01.09.2013 «Mitarbeiterfitness» ist auch ein Wirtschaftsfaktor

Bewegung am Arbeitsplatz. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verbringen durchschnittlich 60% ihrer Tageszeit am Arbeitsplatz, viele davon in sitzenden Tätig­keiten. Das Resultat: Über 50% der arbeitenden Bevölkerung haben zu wenig Bewegung – die Leistungsfähigkeit sinkt, die Krankheitsanfälligkeit steigt. Mit Bewegungsprogrammen können Unternehmen diesem Trend gegensteuern.

Bildstrecke «Mitarbeiterfitness» ist auch ein Wirtschaftsfaktor

TODO CHRISTIAN

Der menschliche Körper ist für physische Aktivität gebaut. Doch in den heutigen Dienstleistungsgesellschaften der hoch entwickelten Länder gibt es zunehmend mehr Bürotätigkeiten. Selten kommt es dabei zur körperlichen Aktivität, oft schleichen sich Fehlhaltungen ein. Doch auch körperlich arbeitende Menschen tragen oft Schäden von ihrer Arbeit davon. Arbeiten mit schweren Lasten geht oft einher mit Beschwerden am Bewegungsapparat, vor allem im Rücken. Die Stärkung und Entspannung des Körpers ist in allen Branchen wichtig und kommt nicht nur den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, sondern vor allem auch den Unternehmen zu Gute: Aktive und fitte Mitarbeitende sind resistenter gegen Hektik und Stress, sie sind belastbarer und sie haben weniger Beschwerden und Absenzen. Regelmäs­sige Bewegung in den Arbeitsalltag zu integrieren, ist also wichtig für die physische und psychische Gesundheit der Menschen – aber auch für die Wirtschaft.

Gesunde Mitarbeitende = mehr Gewinn
Häufig beschränkt sich betriebliche Gesundheitsförderung auf Einzelmass­nahmen wie etwa ein gesundes Essensan­gebot in den Kantinen oder Rauchstopanreize. Heute sind aber umfassendere Programme gefragt, die auch Bewegung beinhalten. Studien zeigen, dass solche «Multikomponentenprogramme» die Gesundheit signifikant verbessern, dass die Fehlzeiten abnehmen und letztlich ein wirtschaftlicher Gewinn erzielt wird. Der Unternehmensberatungskonzern Boston Consulting Group schätzt, dass ein europäisches Unternehmen mit einem  einfachen betrieblichen Gesundheitsförderungsprogamm pro Jahr und Mitarbeitenden bis zu 400 US-Dollar Gesundheitskosten einsparen respektive durch gesteigerte Produktivität gewinnen könnte.

Sport und Bewegung tun dem Körper in weitaus grösserem Mass gut als bisher angenommen. Wer sich viel bewegt, legt nicht nur Muskeln zu, sondern setzt auch heilende und schützende Signalstoffe frei. Knochen, Gelenke und Organe werden gekräftigt und Abwehrkraft, Gedächtniskapazität und Lernvermögen nehmen zu. Bewegung, kombiniert mit einer ausgewogenen Ernährung, ist eine optimale Voraussetzung für die Bekämpfung der häufigsten nichtübertragbaren Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder Diabetes. Adipöse Personen haben ein doppelt so hohes Risiko wie Normalgewichtige, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben. Fast 90% der Diabetes-Mellitus-Fälle Typ II sind auf Übergewicht oder Adipositas zurückzuführen.

Auf vier Ebenen ansetzen
Doch was macht ein betriebliches Bewegungsprogramm erfolgreich? Was erhöht seine Akzeptanz und Inanspruchnahme unter den Mitarbeitenden? Gemäss Studien sollten Interventionen auf vier Ebenen stattfinden:
– Individuelle Ebene: z.B. Einzelberatungen zu Bewegung und Gewichtskontrolle, Gebrauch von Schrittzählern zur Kontrolle der körperlichen Aktivität usw.
– Interindividuelle Ebene: z.B. kurze Bewegungspausen, Walking- oder andere Sportgruppen mit sozialer Unterstützung und Interaktion, Gesundheitstage mit Gesundheitschecks usw.
– Organisatorische Ebene: z.B. Gesundheitsfragebögen für die gesamte Belegschaft mit Folgeberatung, Anreizsysteme zur Bewegungsförderung der Mitarbeitenden und ihrer Familien, Fitnesscentervergünstigungen, Erlaubnis zum Sporttreiben während der Arbeitszeit, Aufwertung der Bewegungsumgebung, z.B. Verschönerung der Treppenhäuser, usw.
– Umwelt-Ebene: z.B. Bereitstellen von Duschen und Garderoben, sichere Fahrradständer, betriebsinterne Fitnessstudios, Steuerreduktion für Unternehmen mit einem ganzheitlichen Bewegungsförderungsprogramm usw.
Essenziell für den Erfolg ist, dass solche Programme von der obersten Führungsebene unterstützt und in die Unternehmensleitlinien integriert sind. Ausserdem sollten sie in ein umfassendes Gesundheitsmanagementprogramm integriert sein.

Projekte in der Schweiz
Die WHO hat schon 1986 in der Ottawa Charta zur Gesundheitsförderung den Arbeitsplatz als wichtigen Ort für die Prävention genannt. Auch Bundesrat Alain Berset hat in der Strategie «Gesundheit 2020» den Arbeitsplatz als Setting für Prävention explizit genannt. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat Anfang 2013 zusammen mit Gesundheitsförderung Schweiz und der Suva ein Kooperationsprojekt lanciert, um unter anderem die Bewegung am Arbeitsplatz zu fördern. Das Ziel ist, bestehendes Wissen sowie freie Ressourcen zu bündeln, um interessierte Unternehmungen darin zu unterstützen, geeignete Instrumente und Methoden zur Förderung der Gesundheit ihrer Mitarbeitenden am Arbeitsplatz zu konzipieren und umzusetzen. Vier Themen stehen hierbei im Fokus:
Das Pilotprojekt dazu ist bereits in Umsetzung: Nestlé hat an seinem Standort Orbe VD verschiedene Ansätze entwickelt, die das körperliche Wohlbefinden am Arbeitsplatz verbessern sowie muskuloskelettalen Erkrankungen vorbeugen sollen.
Auch ausserhalb dieses Pilotprojekts gibt es gute Beispiele zur Förderung der Bewegung am Arbeitsplatz. So hat sich GE Money Bank im Rahmen der Initiative actionsanté des BAG auf freiwilliger Basis dazu verpflichtet, ihre Angestellten zu ermutigen, für den Weg vom Wohnsitz zum Arbeitsplatz das Fahrrad zu verwenden. Anfang dieses Jahres hat die Schweizer Sektion der Europäischen Vereinigung für die Förderung der Gesundheit am Arbeitsplatz (A.E.P.S.) dem Pflegezentrum Mattenhof-Irchelpark in Zürich, der Genossenschaft Migros Waadt sowie der CSS Versicherung in Vaduz einen Grand Prix Suisse für die besten Initiativen im Bereich «Gesundheit im Unternehmen 2012» verliehen. Diese Unternehmen engagieren sich mit umfassenden Programmen systematisch für mehr körperliche Aktivität ihrer Mitarbeitenden.

Förderung eines gesunden Lebensstils

actionsanté ist eine Initiative des Bundesamts für Gesundheit (BAG), welche im Jahr 2009 im Rahmen des Nationalen Programms Ernährung und Bewegung lanciert wurde und bei der Privatunternehmen eine Schlüsselrolle spielen. Diese engagieren sich bei actionsanté mit freiwilligen Aktionen für die Förderung eines gesunden Lebensstils. Im Zentrum von sogenannten «Aktionsversprechen» stehen das Bereitstellen von gesünderen (z.B. salz- oder zuckerreduzierten) Lebensmitteln; die Reduzierung von Werbung zu kalorienreichen Produkten, insbesondere gegenüber vulnerablen Gruppen wie Kinder; eine verständliche Produktinformation für Konsumentinnen und Konsumenten zur Erleichterung einer ausgewogenen Ernährung sowie die Förderung eines bewegungsfreundlichen Umfelds. Um Partner von actionsanté zu werden, müssen die eingereichten Versprechen definierten Aufnahmekriterien genügen. Mit dem freiwilligen Engagement der Unternehmen soll die gesunde Wahl für alle möglichst einfach werden.

Links

Kontakt

 Alberto Marcacci,Leiter Sektion Ernährung und Bewegung, alberto.marcacci@bag.admin.ch

Nach oben