08.01.2018 «Die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen ist leider ein weltweites Phänomen.»

5 Fragen an Thomas Ihde-Scholl. Menschen mit einer psychischen Erkrankung werden aufgrund ihrer Erkrankung oft stigmatisiert und stigmatisieren sich deswegen selbst. Zu oft erhalten sie bei einer körperlichen Erkrankung auch nicht die Hilfe, die sie benötigen würden – wegen der scheinbar vordringlichen psychischen Erkrankung. Deshalb leben die Betroffenen bis zu 25 Jahre weniger lang als gesunde Menschen. Thomas Ihde-Scholl, Chefarzt Psychiatrie der Spitäler fmi AG, Interlaken, und Präsident der Stiftung Pro Mente Sana, liefert uns Hintergründe und mögliche Lösungsansätze.

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Menschen mit psychischen Erkrankungen haben eine um 10 bis 25 Jahre geringere Lebenserwartung. Sterben sie an ihrer psychischen Erkrankung?

Psychische Belastungen können sehr schwerwiegend sein und leider gehen viele schwere psychische Belastungen mit einem erhöhten Suizidrisiko einher. Der Grund für die sehr stark erniedrigte Lebenserwartung ist aber nur zu einem kleinen Teil durch Suizide erklärbar. Wichtig scheinen andere Faktoren zu sein.

Gewisse psychische Belastungen gehen direkt mit körperlichen Erkrankungen einher. Ein typisches Beispiel ist die Anorexie, welche zu einem Herzmuskelschwund und damit zum Tode führen kann. Auch die langfristige Einnahme gewisser Psychopharmaka kann direkt zu körperlichen Erkrankungen führen. So kann die Einnahme gewisser Antipsychotika zu starkem Übergewicht oder auch zu Stoffwechselstörungen wie Diabetes führen. Es gibt aber auch psychische Belastungen, die überdurchschnittlich häufig zusammen mit gewissen körperlichen Erkrankungen auftreten, ohne dass man weiss, weshalb: Menschen mit einem Schlafapnoe-Syndrom etwa leiden überdurchschnittlich häufig auch an einer Depression.

«Gewisse psychische Belastungen gehen direkt mit körperlichen Erkrankungen einher.»

Viele Menschen sind durch eine psychische Erkrankung hoch belastet, energielos oder kämpfen um das unmittelbare Überleben. Eine längerfristig orientierte Gesundheitsprophylaxe hat dann keinen sehr hohen Stellenwert mehr. Wenn sie aufgrund einer schweren Zwangsstörung pro Tag 300-mal die Hände waschen müssen, reicht die Energie für eine Wanderung am Wochenende nicht mehr.

Dann führen gewisse ungesunde Verhalten zu einer Art Selbstmedikation. Menschen mit einer Schizophrenie sind überdurchschnittlich häufig Raucher. Der Nikotinkonsum hilft ihrer Konzentrationsfähigkeit und reduziert Nebenwirkungen der Medikation auf eine Art, die spezifi sch für ihre Erkrankung ist. Deshalb ist es für sie so schwierig, den Nikotinkonsum zu reduzieren und aufzuhören.

«Menschen mit einer Schizophrenie sind überdurchschnittlich häufig Raucher.»

Aus meiner Sicht ein wichtiger Faktor ist auch, dass psychische Belastungen in der heutigen Zeit einen Hauptrisikofaktor für Verarmung darstellen. Gesundheitsvorsorge kostet Geld: Bioprodukte, Sport und soziale Teilhabe sind schwierig finanzierbar, wenn sie Sozialhilfeempfänger sind.

Schliesslich gibt es einen weiteren – für mich fast den wichtigsten – Punkt: Psychische Erkrankungen sind immer noch stark stigmatisiert und Betroffene stigmatisieren sich selbst. Sie schämen sich, leiden unter Schuldgefühlen oder haben das Gefühl, versagt zu haben. Anhaltende Scham- und Schuldgefühle setzen ständig negative Stresshormone frei. Dies ist längerfristig weder für die Psyche noch für den Körper gesund. Und: Stigma erschwert den Kontakt zum Gesundheitswesen.

Was können die Betroffenen selber beitragen, damit sie nicht auch noch unter körperlichen Beschwerden leiden müssen?

Betroffene brauchen eine gute und auf sie zielgerichtete Unterstützung. Gängige Empfehlungen zur Gewichtsabnahme funktionieren bei Menschen schlecht, welche aufgrund einer antidepressiven Therapie 30 Kilogramm an Gewicht zugenommen haben. Oft erhalten Betroffene dazu mehr Informationen über Betroffenen-Foren als von den Fachpersonen selbst. Das könnte ein sehr guter Ansatz für Selbsthilfe sein. In der Schweiz haben wir mittlerweile eine beträchtliche Anzahl an Peers, also Betroffenen, die selbst eine Erkrankungs- und Gesundungserfahrung besitzen und gelernt haben, diese Erfahrung anderen weiterzugeben. Gerade im Bereich der Prävention von körperlichen Begleiterkrankungen könnten sie sehr hilfreich sein. Gefordert ist aber hauptsächlich das Gesundheitswesen.

«Es braucht einerseits eine Stärkung der Hausärztemedizin mit psychiatrischer Grundausbildung, andererseits muss sichergestellt werden, dass körperliche Leiden in der Psychiatrie adäquat behandelt werden.»

Gibt es bei der Betreuung und Behandlung psychisch belasteter oder psychisch kranker Menschen systembedingte Probleme in der Gesundheitsversorgung? Was müsste sich dort ändern?

Eine zentrale Rolle in diesem Bereich kommt den Hausärzten zu. Rund 35 Prozent aller Patientinnen und Patienten in hausärztlicher Behandlung weisen eine psychische Belastung auf. Doch viele Hausärztinnen und Hausärzte besitzen keine Ausbildung in Psychiatrie. Gleichzeitig haben wir in der Psychiatrie neuerdings das Phänomen, dass klinische Psychologinnen und Psychologen einen Grossteil der Betreuung übernommen haben. Das ist an und für sich eine sehr gute Sache. Der Nachteil ist, dass sie keine medizinische Ausbildung mit sich bringen und sich deshalb der Wechselwirkung zwischen psychischer und körperlicher Erkrankung wenig bewusst sind. Deshalb braucht es einerseits eine Stärkung der Hausärztemedizin mit psychiatrischer Grundausbildung, andererseits muss sichergestellt werden, dass körperliche Leiden in der Psychiatrie adäquat behandelt werden.

Schliesslich muss das Thema Stigmatisierung im Gesundheitswesen proaktiv angegangen werden. Gerade Menschen mit schweren psychischen Belastungen, die sich wegen einer körperlichen Beschwerde auf der Notfallstation melden, werden körperlich nicht untersucht. Aus meiner Sicht eine klare Form von Diskrimination.

Betroffene berichten auch oft, dass sie Ärzten gegenüber nicht erwähnen, dass sie eine leichtgradige psychiatrische Erkrankung haben, weil sie sich bei körperlichen Beschwerden nicht ernst genommen fühlen und weniger abgeklärt wird. Die Symptome werden ganz einfach als «psychisch verursacht» erklärt.

Was gibt es bei der Prävention von NCDs bei psychisch Erkrankten spezifisch zu beachten? Ist die Gesundheitsversorgung ausreichend aufgestellt für diese Patientengruppe?

Wie bereits erwähnt, muss die Stigmatisierung oder direkter formuliert die Diskrimination von Menschen mit psychischen Belastungen sowohl im Gesundheitswesen als auch generell in unserer Gesellschaft angegangen werden. Zudem muss die Prävention spezifisch sein. Eine Anti-Tabak-Kampagne bei Menschen mit schweren psychischen Belastungen wäre sinnvoll. Peers könnten darin ihre eigenen Erfahrungen vorstellen, wie auch mit anderen Methoden die Konzentrationsfähigkeit verbessert und das fehlende Nikotin kompensiert werden kann.

Wie schätzen sie die Chancengleichheit dieser Patientengruppe in der medizinischen Versorgung ein?

Schlecht. Fairerweise muss man anfügen, dass sich die Problematik in anderen Ländern ähnlich darstellt. Stigmatisierung psychischer Erkrankungen ist leider ein weltweites Phänomen. Wenn man aber sieht, wie viel Grossbritannien in Antistigma-Kampagnen investiert und die psychische Grundversorgung bei den Hausärzten eine Selbstverständlichkeit ist, dann möchte man sich schon am liebsten einen kleinen Teil des Cornish Pie abschneiden.

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