02.05.2019 «Man wird im Alter vielleicht ein Stück weit konservativer»

Interview mit Urs Mataré. Im Jahr 2019 beleuchtet die Abteilung Prävention nichtübertragbarer Krankheiten Fragen rund um das Thema «gesund altern». spectra-online lässt mehrere Personen zu Wort kommen, die mit uns ein Stück ihres Lebens und ihre Eindrücke zum Thema teilen.

Urs Mataré, 68 Jahre

Bildstrecke «Man wird im Alter vielleicht ein Stück weit konservativer»

TODO CHRISTIAN

Urs Mataré, 68 Jahre

Was ist Ihnen wichtig im Leben?

Ich wäre theoretisch schon seit bald drei Jahren pensioniert und habe immer noch Lust weiterzuarbeiten. Ich fühle mich gut dabei und bin mir eigentlich auch bewusst, was die Probleme sein könnten, wenn ich aufhören würde. Ich würde die gewohnte Tagesstruktur verlieren, das Umfeld mit den Leuten, die ich jeden Tag sehe, mit denen ich arbeite. Sicher habe ich auch Bedenken vor dem Bedeutungsverlust.

Handkehrum bin ich mir bewusst, dass die Kräfte nicht mehr gleich sind wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Und deswegen werde ich schrittweise reduzieren. Aber so, dass ich das Gefühl habe, dass es stimmt. Ich plane einen sanften Übergang. Ich habe reduziert auf 100 Prozent. Vorher habe ich wahrscheinlich 140 Prozent gearbeitet und habe bemerkt, dass das nicht mehr geht und dass ich das nicht mehr möchte. Ich würde gerne auf 80 oder 70 Prozent runter. Aber es ist nicht ganz so einfach, wie es aussieht, denn ich bin selbständig erwerbend und arbeite mit Mandaten.

Auch meine Frau arbeitet noch. Wir haben das Gefühl, wir haben noch immer eine gute Rolle dort, wo wir dran sind. Und dort, wo wir nicht so eine gute Rolle haben, überlegen wir uns, ob wir Platz machen müssen. Das ist auch wichtig, dass man erkennt, wann man loslassen muss.

Stehen ältere Menschen anders im Berufsleben als Junge?

Man wird im Alter vielleicht etwas wertbetonter, vielleicht auch ein Stück weit konservativer, obwohl ich mich nie als konservativ verstanden habe. Man sollte die Dinge nicht formalistisch und technokratisch beurteilen, sondern nach Inhalten.

Vor etwa 15 Jahren habe ich eine Weiterbildung gemacht als Mediator. Das kann man sehr gut machen, wenn man älter ist, weil man als glaubwürdiger angeschaut wird. Die Lebenserfahrung nützt einem, man kann die Sachen besser vernetzen. Wenn Menschen mit ihren Konflikten Rat suchen kommen, steht man nicht wie ein Anfänger vor ihnen.

Geht es Ihnen gut?

Ich habe das Gefühl, ich bin mit meinen bald 68 Jahren noch ziemlich gut «zwäg». Klar tut einem immer etwas weh. Dass ich immer mit Befriedigung gearbeitet habe, trägt sehr viel dazu bei, dass ich gesund geblieben bin. Natürlich darf man nicht übertreiben, aber viel zu arbeiten ist nicht schädlich, wenn es nicht an die Substanz geht.

Wie achten Sie auf Ihre Gesundheit?

Wir ernähren uns gesund, wir können uns das leisten. Das ist sicher auch eine ökonomische Frage. Wir essen Bio und nicht zu viel Fleisch, und wenn Fleisch, dann Bio-Fleisch. Ich esse zudem nur während 8 Stunden pro Tag. Man nennt das Intervall-Fasten. Wenn man achtsam ist, und schaut, was man isst, ohne rigide zu werden, dann kann man sehr viel machen, um gesund alt zu werden.

Ich mache regelmässig zweimal wöchentlich Fitnesstraining und anschliessend Sauna, und ich nehme wöchentlich an einem Feldenkrais-Gruppentraining teil, was mir sehr dabei hilft, meine Beweglichkeit zu erhalten.

Der Umgang mit gesundheitlichen Fragen wird im Alter bewusster. Gesundheit ist ein Leben lang ein Thema, aber es wird wichtiger, wenn man älter wird, denn man spürt die Folgen unmittelbarer. Man geht sorgsamer um mit den eigenen Ressourcen und vielleicht auch mit den Ressourcen den anderen.

Was tun Sie in der Freizeit?

Ich bin sehr gerne am Meer, zum Baden und Wandern. Ich verbringe Zeit mit den Grosskindern, das macht mir Freude, auch Skifahren. Wir gehen oft in dieselbe Ferienwohnung, dort bin ich handwerklich tätig und flicke, was kaputtgeht.
Ich gehe auch gerne an schöne Orte. Aber ich habe immer mehr Skrupel zu reisen, einfach wegen dem ökologischen Fussabdruck. Denn ich merke, es ist eben doch jeder, der dazu beiträgt, es sind nicht einfach die anderen. Deswegen werden wir etwas bescheidener in der Reichweite.

Können Sie Ihre Zeit frei einteilen?

Ja, diese Freiheit habe ich mir auch früher schon rausgenommen. Manchmal ging ich einfach weg. Man muss vorher und nachher zwar mehr arbeiten, aber man kann sich diese Freiräume schaffen. Das ist sehr wichtig für das Selbstwertgefühl und für die Autonomie. Ich kann es mir, offen gestanden, nicht vorstellen, angestellt zu sein. 

Wie alt fühlen Sie sich?

Das hängt von der Tagesform ab. Es ist nicht jeden Tag gleich. Manchmal sehe ich alt aus und fühle mich auch so (lacht). Man schaut ja von den Augen aus auf die Welt, und ich habe manchmal das Gefühl, ich schaue immer noch gleich wie vor langer Zeit. Also eine gewisse Jugendlichkeit konnte ich mir erhalten. Das hat sicher auch damit zu tun, dass ich im Leben immer gut weggekommen bin, es ist mir nicht viel Ungerechtigkeit passiert. Das ist auch eine gewisse Privilegierung, die man hat. Man muss sich bewusst sein, dass man dies nicht nur selber «verdient» hat, es fällt einem zum Teil auch zu. Ein Wort ist mir hier sehr wichtig, dass man eine gewisse Demut hat.

Was wird anders im Alter?

Der Gedanke daran, alt zu werden und wie das geschehen könnte, das beschäftigt mich schon und zwar viel mehr als früher. Ich möchte nicht alt und hilflos werden.
Das eine ist der schleichende Prozess des Älterwerdens, das andere ist ein Ereignis wie beispielsweise ein Hirnschlag, wenn jemand plötzlich viele seiner Möglichkeiten verliert. Damit kann man sich nur theoretisch auseinandersetzen. Am meisten Bedenken habe ich vor einem schleichenden Prozess, wo man die geistigen Fähigkeiten verliert. Das ist für mich das Bedrohlichste. Meine geistigen Fähigkeiten garantieren mir Autonomie. Denn ich würde niemandem zur Last fallen wollen.

Vor welche Herausforderungen stellt einem das Alter?

Das Ungewisse, was auf einen zukommt, worüber man sich bisher noch keine Gedanken gemacht hat. Das kann materiell sein, der Gedanke, sich eines Tages einschränken zu müssen. Es macht mir nicht wirklich Angst, aber ich weiss, es wird noch kommen.

Und viel wichtiger: Ich habe eine super Partnerin, wir können sehr viel miteinander diskutieren. Aber da ist halt das Ungewisse, was passiert, wenn der eine oder andere wegfällt. Aber auch hier: das kann man nicht planen. Man muss immer mal wieder darüber reden. Das ist wichtig, damit man vorbereitet ist.

Woraus schöpfen Sie Energie?

Aus der Beziehung. Achtsamkeit in der Beziehung, im Umgang mit dem Gegenüber, ganz direkt in der Zweierbeziehung, aber auch im Umgang mit anderen Menschen. Man muss sorgfältig sein, Rücksicht nehmen, nicht im Sinne von Verzicht, sondern im Sinne von proaktiv gestalten. 

Kontakt

Simone BuchmannAbteilung Prävention
nichtübertragbarer Krankheiten

Nach oben