21.09.2015 «Rauchen ist der Hauptrisikofaktor für bösartige Lungentumore.»

Kurzinterview mit PD Dr. med. Macé Schuurmans, Oberarzt Klinik für Pneumologie, Universitätsspital Zürich und Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Tabakprävention (EKTP). Rund 85% der Lungenkrebs-Erkrankungen sind auf das Rauchen zurückzuführen – und nur 15% der Menschen mit bösartigem Lungenkrebs können geheilt werden. Wie betrachtet ein Arzt, der täglich mit Betroffenen konfrontiert ist, das Thema Rauchen? Beim Rauchen, sagt Dr. Macé Schuurmans, handelt es sich um eine Suchterkrankung, die ohne professionelle Hilfe sehr schwierig zu überwinden ist. Aufhörwillige, welche ohne fremde Hilfe aufhören, haben eine Wahrscheinlichkeit von ca. 5%, längerfristig rauchfrei zu bleiben, mit Beratung und Medikamenten liegt die Erfolgsrate bei 15 bis 33%. E-Zigaretten sind für den Lungenspezialisten Schuurmans eine trügerische Lösung und ihre gesundheitsschädigenden Auswirkungen sind noch kaum erforscht. Auch Cannabisrauchen belastet die Atemwege massiv: Ein Joint ist für die Lunge ungefähr so schädlich wie 8 Zigaretten.

PD Dr. med. Macé Schuurmans.

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TODO CHRISTIAN

PD Dr. med. Macé Schuurmans.

spectra: Laut jüngsten Erhebungen des Bundesamts für Statistik (BFS) sterben mehr als 3’000 Menschen jedes Jahr an Lungenkrebs und 85 Prozent der Fälle von Lungenkrebs sind auf das Rauchen zurückzuführen. Wie viele Patienten mit Lungenkrebs behandeln Sie in im Universitätsspital Zürich (USZ) und wie stehen die Heilungschancen?

Macé Schuurmans: Im letzten Jahr wurden 575 Lungenkrebs-Patienten für eine stationäre Behandlung im Universitätsspital Zürich aufgenommen. Dazu kommen zahlreiche Lungenkrebs-Patienten, die vorwiegend ambulant behandelt werden konnten. Ungefähr 15% der bösartigen Lungenkrebs-Fälle können geheilt werden, in der Regel durch chirurgische Entfernung des Tumors. Die anderen Lungenkrebs-Patienten werden behandelt mit Chemotherapie und/oder Bestrahlungstherapie – mit dem Ziel, ihr Leben zu verlängern und ihre Lebensqualität günstig zu beeinflussen.  

Der Krebs ist also sehr aggressiv, mehr als 4 von Erkrankten 5 sterben innerhalb von drei Jahren nach der Diagnose. Was bedeutet eine so fatale Diagnose für die Betroffenen und ihre Angehörigen, wie begleiten Sie (und Ihr Team) sie dabei?

Diese Diagnose ist für die Betroffenen meistens eine böse Überraschung. Trotz langjährigen Rauchens rechnen viele Raucherinnen und Raucher nicht mit einer Krebserkrankung. Für die Verarbeitung dieser dramatischen Diagnose ist es hilfreich, wenn wir den Betroffenen schon kurz nach der Diagnose einen guten Therapievorschlag machen können. Neben Zusatzuntersuchungen, um die Ausbreitung des Lungenkrebses zu ermitteln, ist auch die Besprechung mit anderen Spezialisten entscheidend für die Festlegung der besten Behandlungsstrategie – alle Tumorpatienten am USZ werden im Tumorboard interdisziplinär besprochen.  

Bei den Männern hat die Prävalenz für Lungenkrebs um 32 Prozent abgenommen – eine Folge der Tabakprävention?

Die Anzahl der aktiv Rauchenden hat in den letzten Jahren in der Schweiz stetig abgenommen, gerade bei den Männern. Da Rauchen der Hauptrisikofaktor für bösartige Lungentumore ist, ist die parallele Abnahme der Lungenkrebsdiagnosen bei Männern vermutlich ein positiver Effekt der Tabakpräventionsbemühungen der letzten Jahre.  

Die stärkste Zunahme (gemäss BFS um 47%) ist bei den Frauen zu verzeichnen. Sind das die Spätfolgen davon, dass vor schätzungsweise 30 Jahren das Rauchen auch für Frauen gesellschaftlich akzeptiert worden war und sich weit verbreitete?

Da die Krebsentstehung stark mit der Dauer des Rauchens zusammenhängt und oft viele Jahre verstreichen, bis ein Lungenkrebs entsteht, ist es plausibel, dass der vor 30 Jahren beginnende Anstieg des Rauchens bei Frauen die aktuelle Häufigkeit der Lungenkrebserkrankungen bei den Frauen beeinflusst. Es ist aber auch wichtig zu wissen, dass Frauen bei ähnlicher Exposition mit Tabakrauch ein höheres Risiko tragen an Lungenkrebs zu erkranken. Die genauen Gründe für diese höhere Empfindlichkeit sind noch  nicht im Detail geklärt.  

Sie erleben die fatalen Folgen des Rauchens jeden Tag. Sie sind auch als Rauchstoppexperte tätig. Wie setzen Sie Ihre Erfahrung als Lungenarzt in diesem Bereich ein?

Rauchen beeinflusst praktisch alle Organe und verursacht oder verschlechtert zahlreiche andere Erkrankungen: Lungenkrebs, chronisch obstruktive Pneumopathie (COPD/Emphysem) und koronare Herzkrankheit sind die bekanntesten. Als Lungenarzt und Internist kennt man die rauchassoziierten Krankheiten gut und kennt auch die günstigen Auswirkungen eines Rauchstopps. Rauchstoppspezialisten kennen zudem zahlreiche weitere Aspekte dieser Suchterkrankung und die Probleme, die im Zusammenhang mit dem Rauchstopp auftreten. Sie wissen aber auch, wie man diesen begegnet und damit die Aussicht auf einen Erfolg zu verbessern. Dazu gehört ein individualisierter Ansatz, denn mit dem Verschreiben eines Medikamentes alleine ist es nicht getan.  

Was tun Sie für Aufhörwillige?

Wenn immer möglich, unterstützen wir die Patientinnen und Patienten beim Rauchstopp. Aufhörwillige möchten meistens aus gesundheitlichen Gründen aufhören, es gibt dafür aber auch andere Gründe wie vorzeitige Hautalterung, Impotenz oder die finanziellen Folgen des Rauchens. Beim Rauchen handelt es sich bei der grossen Mehrheit um eine Suchterkrankung, welche einer professionellen Hilfe bedarf: Die wiederholte Beratung in Kombination mit meiner medikamentösen Unterstützung verspricht die besten Erfolgsraten.  

Was sind erfolgreiche Methoden, mit dem Rauchen aufzuhören?

Es gibt Raucherinnen und Raucher, welche es alleine schaffen, mit dem Rauchen aufzuhören. Viele schaffen es jedoch nicht auf eigene Faust, obwohl sie überzeugt sind, dass es eine reine Willenssache sei. Der Wille zum Rauchstopp reicht aber oft nicht aus, um die starke Nikotinabhängigkeit längerfristig  zu überwinden. Für diese Raucherinnen und Raucher ist eine wiederholte Beratung durch eine Fachperson und in der Regel auch eine medikamentöse Unterstützung erforderlich. Dafür  gibt es Nikotinpräparate in verschiedenen Darreichungsformen, aber auch nikotinfreie Medikamente, welche den Entzugsprozess erheblich erleichtern können. Die korrekte Anwendung dieser Präparate muss der Patientin oder dem Patienten erklärt werden, weil sonst aufgrund von Nebenwirkungen die Therapie beeinträchtigt ist und der Erfolg ausbleibt. Raucherinnen und Raucher, welche ohne fremde Hilfe aufhören, haben eine Wahrscheinlichkeit von ca. 5%, längerfristig rauchfrei zu bleiben, mit Beratung und Medikamenten liegt die Erfolgsrate bei 15 bis 33%, je nach gewählter Strategie.  

Heute wissen alle, dass Rauchen krank macht und tödliche Folgen haben kann. Warum denken Sie, fällt es den Raucherinnen und Rauchern so schwer, aufzuhören und warum fangen junge Menschen mit dem Rauchen an, obwohl sie wissen, wie schädlich es ist?

Es fällt ihnen schwer, weil sie eine Abhängigkeitserkrankung haben. Sie sind nikotinsüchtig und haben ein Ritual für die Aufnahme dieser Substanz meist über Jahre gepflegt. Das Rauchen ist mit einem Belohnungsgefühl verbunden, dieses Gefühl wird mit jeder Zigarette wiederhergestellt. Der Einstieg ins Rauchen geschieht bei jungen Menschen aus Neugier und Experimentierlust, doch schon wenig später dominiert der Drang, sich Nikotin regelmässig zuzuführen.   

Die Rauchverbote im ÖV, Restaurants und öffentlichen Gebäuden haben dazu geführt, dass einige Raucherinnen und Raucher auf die E-Zigaretten umgestellt haben. Wie schädlich sind diese für die Gesundheit?

Obwohl in der Schweiz momentan noch keine nikotinhaltigen E-Zigaretten oder Nachfülllösungen verkauft werden, konsumiert die grosse Mehrheit der E-Zigaretten-Anwender in der Schweiz trotzdem nikotinhaltige Produkte. Somit bleibt die Nikotin-Abhängigkeit bei E-Zigarettenkonsum bestehen, lediglich der Verbrennungsprozess und die damit verbundenen schädlichen Stoffe fallen weg. Da kein Verbrennungsprozess stattfindet, ist die kurzfristig messbare Toxizität deutlich geringer als bei der Tabakzigarette. Es kommt kurzfristig zu Irritationen der Atemwege, zu Kopfschmerzen und einer Blutdruckerhöhung. Da aber auch mit dem E-Zigarettendampf krebserregende Stoffe inhaliert werden –  wenn auch in geringerer Konzentration – , ist zu erwarten, dass auch diese Stoffe langfristige Auswirkungen haben. Welche das sind, wissen wir noch nicht, weil die entsprechenden Studien bzw. Langzeitbeobachtungen fehlen. Wir wissen noch nicht, ob eine vollständige Umstellung von Tabakzigaretten auf E-Zigaretten längerfristig die Krebshäufigkeit günstig beeinflusst. Zudem ist es wichtig zu wissen, dass viele E-Zigarettenkonsumierende nicht ganz auf die E-Zigaretten umsteigen, sondern sowohl Tabakzigaretten wie auch E-Zigaretten konsumieren. Sie schränken so zwar ihren Konsum der Tabakzigaretten ein und fühlen sich dabei oft viel besser. Wir wissen aber, dass schon der Konsum von 1 bis 4 Tabakzigaretten pro Tag eindeutig negative gesundheitliche Folgen hat und die Sterblichkeit erhöht ist durch das grössere Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken oder ein kardiovaskuläres Ereignis wie einen Herzinfarkt zu erleiden.  

Die meisten Cannabiskonsumierenden rauchen den Hanf, vermischt mit Tabak, in Form von Joints. Wie gefährlich ist das Kiffen für die Lunge?

Vom Schädlichkeitspotenzial auf die Lunge her entspricht ein Joint etwa 8 Zigaretten. Wir sehen deshalb Lungenschäden bei 30- bis 40-Jährigen, welche wir sonst nur bei 60- 80-Jährigen in diesem Ausmass sehen. Der Konsum von Cannabis ist auch eng mit dem Tabak verbunden, einerseits, weil im Joint auch Tabak vorhanden ist, andererseits, weil Cannabisraucher oft auch Tabakzigaretten konsumieren. Entsprechende gesundheitliche Auswirkungen sind dann zu erwarten.  

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