08.05.2015 «Die Strategie Sucht bietet eine Riesenchance, um Kooperationen über den engen Suchthilfe-Bereich hinaus aufzubauen.»

Interview mit Astrid Wüthrich zur Nationalen Strategie Sucht. Suchtpolitik ist ein dynamisches Feld, das sich ständig neuen Herausforderungen stellen muss, etwa veränderten Verhaltensmustern und Konsumtrends. Im Rahmen von «Gesundheit2020» erarbeitet das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zusammen mit seinen Partnern die Nationale Strategie Sucht. Astrid Wüthrich, die zuständige Projektleiterin beim BAG, erläutert die Ziele und Hintergründe der Strategie.

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Sucht scheint über die letzten 20 Jahre vielfältiger geworden zu sein, man hört von Internetsucht, Kaufsucht, Social-Media-Sucht usw. Nimmt das Suchtproblem in unserer Gesellschaft zu?

Es ist schwierig zu beurteilen, ob das Phänomen wirklich zugenommen hat oder ob es einfach vielfältiger geworden ist. Vielfältiger ist es, weil neue Technologien wie die Online-Medien bislang nicht gekannte Risiken, beispielsweise in Bezug auf das Onlinespielen, mit sich bringen, dass im Bereich der illegalen Drogen eine Vielzahl neuer Substanzen aufkommt, und dass vieles, was früher zwischen 9 und 18.30 Uhr zu kaufen war, heute rund um die Uhr erhältlich ist.  

Warum braucht es überhaupt eine Nationale Strategie Sucht, wo drückt der Schuh?

Nehmen wir das Bild vom Schuh: Wir haben das Glück, dass er insgesamt sehr gut passt für das Problem, das wir angehen wollen. Das Schweizer Suchthilfesystem ist nämlich gut ausgebaut, vielfältig und qualitativ hochstehend. Die Strategie Sucht soll zum Einen helfen, dieses System zu sichern und gleichzeitig fit zu machen für neue Entwicklungen: Das heisst, wir müssen Antworten auf neue Suchtformen finden. In der Suchttherapie und in der Prävention gibt es zudem kaum noch Ansätze, die sich auf einzelne Substanzen konzentrieren. Heute geht man viel problemorientierter vor. Es wird beispielsweise darauf geschaut, ob Menschen mit Suchtproblemen noch Arbeit haben, ob sie ambulant behandelt werden können, ob sie andere, oft psychische Krankheiten haben. Darauf abgestützt wird dann entschieden, welches die beste Intervention ist, also die passende Betreuung und Behandlung, ob ein Ausstieg oder vielmehr ein kontrollierter Konsum angestrebt werden soll, usw.

Zum Anderen möchten wir mit der Strategie die Wichtigkeit der Kooperationen noch vermehrt und gezielt angehen. Das heisst zum Beispiel, dass wir die medizinisch orientierten und die psychosozial orientierten Leistungen noch besser aufeinander abstimmen möchten. Hier geht es um die Zusammenarbeit der Fachleute aus diesen zwei unterschiedlichen Bereichen, aber auch darum, wie die Leistungen bezahlt werden, da die Finanzierungsgrundlagen ja andere sind.

Und wir wollen die Kooperationen über den engen Suchthilfebereich hinaus sichern und ausbauen. Ich denke etwa an die Zusammenarbeit  zwischen Akteuren der öffentlichen Gesundheit und der öffentlichen Sicherheit. Es ist für abhängige Menschen im Gefängnis, in Konsumräumen für Drogenabhängige und für die Gesellschaft generell zentral, dass diese beiden Seiten zusammenspannen und ihre Aktivitäten aufeinander abstimmen. In meinen Augen ist die Strategie Sucht eine Riesenchance, um Kooperationen über den engen Suchthilfe-Bereich hinaus aufzubauen. So kommen beispielsweise viele abhängige Menschen über die Justiz ins Hilfssystem, sie beziehen IV-, Arbeitslosen- oder Sozialhilfegelder, oder sie sind in Konflikt mit Akteuren der öffentlichen Ordnung. Die Strategie Sucht ist bewusst breit gefasst, damit neue fach- und substanzübergreifende Kooperationen und Synergien entstehen und eine nachhaltige Verbesserung der Gesundheit auch über andere Bereiche als nur den Gesundheitsbereich angestrebt werden kann.      

Die Strategie Sucht bezieht auch den risikoreichen Konsum mit ein. Werden damit Menschen, die sich mal einen Rausch antrinken oder Senioren, die täglich ihr «Gläschen in Ehren trinken», als  Süchtige abgestempelt?

Nein. Genuss soll und darf sein, die Suche nach dem Rausch gehört zu uns Menschen genauso wie Nüchternheit. Das Gläschen in Ehren hat darum Platz, wie ein Feierabend-Bier oder Wein bei einem Fest. Problematisch wird’s dann, wenn Personen durch ihren Konsum oder dessen Folgen sich selbst oder andere schädigen. Wir unterscheiden bewusst mehrere Formen von Risikokonsum und auch Risikoverhalten (s. Infobox). Situationsunangepasstes Verhalten wie etwa Autofahren unter Alkoholeinfluss, übermässiger Konsum psychoaktiver Substanzen während der Schwangerschaft oder das Spiel um Geld, obwohl man schon verschuldet ist, schaden nicht nur dem betroffenen Individuum, sondern auch anderen Menschen. Wenn jemand über eine längere Zeit viel Alkohol trinkt, andauernd Cannabis konsumiert oder nur noch bei Onlinegames Entspannung findet, kann das für die Gesundheit direkte negative Folgen haben, und es kann sich im Lauf der Zeit eine Sucht entwickeln. Dies zu verhindern, ist das Hauptziel der Strategie Sucht, und deshalb betonen wir auch die Wichtigkeit der Früherkennung von Menschen, die Gefahr laufen, abhängig zu werden.  

In welchen Bereichen will die Strategie Wirkung entfalten, welches sind ihre wichtigsten Ziele?

Die Strategie Sucht will in erster Linie negative Folgen für die Gesundheit des Einzelnen und für die Gesellschaft als Ganzes vermindern und, wo möglich, verhindern. Und zwar nicht dadurch, dass alles verboten wird, sondern dadurch, dass die Menschen lernen, mit potenziellen Risiken umzugehen und die Verantwortung gegenüber sich selber und anderen wahrzunehmen. Dass dies ein erfolgreicher Ansatz ist, beweist uns unser Alltag: Die grosse Mehrheit der Bevölkerung hat ihren Konsum und ihr Verhalten im Griff. 9 von 10 Menschen trinken beispielsweise Alkohol, die meisten tun dies massvoll. Immer weniger Menschen rauchen, und mittlerweile zeigt sich, dass viele Menschen Erfahrungen mit Cannabis gemacht haben, ohne gravierende Probleme entwickelt zu haben. Aber nicht allen Menschen fällt dies leicht. Manche haben aufgrund ihrer Veranlagung oder Lebensumstände ein erhöhtes Risiko; und genau dort gilt es, frühzeitig zu unterstützen, bevor die Probleme entstehen. Die Strategie Sucht will deshalb in erster Linie die Menschen und ihre Ressourcen stärken, sie will aber auch Unterstützung mit entsprechenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der Umsetzung bestehender gesetzlicher Rahmenbedingungen bieten. Und sie will ein Suchthilfesystem garantieren, das auf Solidarität beruht, das effizient ist und von hoher Qualität.    

Mit dem Viersäulenmodell hat die Schweiz eine bewährte und auch international viel beachtete Drogenpolitik entwickelt. Was passiert mit diesem Modell, das von der Eidgenössischen Kommission für Drogenfragen erweitert wurde um die Dimension der Konsummuster zum sogenannten «Würfelmodell»?

Die Strategie Sucht orientiert sich sehr stark an diesem Modell. Die vier Säulen entsprechen den vier zentralen Handlungsfeldern der künftigen Strategie. Ich finde das Würfelmodell zudem schlicht genial, weil es aufzeigt, dass niemand das Phänomen Sucht allein lösen kann. Vielmehr braucht es Beiträge aus allen vier Säulen, und die Verantwortlichen müssen zusammenspielen. Weil Sucht ein so komplexes Thema ist, braucht es auch den Pragmatismus, der sich in diesem Modell ausdrückt. Damit meine ich: alle involvierten Akteure müssen ihren Auftrag so auslegen, dass er die Zusammenarbeit mit anderen ermöglicht. Wenn wir also zum Beispiel die Zusammenarbeit zwischen der Suchthilfe und der Polizei fördern, entspricht dies genau der Umsetzung dieser Idee.    

Auch diese Strategie kann nur mit der Unterstützung vielfältiger Akteure umgesetzt werden. Welche Partner werden zum Mitmachen eingeladen?

Alle, die die Ziele und die Haltung der Strategie Sucht mittragen und schon heute oder zukünftig einen Beitrag leisten möchten. Natürlich können wir seitens des BAG nicht mit 200 Partnern einzeln Massnahmen entwickeln und umsetzen. Deshalb soll die Strategie Sucht einen übergreifenden Orientierungs- und Handlungsrahmen darstellen, der es dem Bund, den Kantonen und weiteren Akteuren ermöglicht, partnerschaftlich Lösungen mit einem Blick aufs Ganze zu entwickeln und aufeinander abgestimmt umzusetzen. Aus dieser Grundhaltung haben wir die Strategie Sucht auch mit verschiedenen Abteilungen im BAG erarbeitet, und wir haben ein Expertengremium gebildet, in dem die wichtigsten suchtpolitischen Akteure und unsere heutigen Umsetzungspartner vertreten sind. Die Idee der Partizipation widerspiegelt sich auch in der öffentlichen Anhörung, die wir zwischen Mai und Juni durchführen. Es ist uns sehr wichtig, dass die Strategie Sucht nicht nur die Strategie des BAG, sondern die unserer bisherigen Partner und – so hoffen wir – auch noch weiterer Akteure ist.    

Wo bestehen Verbindungen zu anderen Strategien des Bundes, etwa im Bereich Psychische Gesundheit und zur Strategie zur Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten (NCD)?

Die NCD-Strategie weist insbesondere bezüglich Prävention und die Gesundheitsförderung wichtige Schnittstellen zur Strategie Sucht auf. Die beiden Strategien sollen sich auch ergänzen: Während NCD den Fokus auf der Primärprävention hat, setzt Sucht Schwerpunkte in der Früherkennung und in der Versorgung. Sucht und psychische Gesundheit hängen ebenfalls eng zusammen. Sucht ist auch eine psychiatrische Diagnose, und die Psychiatrie spielt in der Versorgung von Menschen mit einer Abhängigkeit eine wichtige Rolle. Oder umgekehrt gesagt: viele Menschen, die psychiatrisch behandelt werden, haben Suchtprobleme in unterschiedlicher Ausprägung. Diese Schnittstellen sollen insbesondere in der Umsetzung der Strategie Sucht bearbeitet werden. Auf strategischer Ebene treffen wir uns in allen drei Bereichen mit dem Ziel, die Gesundheit der Menschen zu schützen und ihnen im Krankheitsfall die notwendige Behandlung zukommen zu lassen.  

Stufenweise von risikoarmem Konsum(verhalten) zur Abhängigkeit

Risikoarmes Verhalten umschreibt den verbreiteten Umgang mit psychoaktiven Substanzen oder Verhaltensweisen, welches nicht schädlich ist für die Gesundheit und für das Umfeld und gesellschaftlich toleriert.

Risikoverhalten umschreibt den Substanzkonsum oder ein Verhalten, die zu körperlichen, psychischen oder sozialen Problemen für die einzelne Person oder das Umfeld führen können. Es werden drei Verhaltensmuster mit Schadenpotenzial unterschieden:

•       Das exzessive Verhalten meint übermässiges, häufig episodisches Wiederholen einer potenziell schädlichen Tätigkeit oder das Konsumieren grosser Mengen psychoaktiver Substanzen innerhalb einer kurzen Zeitperiode (z. B. Rauschtrinken oder exzessives Glücksspielen).

•       Als chronisches Verhalten wird ein regelmässig auftretender, inadäquater Konsum oder ein sich regelmässig wiederholendes Verhalten bezeichnet. Über einen längeren Zeitraum betrieben verursacht dies «kumulativ» Schäden (z.B. die dauerhafte Einnahme von (nicht verschriebenen) Medikamenten oder chronisch erhöhter Alkoholkonsum).

•       Situationsunangepasstem Verhalten bezeichnet den Konsum von psychoaktiven Substanzen in Situationen, in denen man sich oder andere schädigen kann (beispielsweise Fahren in angetrunkenem Zustand, den Fötus schädigender Konsum psychoaktiver Substanzen während der Schwangerschaft oder Geldspiel trotz bestehender Verschuldung).

Abhängigkeit hat Auswirkungen auf Körper und Seele der Menschen, ihr soziales Umfeld und ihre soziale Integration. Sie entsteht aus individuellen Veranlagungen, aber auch durch Umweltbedingungen (persönliches Umfeld, berufliche und finanzielle Situation, kultureller Umgang mit Substanzen, Erhältlichkeit etc.). Sie ist ein bei Menschen aller Altersklassen und unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund beobachtetes Phänomen, das sich auszeichnet durch unkontrollierbare Verhaltensweisen, welche auch dann weitergeführt werden, wenn schwerwiegende negative gesundheitliche und soziale Folgen entstehen.

Die Neurowissenschaften beschreiben Abhängigkeit als einen Prozess, bei dem biologische, psychische und soziale Faktoren zusammenwirken und bei dem sich das Gehirn dem Konsumverhalten biologisch anpasst. Medizinisch gesehen ist Abhängigkeit eine Krankheit. Sie wird im Diagnosemanual der Weltgesundheitsorganisation WHO (ICD-10) beschrieben, an dem sich die Fachwelt in Europa orientiert. Der ICD-10 formuliert folgende typischen Symptome für eine Abhängigkeit: zwanghafter Drang zum Konsum, verminderte oder fehlende Kontrollfähigkeit des Konsums, Entzugssymptome, Toleranzbildung (um die angestrebte Wirkung zu erreichen, braucht es immer mehr von einer bestimmten Substanz), Vernachlässigung anderer Interessen und Weiterführen des Konsums trotz bekannter schädlicher Folgen.      

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Kontakt

Astrid Wüthrich, Abteilung Nationale Präventionsprogramme, astrid.wuethrich@bag.admin.ch

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