24.09.2018 «Prävention sollte den Einfluss der Gene verringern, indem sie richtig darauf reagiert»

Umdenken gefordert. Prof. Dr. David Lätsch hielt an der 2. Stakeholderkonferenz Sucht des BAG einen Vortrag zum Thema Sucht und Chancengleichheit. Er fordert die Präventionsfachleute dazu auf, sich von allgemeinen Empfehlungen zu verabschieden. Stattdessen sollen Massnahmen vermehrt die individuelle Ausgangslage berücksichtigen. Der Forschungsgegenstand von Prof. Lätsch sind Kinder und Jugendliche.

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TODO CHRISTIAN

Was verstehen Sie unter dem Begriff «selektive Prävention»?

Risikogruppen sollen dort adressiert werden, wo es noch nicht zu einer problematischen Entwicklung des Konsums gekommen ist. Das heisst, man sucht sich jene Jugendlichen heraus, von denen man annimmt, dass es in Zukunft mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit zu einer Suchtproblematik kommen wird. Mit ihnen arbeitet man dann auf eine Weise, die diese spezifische Gefährdung berücksichtigt.

Sie haben heute über genetische Ursachen der Sucht gesprochen. Welche Rolle spielen die Gene bei der Suchtprävention?

Bei den Umweltmerkmalen geht es darum zu fragen, welche Rolle es spielt, wie Jugendliche aufwachsen, wo sie aufwachsen oder welchen sozioökonomischen Status die Eltern haben. Bei den Anlagemerkmalen geht es darum, welche Gene die Jugendlichen in sich tragen und was das für ihre Anfälligkeit zur Sucht bedeutet. Die wichtigste Erkenntnis der letzten dreissig Jahre ist, dass wir beides berücksichtigen müssen, wenn wir Sucht gut erklären wollen. Es darf also nie darum gehen, Natur und Umwelt gegen einander auszuspielen.

Wie kann man diese Erkenntnisse in der Prävention einsetzen?

Wenn man mehr über Umwelt- und Anlagemerkmale sowie deren Wechselwirkung weiss, kann man die besonders Vulnerablen erkennen. Bei dem Ansatz, den ich vorgestellt habe, geht es aber nicht nur darum, dass man weiss, welche Jugendlichen ein erhöhtes Risiko haben. Man versucht mit der Art und Weise, wie man die Präventionsmassnahmen gestaltet, bereits auf die spezifischen Risiken Rücksicht zu nehmen und diese speziell zu adressieren.

Haben Sie ein Beispiel für diesen genetisch sensitiven, selektiven Präventionsansatz?

Es gibt das Projekt «Preventure», das in Kanada entwickelt wurde und nun auch in den Niederlanden ausprobiert wird. Man versucht, die Anlage der Jugendlichen über Persönlichkeitsmerkmale zu bestimmen. Dazu gehören erhöhte Impulsivität, eine grosse Risikobereitschaft oder eine grosse Ängstlichkeit in Bezug auf körperliche Beschwerden oder eine erhöhte Neigung zu depressiver Stimmung. Die präventive Arbeit wird danach spezifisch zugeschnitten auf den jeweiligen Risikotyp.

Hier kommt man jedoch erst über einen Umweg auf die Veranlagung.

Das stimmt, denn noch immer wissen wir nicht allzu viel darüber, welche Gene das Suchtrisiko beeinflussen. Das liegt zum einen sicher daran, dass es sich um sehr viele Gene handelt. Zum anderen hängt der Einfluss des einzelnen Gens vom Vorhandensein weiterer Gene und von Umweltmerkmalen ab. Dasselbe Gen hat also je nachdem, bei welchem Menschen es sich findet und unter welchen Umständen dieser Mensch lebt, eine andere Wirkung. Das erschwert die Suche erheblich.

Die Identifizierung von «Suchtgenen» birgt aber auch grosse Gefahren. Man könnte einen Menschen stigmatisieren, der vielleicht nie eine Sucht entwickelt hätte.

Tatsächlich stellt sich die Frage, ob wir wirklich über Sequenzanalysen erfahren wollen, welche Menschen welche genetische Disposition aufweisen. Es könnte sein, dass sich Menschen dann aufgeben und sich sagen: ‘Wenn ich dieses genetische Risiko habe, dann spielt es ja keine Rolle mehr, wie ich mich verhalte.’ Das wäre dann eine Art von «self-fulfilling prophecy». Man könnte auch diskriminiert werden, wenn es andere erfahren. Wir werden in der Zukunft vermutlich so etwas wie eine Volkserziehung über das Zusammenspiel von Genen und Umwelt brauchen, damit genau das nicht passiert. Das Thema müsste in den Schulen aufgegriffen werden.

Warum wollen Sie trotz dieser Bedenken mehr über Gene erfahren?

Ich denke, dass der Ansatz grosses Potenzial hat. Zielführend ist der genetische Ansatz schon heute beim Thema Komorbiditäten. Nehmen wir ADHS. ADHS tritt häufig gemeinsam mit Sucht auf. Das hat einerseits vermutlich damit zu tun, dass der Konsum suchterzeugender Substanzen für die Betroffenen eine Möglichkeit darstellt, mit ihren Symptomen umzugehen. Genetische Analysen belegen aber auch, dass dieselben Gene die Anfälligkeit sowohl für ADHS wie für Sucht erhöhen. Diese Zusammenhänge müssen wir genauer verstehen, um bei der Prävention am richtigen Ort anzusetzen. Sonst ist die Gefahr gross, dass wir gegen Scheinursachen kämpfen wie Don Quijote gegen die Windmühlen.

Es hängt also nicht alles von den Genen ab?

Die Entwicklung einer Sucht ist auch abhängig von der genetischen Disposition, aber selbstverständlich nicht nur. Das Ausmass, in dem eine Sucht von den Genen abhängt, nennt man in der Forschung die Heritabilität der Sucht. Das Interessante ist: Die Heritabilität hängt wesentlich von Umweltmerkmalen ab! Je nach Umwelt haben die Gene eine grössere oder eine kleinere Chance, Unterschiede zwischen Menschen zu erzeugen. Unser Ziel muss es sein, die Heritabilität zu senken, indem wir richtig auf die genetische Disposition reagieren.

Wie es scheint, gibt es eine Verkettung von beinahe unzähligen Einflussfaktoren. Kommt man bei dieser Komplexität überhaupt noch zum Ziel?

Ganz grundsätzlich geht es in der Prävention ja nicht darum, ein Phänomen komplett zu verhindern. Es geht darum, schrittweise voranzukommen, indem man immer besser versteht, wie die Mechanismen funktionieren, und indem man neue Dinge ausprobiert, die man auf ihren Erfolg hin überprüft. So kann man Risiken senken und die Massnahmen besser auf die einzelnen Personen zuschneiden. Auch, wenn man das Phänomen nicht komplett versteht.

Was empfehlen Sie als Forschender den Präventionsfachleuten im Feld?

Ich denke, man sollte keine allgemeinen Empfehlungen nach dem Giesskannenprinzip abgeben. Denn der Streuverlust ist gross, wenn man Menschen behandelt, die gegen ein spezifisches Risiko sehr gut geschützt sind. Umgekehrt wird man so denen, die tatsächlich gefährdet sind, nicht gerecht, weil sie eine viel gezieltere Form der Prävention benötigen würden.

Kontakt

Simone Buchmann, Verantwortliche Kommunikation Abteilung NCD,
simone.buchmann@bag.admin.ch

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