08.09.2015 «Die Stärkung von Gesundheitskompetenz kann nicht allein die Aufgabe der Gesundheitspolitik sein.»

Sechs Fragen an Stefan Spycher. Gesundheitskompetenz ist ein Schlüsselfaktor für das körperliche und seelische Wohlbefinden des Individuums und entlastet das Gesundheitswesen und damit die Gesellschaft als Ganzes. Doch wie kann die Gesundheitspolitik dazu beitragen, dass diese Kompetenz bei allen Menschen entstehen und wachsen kann, und was tut der Staat konkret, um die Chancengleichheit zu verbessern? Wir fragten Stefan Spycher, Leiter des Direktionsbereichs Gesundheitspolitik und Vizedirektor des Bundesamts für Gesundheit (BAG).

Stefan Spycher.

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Stefan Spycher.

Wie definieren Sie den Begriff Gesundheitskompetenz?

Unter Gesundheitskompetenz verstehen wir im BAG die Befähigung jedes einzelnen Menschen, in seiner Lebensumwelt Entscheidungen zu treffen, die sich positiv auf seine eigene Gesundheit und die seiner Mitmenschen (z.B. seiner Kinder) auswirken.  

Wie kann sich Gesundheitskompetenz entwickeln und wer ist dabei gefordert?

Gesundheitskompetenz entsteht in der Schule, in der Familie, im Austausch mit Gesundheitsfachpersonen und am Arbeitsplatz. Ebenso können Medien zur Stärkung der Gesundheitskompetenz beitragen. Gefordert ist dabei zunächst die Initiative und die Lernfähigkeit jedes und jeder Einzelnen. Aber auch der Staat kann im Rahmen von gesundheitspolitischen Massnahmen, z.B. Informationskampagnen, dazu beitragen, dass die Fähigkeit und die Möglichkeiten der Menschen, sich gesundheitskompetent zu verhalten, gefördert werden.  

Wo sind die Grenzen der Gesundheitspolitik?

Die Stärkung von Gesundheitskompetenz kann nicht allein die Aufgabe der Gesundheitspolitik sein. Eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielt die Bildung, sowohl in der Schule als auch später im Erwachsenenleben. Zudem kann man beobachten, dass sich Arbeitgeber zunehmend der Gesundheitskompetenz ihrer Mitarbeitenden widmen. Die Gesundheitspolitik ist wahrscheinlich vor allem dort gefragt, wo es um das Gesundheitsverhalten im Alltag und um die Nutzung des Gesundheitssystems geht. Dabei müssen wir die Komplexität des Systems im Auge behalten und – wo nötig – reduzieren.  

Wo ist Gesundheitskompetenz im Spannungsfeld von Gemeinschafts- und individueller Ebene der gesamten Gesellschaft anzusiedeln?

Die Verantwortung für die eigene Gesundheit und damit auch für ein gesundheitskompetentes Verhalten liegt zu allererst beim Individuum. Die Gesellschaft – seien dies öffentliche oder private Akteure – wiederum sollte dafür sorgen, dass die Bedingungen für das Entstehen von Gesundheitskompetenz möglichst günstig sind.  

Wo sehen Sie aus Sicht der Gesundheitspolitik Chancen für die Förderung der Gesundheitskompetenz, und welchen Herausforderungen blickt das BAG bei der Förderung der Gesundheitskompetenz entgegen?

Chancen sehe ich darin, dass das Konzept der Gesundheitskompetenz einen guten Ansatzpunkt bietet, um Menschen in Problemsituationen zu stärken und ihre gesundheitlichen Chancen zu verbessern. Nach wie vor sterben auch in der Schweiz beispielsweise ärmere Menschen früher als wohlhabende. Während ihres kürzeren Lebens haben sie ausserdem grössere gesundheitliche Probleme. Wenn die Bevölkerung zudem insgesamt über eine höhere Gesundheitskompetenz verfügt, kann dies auch die Gesundheitskosten dämpfen, weil gesundheitskompetente Menschen gesünder leben und im Krankheitsfall besser wissen, welche Leistungen ihnen rasch helfen. Wie erwähnt, spielen viele Lebensbereiche und Akteure eine Rolle beim Entstehen von Gesundheitskompetenz. Diese Breite ist für die politische Bearbeitung des Themas auch eine gewisse Herausforderung.  

Welche kurz-, mittel- und lang-fristigen Massnahmen sind im Rahmen Gesunhdeit2020 zur Förderung der Gesundheitskompetenz vorgesehen?

Das BAG führt bereits heute zu verschiedenen Themen wie Alkohol, Tabak oder übertragbare Krankheiten Präventionskampagnen durch, die sich an die Gesamtbevölkerung richten. Weiter unternehmen wir Anstrengungen, um Gesundheitsfachpersonen besser auf besondere Bedürfnisse von Teilen der Migrationsbevölkerung vorzubereiten – beispielsweise durch einen Telefon-dolmetschdienst oder mit einem internetbasierten Lehrgang. Das neue Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier, das zurzeit im Parlament beraten wird, soll unter anderem einen Rahmen für die bessere Verfügbarkeit der eigenen Gesundheitsinformationen schaffen und dadurch nicht zuletzt auch die Gesundheitskompetenz fördern. Und schliesslich möchten wir uns mithilfe einer breit angelegten Erhebung einen Überblick über die Gesundheitskompetenz der schweizerischen Bevölkerung verschaffen. Im Verlauf des Jahres 2016 wird das BAG aufgrund der Resultate dieser Erhebung entscheiden, welche weiteren Massnahmen zu treffen sind.  

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