02.05.2019 «Wer alleine ist, braucht Struktur»

Interview mit Annelies Klingebiel. Im Jahr 2019 beleuchtet die Abteilung Prävention nichtübertragbarer Krankheiten Fragen rund um das Thema «gesund altern». spectra-online lässt mehrere Personen zu Wort kommen, die mit uns ein Stück ihres Lebens und ihre Eindrücke zum Thema teilen.

Annelies Klingebiel, 81 Jahre

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TODO CHRISTIAN

Annelies Klingebiel, 81 Jahre

Was ist Ihnen wichtig im Leben?

Annelies Klingebiel: Zufriedenheit, Fröhlichkeit und Ehrlichkeit.

Und wie holen Sie sich das?

Ich bin gerne unter Menschen. Darum arbeite ich auch noch. Seit 13 Jahren leiste ich als RailFair-Patin Freiwilligendienst am Bahnhof Bern. Wir tragen SBB-Uniform und helfen Reisenden weiter. Wir verteilen beispielsweise Stadtpläne, helfen beim Umsteigen oder melden auch mal einen Vorfall beim Sicherheitspersonal. Wir sind immer zu zweit unterwegs, aus Sicherheitsgründen. Mit wem ich zusammen Dienst habe, ist von Einsatz zu Einsatz unterschiedlich. Ich mag den Gedankenaustausch und die Gespräche mit meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen sehr. Die meisten unter ihnen sind auch im Rentenalter.

Wie oft arbeiten Sie?

Sieben Mal im Monat für drei Stunden, dazu kommt einmal monatlich ein «Höck». Daneben dürfen wir auch immer wieder an Weiterbildungen teilnehmen, gerade letzte Woche haben wir eine Sicherheitsausbildung in Winterthur besucht.

Wie alt fühlen Sie sich?

Das kann ich nicht sagen. Ich fühle mich gut, ich bewege mich oft. Einmal pro Woche gehe ich mit einer Gruppe walken, jede Woche gehe ich ins Turnen. Daneben gehe ich oft Spazieren.

Sie haben viel Programm…

Ja, das ist mir wichtig. Ich betreue auch MS-Patienten, einige habe ich über viele Jahre begleitet. Diese Patienten sind so dankbar, allein ihr Lächeln ist für mich ein Aufsteller.
Ich habe auch ein Generalabonnement. Das kann ich allen nur empfehlen, denn: Wenn man das hat, geht man raus. Eine Käseschnitte in Zermatt, ein «Reisli» mit Bekannten…
Auch abends bin ich oft unterwegs: Regelmässig besuche ich Buchbesprechungen, das MäntigApéro oder der «Bund im Gespräch». Solche Anlässe sind immer sehr spannend, da nehme ich immer etwas mit.

Woraus schöpfen Sie Energie?

Aus der Schönheit der Natur und aus guten Gesprächen. Aber auch aus einem guten Buch.

Was wird im Alter schwieriger?

Was ich vor allem merke: Man wird langsamer. Ich brauche für alles mehr Zeit als früher. Früher konnte ich noch auf den Bus springen, das ist natürlich nicht mehr möglich.
Und ich schaue bewusster aufs Essen als früher. Das Essen hat einen Einfluss darauf, wie ich mich fühle. Vor allem wichtig ist mir, dass ich regelmässig esse.
Und natürlich kann ich das, was ich erlebe, nicht mehr mit meinem verstorbenen Mann teilen – das würde ich gerne. 

Wie gehen Sie mit dem Alleinsein um?

Wer alleine ist, braucht Struktur. Die Freiwilligenarbeit, das Turnen, all das gibt mir Struktur. Ich muss aufstehen und rausgehen.
Ich finde es sehr wichtig, dass ältere Menschen rausgehen, vor allem, wenn sie alleine sind. Sie sollen nicht auf andere warten und das Alleinsein beklagen. Es gibt so viele Angebote, zum Beispiel von Pro Senectute oder von der Kirche. Ältere Menschen müssen aufgefordert werden, am Leben teilzunehmen! Ich will so lange wie möglich aktiv bleiben. Mein Vorbild ist eine sehr geschäftige 102-jährige Bekannte, erst kürzlich hat sie sich ein Deux-Pièce gehäkelt.

Wie gehen sie damit um, wenn jemand aus ihrem Umfeld nicht mehr so aktiv sein kann?

Wenn es einer Person aus meinem Umfeld nicht mehr gut geht, ist es mir ganz wichtig, dass ich sie nicht fallen lasse. Ich rufe sie an und frage, wie es ihr geht. Ich will ihr zeigen, dass ich an sie denke.

Kontakt

Simone Buchmann
Abteilung Prävention nichtübertragbarer Krankheiten

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