Ich denke, der OECD-Bericht kritisiert eher, dass die Schweiz kein standardisiertes Vorgehen in der Prävention von psychosozialen Belastungen vorzuweisen hat. Die Schweiz geht sehr pragmatisch mit dem Problem um. Zudem ist die arbeitende Bevölkerung in der Schweiz verglichen mit anderen Staaten bei relativ guter Gesundheit. In Deutschland liegt die Absenzenrate zum Beispiel bei zehn bis elf Tagen pro Vollbeschäftigten und Jahr. In der Schweiz sind es etwa sechs Tage. Ich bin aber auch der Meinung, dass die Schweiz vor allem für die Prävention von psychosozialen Belastungen noch mehr tun kann und muss. Um Unternehmen von der Wirtschaftlichkeit von Präventionsmassnahmen zu überzeugen, haben wir auf der Suva-Website einen «Präventionspotenzial-Rechner» installiert.

 «Jeder in die Prävention investierte Franken zahlt sich in Form von gesparten Kosten aus.»
Claudia Pletscher

Unternehmen können damit die Kosten für die Absenzen der Mitarbeitenden in ihrem Betrieb und das entsprechende Präventions-Sparpotenzial für die nächsten fünf Jahre errechnen. Das sind Näherungen, aber sie erfolgen auf der Grundlage von Beispielbetrieben, die tatsächlich in Prävention investiert haben und die Absenzen markant senken konnten. Traurigerweise geben oft erst Erkrankungen von Kaderleuten auf höchster Ebene oder von prominenten Managern die Initialzündung für Präventionsmassnahmen im jeweiligen Unternehmen.

Gesundheitsprävention ist also Führungssache. Nun sind aber gerade Manager im mittleren und oberen Kader meist selbst chronisch überbelastet. Sie sind keine guten Vorbilder für eine gesunde Work-Life-Balance. Sind das die Menschen, die Sie für die Prävention gewinnen wollen?

Urs Näpflin: Teilweise. Wir haben tatsächlich manchmal direkt mit der Geschäftsleitung Kontakt, aber unsere
Ansprechpartner sind meist Sicherheitsbeauftragte oder entsprechende Fachleute in der Personalabteilung.

Gibt es branchenspezifische Unterschiede bezüglich Präven­tionsengagement ?

Urs Näpflin: Ja, aber keine ausgeprägten. Handwerks- und Gewerbebetriebe sind etwas zurückhaltender als Dienstleistungsunternehmen. Auch sind es eher Grossbetriebe und Unternehmen mit einem hohen Anteil an Mitarbeitenden, die sich für Prävention engagieren.

Wir haben viel über psychosoziale Belastungen wie Stress gesprochen. Wie sieht es mit anderen Belastungen aus, zum Beispiel jenen einer Verkäuferin, die bei der Arbeit kaum Tageslicht sieht und viel stehen muss? Was tun Sie in diesem Bereich über den gesetzlichen Auftrag hinaus?

Claudia Pletscher: Lichtverhältnisse und das Raumklima betreffende Arbeitsbedingungen, die Sie ansprechen,  sind im Arbeitsgesetz geregelt. Das SECO und die kantonalen Arbeitsinspektoren sind in diesem Bereich federführend. Dieser Bereich ist also abgedeckt. Wir hingegen engagieren uns mit dem Projekt «Progrès» im Bereich der berufsassoziierten Gesundheitsstörungen sowohl im psychosozialen als auch im muskuloskelettalen Bereich. Wir unterstützen Forschungs- und andere Projekte, um daraus Grundlagen und Massnahmen für die Prävention abzuleiten.
Urs Näpflin: Die Suva ist ja nicht zuständig für Versicherungsfälle, die aufgrund von berufsassoziierten Gesundheitsstörungen entstehen. Aber diese Erkrankungen stehen natürlich in einem engen Zusammenhang mit Betriebsunfällen, die sehr wohl Suva-Fälle sind. Je gestresster, erschöpfter oder unfitter die Mitarbeitenden sind, desto höher die Unfallgefahr. Körperlich fitte Menschen haben zudem weniger Absenztage und genesen nach einem Unfall schneller. Die Grenzen zwischen betrieblichem Gesundheitsmanagement und Unfallprävention sind also fliessend. Diese Überlegung war mit ein Grund für die Lancierung von «Progrès».

«Je gestresster, erschöpfter oder unfitter die Mitarbeitenden sind, desto höher die Unfall­gefahr.»
Urs Näpflin

Claudia Pletscher: Genau. Durch die zunehmende Technisierung und Automatisierung des Arbeitsalltags spielt das menschliche Verhalten bezüglich Unfallrisiko eine immer grössere Rolle. Im Fachjargon heisst das «behavior safety», also verhaltensbasierte Sicherheit. Dabei spielen natürlich Faktoren wie Müdigkeit eine entscheidende Rolle.

Die berufsassoziierten Gesundheitsstörungen betreffen vor allem Menschen mit Mehrfachbelastungen. Man könnte also annehmen, dass berufstätige und alleinerziehende Mütter besonders betroffen sind. Was sind Ihre Erfahrungen?

Claudia Pletscher: Sicher, die Doppelbelastung mit Beruf und Familie begünstigt diese Gesundheitsstörungen. Aber ich sehe das weniger geschlechterspezifisch. Heute gibt es doppelbelastete Frauen wie Männer. Wichtig ist, dass wir für alle Zielgruppen möglichst spezifische Botschaften und Massnahmen entwickeln und wissen, wie wir mit wem kommunizieren müssen, damit die Botschaften auch ankommen. Westschweizer und Tessiner reagieren zum Beispiel ganz anders als Deutschschweizer, Jugendliche anders als ältere Menschen, Büromenschen anders als Bauarbeiter.

Haben Sie Beispiele dafür?

Urs Näpflin: Zum Beispiel der TV-Spot mit der skifahrenden Wildsau, die andere Skifahrer mit ihrer rücksichtslosen Fahrweise gefährdet. In der Deutschschweiz ist die «Pistensau» ein gängiges Bild und der Spot kam auch gut an. In der Romandie war der Spot weniger erfolgreich, weil man im Französischen das Wortbild «Pistensau» nicht kennt.
Claudia Pletscher: Wir müssen uns immer auch unserer eigenen Krankheitskonzepte bewusst sein, gerade wenn wir mit Menschen mit Migrationshintergrund zu tun haben. Menschen aus dem Balkan haben zum Beispiel oft andere Vorstellungen von einer bestimmten Krankheit als wir Mitteleuropäer. Wir müssen uns immer bewusst sein, mit wem wir reden. Aber bei allen gilt: Je einfacher und eingängiger die Botschaft, desto besser.

Wie werden Ihre Massnahmen von den Mitarbeitenden wahrgenommen?

Claudia Pletscher: Unterschiedlich. Wenn in einem Betrieb die Mitarbeitenden über konkrete Beschwerden klagen, werden unsere Massnahmen natürlich gut aufgenommen. Es gibt aber auch Fälle, in denen wir einfach hart durchgreifen und uns vielleicht auch gegen den Chef durchsetzen müssen – zum Schutz der Mitarbeitenden. Wenn wir den Menschen klarmachen können, dass es wirklich um sie und ihre Gesundheit geht, werden wir gut akzeptiert. Wenn uns das nicht gelingt, wird es schwierig. Wir versuchen zu zeigen, dass ein Unfall jeden treffen kann und dass dann unter Umständen die ganze Familie in Mitleidenschaft gezogen wird, so wie in unseren TV-Spots.

Inwieweit können Sie in diesem Bereich auch partizipativ arbeiten?

Urs Näpflin: Das betriebliche Gesundheitsmanagement steht für uns auf zwei Säulen: den Verbesserungen der betrieblichen Verhältnisse und der Befähigung zur Selbstverantwortung. Bei beidem ist die Partizipation grundlegend. Um die betrieblichen Verhältnisse zu analysieren, werden zum Beispiel die Mitar­beitenden befragt. Auch in die Lö­sungssuche können und sollen die Mitarbeitenden einbezogen werden. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Massnahmen auch umsetzen und mittragen.

Wo sehen Sie für die Suva noch Verbesserungspotenzial?

Claudia Pletscher: Wir haben noch viel zu tun. Uns fehlen noch einige Grundlagen oder Instrumente, mit denen wir unsere Arbeit objektiv beurteilen können. Auch was die Beteiligung der Führungsetagen betrifft, sind wir noch lange nicht am Ziel.
Urs Näpflin: Ich sehe noch Lücken bei praktikablen Konzepten im Bereich der psychosozialen Belastungen für kleinere und mittlere Betriebe. Solche sollten wir in enger Zusammenarbeit mit den Betrieben erarbeiten.

Wie sieht es aus mit Forschung?

Claudia Pletscher: Ja, klar, wir brauchten noch viel Forschung. Im Rahmen von «Progrès» können wir Projekte unterstützen; die Mittel sind aber beschränkt.

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