16.02.2015 «Die Wirksamkeit von Antibiotika langfristig sichern»

Fünf Fragen an Karin Wäfler. Die Entdeckung von Antibiotika war ein Meilenstein in der Medizingeschichte. Heute werden immer mehr Bakterien resistent und die Medikamente wirkungslos. Wie geht die Schweiz dagegen vor? Wir fragten Karin Wäfler, die Projektleiterin der Nationalen Strategie gegen Antibiotikaresistenzen (StAR) im Bundesamt für Gesundheit.

Bildstrecke «Die Wirksamkeit von Antibiotika langfristig sichern»

TODO CHRISTIAN

Warum braucht es eine Nationale Strategie Antibiotikaresis­tenzen und warum kommt diese Strategie jetzt?

Viele Antibiotika verlieren nach und nach ihre Wirkung, weil Bakterien dagegen resistent werden. Das ist ein gros­ses Problem, da manche Krankheiten ohne wirksame Antibiotika nicht mehr bekämpft werden können. Die Entstehung von Antibiotikaresistenzen ist komplex und deren Bekämpfung nicht isoliert zu bewältigen. Es sind viele verschiedene Akteure tangiert, aber auch unterschiedlichste Bereiche (Humanbereich, Umwelt und Landwirtschaft) und mehrere gesetzliche Grundlagen. Dies verlangt nach einer koordinierten, natio­nalen Strategie.
In der Schweiz entstand durch das Natio­nale Forschungsprogramm (NFP) 49 zwischen 2001 und 2006 erstmals eine Lagedarstellung zur Antibiotikaresistenz. Aus dem NFP 49 ist unter anderem das Schweizerische Zentrum für Antibiotikaresistenzen (anresis.ch) hervorgegangen, das die Resistenzlage und den Antibiotikaverbrauch im Humanbereich punktuell erfasst. Trotz dieser erfolgreichen Anstrengungen bleiben Lücken, beispielsweise in der Überwachung der Resistenzlage. Bisher hat eine übergreifende Gesamtstrategie gefehlt, welche die Wirksamkeit der Antibiotika langfristig sichert.

Was nützt eine Schweizer Strategie? Das Problem der Antibiotikaresistenzen besteht doch weltweit.

Erfahrungen aus anderen nationalen Strategien werden in der Schweiz bereits heute kontinuierlich evaluiert und aufgenommen. Mit der Umsetzung der neuen Strategie werden die Zusammenarbeit und der internationale Austausch zu Forschungsfragen gefestigt und weiter verstärkt. Die Schweiz engagiert sich in verschiedenen Arbeitsgruppen der World Organisation for Animal Health (OIE), der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der UN Food and Agriculture Organization (FAO), der European Food Safety Authority (EFSA) und der EU-Kommission und unterstützt den 2014 lancierten Global Action Plan gegen Antibiotikaresistenzen der WHO. Der regelmässige Austausch über die Ländergrenzen hilft, von den Erfahrungen anderer Länder zu profitieren und ein gemeinsames Vorgehen zu entwickeln.

Wie wirken Antibiotika und wer ist verantwortlich für die zunehmenden Antibiotikaresistenzen?

Antibiotika sind Medikamente, die Bakterien abtöten oder deren Wachstum hemmen. Mit ihnen können bakterielle Infektionen behandelt werden, zum Beispiel gewisse Lungenentzündungen oder Blutvergiftungen. Entdeckt wurde die Wirkung von Antibiotika 1928 durch Alexander Fleming. Mit dessen Penicillin erhielt die Medizin erstmals ein wirksames Mittel zur Behandlung von Infektionskrankheiten.
Die Entstehung von Antibiotikaresistenzen wird unter anderem durch den übermässigen und unsachgemässen Einsatz von Antibiotika gefördert. Dies passiert heute sowohl im Human- als auch im Veterinär- und im Landwirtschaftsbereich.

Warum sind Antibiotikaresistenzen ein Problem?

Infektionen, die durch resistente Bakterien entstehen, sind schwierig oder in seltenen Fällen gar nicht zu behandeln. Sie führen zu erhöhter Sterblichkeit, verlängerter Behandlungsdauer und höheren Behandlungskosten. Antibiotika, welche normalerweise zur Behandlung eingesetzt werden, sind nicht mehr wirksam, so dass es andere Präparate braucht, sogenannte Reserveantibiotika. Nach Schätzung der EU-Behörden von 2009 sterben in den EU-Ländern jährlich rund 25 000 Menschen durch eine Infektion mit (multi-)resistenten Bakterien; für die Schweiz gibt es keine genauen Zahlen.

Wie hoch ist der Antibiotika­einsatz in der Schweiz?

In der Humanmedizin zeigen die bisherigen Analysen einen relativ geringen Pro-Kopf-Verbrauch im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Die Verkäufe von Veterinärantibiotika liegen in der Schweiz im Durchschnitt einiger ausgewerteter europäischer Länder. Obwohl der Gesamtvertrieb mengenmäs­sig zwischen 2008 und 2013 um 14% abgenommen hat, steigt der Einsatz moderner Antibiotika in der Tiermedizin an. Problematisch daran ist, dass diese modernen Antibiotika in der Humanmedizin als sogenannte Reserveantibiotika gelten und dort vor allem dann eingesetzt werden, wenn herkömmliche Wirkstoffe nicht wirken oder sich Resistenzen gebildet haben.

Nach oben